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Norddeutschland Schweinehalter Hendrik Bielfeldt fürchtet um seine Existenz
Nachrichten Norddeutschland Schweinehalter Hendrik Bielfeldt fürchtet um seine Existenz
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07:20 13.02.2020
Schweinehalter Hendrik Bielfeldt in Bünsdorf. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
Bünsdorf

Wer den großen Stall betritt, in dem Bauer Hendrik Bielfeldt in Bünsdorf (Kreis Rendsburg-Eckernförde) 800 Sauen hält, bemerkt schnell einen intensiven Geruch – nach Schwein. Jeder muss sich erstmal umziehen und duschen, bevor er zu den Tieren darf. „Reinduschen“, nennen das Bielfeldt und seine vier Mitarbeiter. „Reinduschen ist bezahlte Arbeitszeit“, erklärt der Landwirt. „Rausduschen ist Freizeit.“

Lautstarkes Gegrunze

Während er erklärt, wieso absolute Hygiene für seinen Bestand so wichtig ist, ertönen von drinnen eindringliche Tierlaute – grunzende Muttersauen, quiekende Ferkel.

Bielfeldt öffnet die Tür zur Kinderstube. Rosige Mamas liegen da in sogenannten Ferkelschutzkörben. Das sind verzinkte Metallgestelle, in denen die Muttertiere vorwiegend liegen, so dass bis zu 16 Ferkel an ihren Zitzen saugen können. „Die Sauen haben in den ersten Wochen kein Bedürfnis, sich zu bewegen“, erklärt der Landwirt. Alle 45 Minuten säugt die Mutter ihre Ferkel. Ein paar Mal am Tag erhebt sie sich, um zu saufen. „Der Ferkelschutzkorb verhindert, dass sie sich danach an der Wand ablegt und dabei Ferkel erdrückt.“

Schutzkorb in der Diskussion

Genau der Schutzkorb aber ist in der Diskussion – seit dem „Magdeburger Urteil“ 2017. ,„Alle Tiere sollen ihre Gliedmaßen jederzeit ungehindert ausstrecken können“, fasst Dietrich Pritschau, Vizevorsitzender des Landes-Bauernverbandes Schleswig-Holstein und selbst Halter von 430 Sauen in Westerrade (Kreis Segeberg), zusammen. Dieser Aspekt habe in die Novelle der Tierschutz-Nutztierhalterverordnung Eingang gefunden, über die am Freitag im Bundesrat abgestimmt wird.

Betroffen seien auch die Kastenstände, in denen die Sauen derzeit bis zu 28 Tage stehen, wenn sie besamt werden sollen und „rauschig“ sind. „Weil sie sonst andere Tiere bespringen würden und für Unruhe sorgen“, verdeutlicht Pritschau. Höchstens noch acht Tage sollen die Schweine im Kastenstand sein. Die Ferkelschutzkörbe müssen raus. Und die Boxen, die Bielfeldt den Tieren zuliebe vor einigen Jahren schon 20 Prozent größer baute, als er gemusst hätte, sollen noch geräumiger werden. Insgesamt sollen die Tiere mehr Platz haben. Vor den Schweine-Bauern liegt – so sehen es Pritschau und Bielfeldt – gigantische Umbaumaßnahmen.

Umbaumaßnahmen für Millionen

„Werden die Boxen größer, passt auch das Ableitungssystem darunter für die Gülle nicht mehr“, sagt Bielfeldt. Er zeigt an die Decke seines Stalls. „Die Lüftungskanäle da oben, die den Schweinen Frischluft verschaffen, müssen ebenfalls ausgetauscht werden.“ Zudem müsse ein zusätzlicher Stall her, wenn er trotz größerer Boxen die gleiche Zahl an Tieren halten wolle. „Ich rechne mit Baukosten von einer Million Euro.“ Und das, wo das Ehepaar Bielfeldt ohnehin schon Millionen in seine hochmoderne Sauenanlage investiert hat.

300 Sauenhalter gibt es in Schleswig-Holstein, schätzt Pritschau. Die Hälfte habe bei einer Umfrage angekündigt, dass sie aufgeben wird, wenn die Neuerungen Gesetz werden. Das befürchtet auch Bielfeldt, der sich mit 110 Kollegen zum „Sauennetzwerk Schleswig-Holstein“ zusammengeschlossen hat. Bald werde es so weit kommen, dass dänisches, niederländisches oder spanisches Schweinefleisch den deutschen Markt erobere. „Bei den Nachbarn sind die Vorschriften nämlich weniger streng.“ 30 Prozent der Ferkel werden derzeit schon aus Dänemark und den Niederlanden importiert.

Problem Ferkel-Kastration

Dies gelte nicht zuletzt für ein weiteres Kapitel, das den Sauenhaltern Sorge bereitet: die Ferkelkastration. Noch werden bei Bielfeldt die wenige Tage alten Eber ohne Betäubung kastriert. 2021 darf er das nicht mehr. „Aus Tierschutzgründen ist Schmerzfreiheit vorgeschrieben, was eine Vollnarkose bedeuten würde.“ Leider seien die männlichen Ferkel dann drei Stunden lang außer Gefecht und würden schlafen – anstatt die überlebenslebenswichtige Muttermilch zu trinken. Pritschau und Bielfeldt befürworten ein Impf-Medikament, dass die Samenproduktion der Eber hemmt. Doch sei der Lebensmittel-Einzelhandel damit nicht einverstanden,erklärt Bielfeldt. „Das Problem ist ungelöst.“

Am meisten aber stört Bielfeldt, dass der Verbraucher nicht wisse, woher das Fleisch kommt. „Wir fordern wie der Bauernverband, dass der Handel zur Kennzeichnung verpflichtet wird.“

Man sei ja durchaus bereit zur Veränderung, betont der Bauernverband. Auch Bielfeldt ist es nicht egal, wie seine Tiere sich fühlen. „Die Schweine sind für uns wie Kollegen. Wir kommen rein und sagen „Moin’. Ein gewisses Vertrauensverhältnis muss einfach da sein.“ Aber er will auch mit seinem Betrieb überleben und könne deshalb nur hoffen, dass die Politiker die Bauern hören. „Wir Landwirte wollen umbauen für mehr Tierwohl, nur dann darf kein billig produziertes Ferkel oder Schweinefleisch aus dem Ausland kommen und die notwendigen höheren Preise zerstören.“

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