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Norddeutschland Bauernhöfe für Menschen mit Demenz
Nachrichten Norddeutschland Bauernhöfe für Menschen mit Demenz
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06:00 17.03.2019
In Schleswig Holstein werden Demenzkranke im Rahmen eines Modellprojektes stundenweise auf Bauernhöfen betreut. Der Kontakt zu den Tieren und der Geruch von Stall und Heu soll die alten Menschen an ihr Leben auf dem Land erinnern. Ingrid und Rolf Sülzer hatten früher auch Ponys und Hunde, trotzdem scheint Ingrid Sülzer sich nicht zu erinnern. Quelle: 54° / Felix König
Scharbeutz/Schürsdorf

 Sobald Ingrid Jacobs (79) in den Stall kommt, wird sie zu einem anderen Menschen. Den Stock, auf den sie sich eben noch gestützt hat, hält sie in der Hand. Ihre Haltung ist jetzt aufrecht. Der Kontakt zu Tieren und der Geruch von Stall und Heu soll Demenzkranke an ihr früheres Leben erinnern – das Leben vor dem Vergessen. Jacobs greift nach dem Striegel und bürstet dem Pony Manni Knipper in langen Strichen den Rücken. „Du musst erst einmal sauber gemacht werden“, sagt sie und klopft dem Tier mit der faltigen Hand auf die Kruppe. Ihre Tochter Anke Jacobs steht neben ihr, beobachtet ihre Mutter, die wie ausgewechselt scheint.

„Deine Hilfe kann ich gut gebrauchen“, sagt Pferdezüchterin Marie-Luise von der Sode. Die alte Frau reagiert nicht, sondern striegelt das Pony unbeirrt weiter. „Wir müssen dich erst einmal sauber machen“, sagt Jacobs erneut und sammelt ein paar Strohhalme aus dem Schweif des Tiers. „Da hat aber einer Erfahrung“, sagt von der Sode begeistert. „Ich hatte ein Pferd früher“, entgegnet Jacobs. Ihre Tochter zieht ein vergilbtes Foto aus der Manteltasche, reicht es ihrer Mutter. Auf dem Bild sitzt eine junge Frau auf einem hochgewachsenen Pferd, rechts von ihr steht ein Mann. „Das ist mein Vater, das bin ich. Und das ist Max, der Fuchs“, sagt Ingrid Jacobs und zeigt auf das alte Foto. „Fuchs du hast die Gans gestohlen, gib sie wieder her, gib sie wieder her, sonst wird dich der Jäger holen mit dem Schießgewehr“, beginnt sie zu singen und lacht voller Freude.

Das ModellprojektBauernhöfe für Menschen mit Demenz“ gibt es in dieser Form nur einmal in Deutschland

Rund 1,6 Millionen Menschen in Deutschland leiden an Demenz. In Schleswig-Holstein leben geschätzt 57 600 Menschen mit Demenz. Etwa ein Drittel der Demenzkranken lebt in Pflegeheimen, der Großteil der Menschen wird jedoch zu Hause betreut. Um das Leben dieser Menschen zu verbessern und die Heimunterbringung hinauszuzögern, hat die Schleswig-Holsteinische Landwirtschaftskammer mit dem Kompetenzzentrum für Demenz im Jahr 2015 ein Modellprojekt gestartet, das es in dieser Form nur einmal in Deutschland gibt: Alte Menschen mit Demenz kommen stundenweise auf einen Bauernhof, die Familien dort kümmern sich um sie. Insgesamt 14 Höfe in Schleswig-Holstein bieten eine solche Betreuung aktuell an, weitere sollen folgen. Das Projekt hat über die Landesgrenzen hinaus viel Anerkennung bekommen.

„Ein Hof mit Tieren ist der ideale Ort, um Menschen zu berühren und an ihre Wurzeln zu führen“

In Schleswig-Holstein werden Demenzkranke im Rahmen eines Modellprojektes stundenweise auf Bauernhöfen betreut. Der Kontakt zu den Tieren und der Geruch von Stall und Heu sollen sie an ihr Leben auf dem Land erinnern.

Von der Sode ist Pferdezüchterin und Kinder- und Altentherapeutin. An Demenz erkrankte Menschen lädt sie seit April 2018 zu sich auf ihre Shettyfarm Moin Moin in der Nähe von Scharbeutz ein. Schon viele Jahre zuvor ist sie mehrmals die Woche ins Altenheim gefahren. Mit dabei hatte sie ihre im Hänger verladenen Ponys und die drei Therapiehunde Lily, Haselnuss und Hubertus. Zusammen mit den Tieren hat sie Demenzkranke auf ihren Zimmern besucht, mit ihnen gekocht und Kuchen gegessen. „Ein Hof mit Tieren ist der ideale Ort, um Menschen emotional zu berühren und an ihre Wurzeln zu führen“, sagt von der Sode. „Gerade für die älteren Generationen, die oftmals auf Höfen gearbeitet oder gelebt haben, weckt die Zeit hier Erinnerungen.“ Auf einer Weide neben dem Haus stehen die drei Ponys Felix, Polli und Manni Knipper, im Stall daneben sind Hühner untergebracht. „Die Tiere hier sind Gesellschafter. Sie müssen nicht gestreichelt werden, aber sie sind immer da“, sagt von der Sode. Wichtig sei ihr vor allem, dass sich die Menschen bei ihr gut aufgehoben fühlen. „Wir singen, gärtnern, kochen und essen gemeinsam. Die Tiere sind währenddessen bei uns.“

Der Besuch der Demenzkranken auf dem Hof soll die Angehörigen entlasten

Wie lange der Ausflug zur Shettyfarm Moin Moin dauert, entscheiden die Besucher selbst – drei Stunden bis hin zu einem vollen Tag können sie bleiben. Die Zeit auf dem Hof soll vor allem auch der Entlastung der Angehörigen dienen. „Aber wenn ein Angehöriger mitkommen möchte, ist auch das okay“, sagt von der Sode. Ingrid und Anke Jacobs verabschieden sich nach dem Streicheln und Striegeln der Ponys. Jacobs ist müde, und kalt ist ihr auch. „So ein Ausflug ist anstrengend für die Demenzkranken“, erläutert von der Sode. Die neue Umgebung, die Menschen und die vielen Eindrücke – „das ist alles sehr viel für sie. Aber selbst ein kurzer Besuch birgt viele Chancen.“ Kein Mensch wolle in Sinnlosigkeit verfallen. „Bei mir auf dem Hof können die Menschen aufgehen, mich bei dem unterstützen, was sie können und wollen.“ Das gebe ihnen ein gutes Gefühl.

Manche Erinnerungen kommen wieder, andere sind ausgelöscht

Neben Ingrid Jacobs und ihrer Tochter sind auch Ingrid Sülzer (75) und ihr Mann Rolf zu Besuch bei Pferdezüchterin von der Sode. Sowohl Jacobs, als auch Sülzer kennen das Leben auf dem Hof. Sie hatten selbst Pferde, Hunde, Hühner und Enten. Als Ingrid Sülzer mit ihrem Mann Rolf Sülzer aus dem Stall zurück ins Haus spaziert, schüttelt er den Kopf. „Ich dachte, sie würde sich stärker erinnern“, sagt er. „Wir hatten ja immer Pferde und Hunde.“ Seine Augen werden feucht. Er blickt über die Weite der Felder und Wiesen, die dem Haus zu Füßen liegen. „Wo ist Rolf?“, fragt Ingrid Sülzer, die Augen weit aufgerissen. „Ich bin da, mein Schatz“, antwortet Rolf sofort, nimmt das Gesicht seiner Frau zärtlich in die Hände und drückt ihr einen Kuss auf die Lippen. „Wir sind jetzt 52 Jahre verheiratet. Aber manchmal fragt sie, wo denn Rolf sei, wenn ich doch gerade ihre Hand halte.“ Er blickt zu Boden, dann zurück zu seiner Frau. „Aber ich bin die Person, die jeden Tag zu ihr kommt. Und das weiß sie.“

Am späten Nachmittag ist es auch für Ingrid und Rolf Sülzer an der Zeit zu gehen. „Ich freue mich, wenn ihr bald wiederkommt!“, sagt von der Sode zum Abschied. „Das freut mich. Und Rolf freut sich auch“, sagt Ingrid Sülzer, winkt lächelnd, und geht durch die Küchentür, Hand in Hand mit ihrem Mann.

Josephine Andreoli

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