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Norddeutschland Wie sicher sind die Flüchtlingsunterkünfte?
Nachrichten Norddeutschland Wie sicher sind die Flüchtlingsunterkünfte?
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22:15 04.10.2018
Eltern schieben einen Kinderwagen über das Gelände der Flüchtlingsunterkunft in Boostedt (Kreis Segeberg).
Eltern schieben einen Kinderwagen über das Gelände der Flüchtlingsunterkunft in Boostedt (Kreis Segeberg). Quelle: dpa
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Kiel

Boostedt (Kreis Segeberg) kommt nicht aus den Schlagzeilen. In der Erstaufnahmeeinrichtung ist es erneut zu einem dramatischen Zwischenfall gekommen. Ein 20-jähriger Somalier stach auf einen Landsmann ein und verletzte ihn dabei schwer. Das 32-jährige Opfer musste in einem Krankenhaus notoperiert werden. Jetzt wird die Frage laut, ob für die Sicherheit der Flüchtlinge genug getan wird. Erst am 14. September hatte ein 34-jähriger iranischer Aylbewerber in der Unterkunft versucht, seine vom ihm getrennt lebende Frau umzubringen.

„So große Einrichtungen gehen auf Dauer nie gut“, sagt Stefan Schmidt, Zuwanderungsbeauftragter des Kieler Landtags und Ex-Kapitän des Flüchtlingsschiffs „Cap Anamur“. Das gelte insbesondere vor dem Hintergrund, dass in Boostedt rund 70 Menschen wohnen, die keine Aufenthaltsperspektive hätten und wüssten, dass sie ausgewiesen werden.

Grüne hinterfragen Konzept

Die Landesregierung müsse sich die Frage stellen, ob das Schutzkonzept für die Flüchtlingseinrichtungen ausreichend ist, sagt die Grünen-Abgeordnete Aminata Touré. Einrichtungen, in denen viele Menschen zusammenkommen, hätten ein hohes Eskalationspotenzial. Das würde nicht anders sein, wenn es sich um Deutsche handelt. Die Bundesregierung aber erwarte Einrichtungen mit mindestens 500 Personen. „Wenn Länder merken, dass diese großen Einrichtungen nicht das Sinnvollste sind, dann müssen sie selbstbewusster nach draußen gehen und in Berlin ein Umdenken einfordern“, verlangt Touré.

Diese Häufigkeit von Gewalt mache stutzig, sagt Serpil Midyatli (SPD). „Selbstverständlich muss als Sofortmaßnahme das Sicherheitskonzept überprüft werden.“ Noch viel wichtiger allerdings sei die Integration der Flüchtlinge, das Ziel, sie schnell in Beschäftigung zu bringen.

Landesamt verweist auf Personalverstärkung

Ulf Döhring, Leiter des Landesamts für Ausländerangelegenheiten, sieht nach dem neuerlichen versuchten Tötungsdelikt keinen Anlass zu reagieren. Polizei und Landesamt für Ausländerangelegenheiten hätten die Zahl ihrer eingesetzten Mitarbeiter im Frühjahr nachhaltig erhöht und so „wesentlich zu einer weiteren Stärkung der Sicherheit in der Landesunterkunft beigetragen“. Polizei, privater Wachdienst und DRK-Betreuer seien rund um die Uhr als Ansprechpartner vor Ort. Allerdings, so Döhring, könne nachts nicht an jedem Ort der Liegenschaft, nicht in jedem Zimmer ständig ein Mitarbeiter präsent sein, um in Streitfällen deeskalierend einzugreifen. „Die Menschen haben ein Recht auf Achtung ihrer Privatsphäre.“

Das 32-jährige Opfer des jüngsten Angriffs hatte sich am Mittwochabend um 23.28 Uhr, von mehrerern Messerstichen seines Mitwohners schwer verletzt, gerade noch in die Polizeistation der Landesunterkunft schleppen können. Die Beamten leisteten Erste Hilfe und forderten umgehend einen Rettungswagen an. Die Fahndung nach dem Tatverdächtigen hatte um 0.30 Uhr Erfolg. Der 20-jährige wurde in seiner Wohnung festgenommen. Er wurde am Donnerstag dem Haftrichter vorgeführt.

Curd Tönnemann