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Norddeutschland Schatzsucher plündern Schiffswracks
Nachrichten Norddeutschland Schatzsucher plündern Schiffswracks
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15:59 29.06.2015
Tauchschulen in der Lübecker Bucht bieten Touren zum Wrack der „Holstentor“ an. Dabei handelt es sich um ein Flugsicherungsboot aus dem Zweiten Weltkrieg, das in den 50er Jahren als Fahrgastschiff diente. Angeblich soll es auf dem Weg zur Abwrackwerft gesunken sein. Vielleicht wurde es sogar absichtlich versenkt, da zuvor sämtliche Maschinen entfernt worden waren. Quelle: nicedive4u
Scharbeutz

Sie reißen Bullaugen heraus, stehlen die Schiffsglocke und den Anker oder nehmen einfach ein paar Teller mit: Die Schiffswracks in der Ostsee werden immer häufiger von Schatzsuchern oder Souvenirjägern demoliert und geplündert. „Alles, was nicht niet- und nagelfest ist, wird geklaut“, sagt der Kieler Unterwasserarchäologe Florian Huber. Unter Wasser herrsche eine unglaublich hohe kriminelle Energie. „Einige Taucher glauben, sie könnten dort alles machen. An Land schraubt doch auch niemand an Denkmälern herum.“

In der Kieler Förde gebe es etwa 25 Schiffswracks, die meisten seien bereits geplündert worden. Zum Beispiel das schwedische Kriegsschiff „Hedvig Sophia“, das 1715 während des Großen Nordischen Krieges gesunken war und erst 2008 wiederentdeckt wurde. Auch vor der UC-71 machten die Schatzsucher nicht halt, obwohl das 1919 in der Nordsee gesunkene U-Boot in einem Naturschutzgebiet vor Helgoland liegt. „Vor Dänemark haben Taucher Sprengstoff benutzt, um die Laderäume eines Wracks zu öffnen“, sagt Huber.

Auch in der Lübecker Bucht werde viel geplündert. Dort befinden sich zahlreiche Wracks, darunter mehrere Segelboote, eine Schute und die Motoryacht „Fiede“. Die größten Schiffe sind das knapp 25 Meter lange Ausflugsboot „Holstentor“ und der 45 Meter lange Lotsendampfer „Lotsenkommandant Krause“, der um das Jahr 1900 gebaut wurde. „Er wurde 1966 in der Bucht versenkt und von der Bundesmarine als Übungsobjekt für Unterwassersprengungen genutzt“, sagt Michaela Günther vom Tauchcenter „nicedive4u“ in Timmendorfer Strand, die regelmäßig Tauchgänge zu den Wracks anbietet. „Durch die Sprengungen ist leider das Wrack sehr stark beschädigt. Dadurch hat es aber etwas von einem Abenteuerspielplatz, auf dem es immer wieder etwas Neues zu entdecken gibt.“

Archäologisch seien die Wracks alle nicht so interessant, sagt Oliver Volz vom Tauch-Sport-Zentrum „Tauchenostsee“ in Scharbeutz. „Da die Lübecker Bucht nur maximal 25 Meter tief ist, haben wir nur kleinere Schiffswracks.“ Größere würden aus dem Wasser herausragen und seien deshalb abtransportiert worden. So wie auch die „Cap Arcona“, nach der viele Taucher fragten. „Dort ist nichts mehr zu sehen“, sagt Volz. „Und wir fahren mit den Tauchern auch nicht hin, weil es eine Gedenkstätte ist.“

Für Souvenirjäger seien laut Florian Huber aber auch die kleinen Wracks interessant. Denn bei vielen Tauchern herrsche inzwischen die Mentalität, dass sie etwas von den Wracks mitbringen müssten, um zu beweisen, dass sie auch wirklich dort waren. „Ich sehe täglich bei Facebook und in Internetforen Bilder von gestohlenen Wrackteilen“, sagt der 39-Jährige.

Dabei gelten Schiffswracks als wichtiges Kulturgut. Bis zu zwölf Seemeilen vor der Küste gehören sie zum Staat. Laut Denkmalschutzgesetz ist es verboten, sie zu plündern. „Aber es ist unglaublich schwierig, das zu kontrollieren“, sagt Huber. „Denn wir können nicht vor jedes Wrack einen Archäologen oder einen Polizisten stellen, der es bewacht.“ Nur bei Tauchgängen würden die Plündereien dann sichtbar.

Das Problem sei, dass das Plündern von Wracks nur eine Ordnungswidrigkeit darstelle und lediglich mit einem Bußgeld bestraft werde. „Es muss härtere Strafen geben, die abschrecken“, fordert Huber.

Zudem sei es nötig, in den Tauchschulen besser aufzuklären. Im Tauch-Sport-Zentrum in Scharbeutz geschieht dies bereits. Volz: „Wir sagen immer, dass es verboten ist, die Wracks anzurühren. Und dass die Taucher nach Hause schwimmen dürfen, wenn sie etwas von den Wracks mitbringen.“

Janina Dietrich