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Norddeutschland Schweinepest: Kreise üben den Ernstfall
Nachrichten Norddeutschland Schweinepest: Kreise üben den Ernstfall
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20:10 27.06.2018
Ralf Soltau von den Landesforsten beim Aufbau des Sicherungszaunes im Segeberger Forst.
Ralf Soltau von den Landesforsten beim Aufbau des Sicherungszaunes im Segeberger Forst. Quelle: Fotos: Ulf-Kersten Neelsen
Wahlstedt

Es ist 9.30 Uhr im Segeberger Forst bei Wahlstedt. Deutsch- Drahthaar-Hündin „Leni“ schlägt an. Sie hat einen Wildschweinkadaver entdeckt. Jäger Carl-Wilhelm Ohrt lobt den Hund, dann informiert er das Kreisveterinäramt. „Zwei Stunden haben wir gesucht.“

Die Afrikanische Schweinepest ist auf dem Vormarsch. In Tschechien und Ungarn grassiert sie bereits. 1,5 Millionen Schweine von 2000 Schweinehaltern in Schleswig-Holstein sind bedroht. Die Behörden wollen vorbereitet sein. Am Mittwoch probten sie den Ernstfall.

Ohrts Hund ist der Erste, der ein Schwein entdeckt hat. Insgesamt sieben tote Sauen liegen in der Umgebung, sieben Hundeführer sind alarmiert worden, um sie zu finden. Drei Bergungstrupps stehen bereit. Denn die Afrikanische Schweinepest ist ausgebrochen – so die Ausgangslage der Übung. Vertreter des Kieler Umweltministeriums, des Landeslabors und der Landesforsten sind dabei.

„Wir wissen schon, dass es die Schweinepest ist“, beschreibt Gabriele Wallner vom Tierseuchenreferat des Ministeriums das Übungs-Szenario. Bei einem ersten Tier, das im Ernstfall schon ein bis zwei Tage zuvor gefunden worden wäre, hätte sich die entnommene Probe bei der Untersuchung durch das Landeslabor in Neumünster als positiv erwiesen. „Eine Gegenprobe durch das Friedrich-Löffler-Institut auf der Insel Riems hätte den Befund bestätigt.“

Dann gibt der Kreis Seuchenalarm – und entscheidet in Zusammenarbeit mit dem Forstamt über den Verlauf eines Sicherungszaunes. Wallner: „Das Kerngefahrengebiet mit einem Radius von fünf Kilometern wird binnen einer Woche eingezäunt.“ Die gefährdete Zone ist mit 15 Kilometern noch größer. „Allein in diesem Bereich sind 139 Schweinehalter mit 79000 Tieren betroffen“, stellt Tim Scherer, Direktor der Landesforsten, fest.

Innerhalb der eingezäunten Zone werde alles getan, um das Schwarzwild nicht zu beunruhigen, sagt Wallner. „Sonst suchen sie am Zaun nach Schwachpunkten, um ausbrechen zu können.“ Allein im Kerngebiet, schätzt Forstdirektor Scherer, leben mindestens 100 Wildschweine.

Doch der Zaun, im Übungsfall sind es 45 Kilometer, ist elektrisch und stark geladen. „An kritischen Stellen errichten wir zur Verstärkung einen richtigen Wildzaun als zweite Linie“, sagt Simon Russell von den Landesforsten. Zehn Kilometer Wildzaun hat der Kreis für diesen Fall eingelagert, 60 Kilometer Elektrozaun sind vorhanden.

Auf einem Waldweg haben Forstarbeiter mit dem Elektrozaun eine Absperrung errichtet, die das Passieren unmöglich macht. „Im Ernstfall könnte das eine zweispurige Landstraße sein“, sagt Russell. Was fehlt, ist eine Desinfektions-Schleuse. Wallner ergänzt: „Die sähe so aus, dass jedes Auto, das aus der Kernzone raus will, durch ein Becken fährt und dabei durch einen Sprühbogen von oben desinfiziert wird.“

Eine solche Schleuse wurde gestern im Kreis Herzogtum Lauenburg eingerichtet, wo ebenfalls Tierkadaver ausgelegt wurden. Die Kreise Plön und Ostholstein übten die Einberufung eines Krisenstabes.

An der Fundstelle im Segeberger Forst haben zwei Tierärzte und ein Mitarbeiter des Ordnungsamtes in Schutzkleidung inzwischen auch den von „Leni“ gefundenen Schweinekörper beprobt. „Im Blut lässt sich das Virus am besten nachweisen“, verdeutlicht Kristina Pietrow, amtliche Tierärztin des Kreises Segeberg. Das rund 100 Kilo schwere Wildschwein wird in eine Plane gehüllt und auf einen Anhänger verfrachtet. Anschließend wird auch die Fundstelle desinfiziert.

„Wir hoffen, dass das, was wir heute erleben, niemals eintrifft“, betont Umweltminister Robert Habeck, der die Übung ebenfalls verfolgt hat. Die Wahrscheinlichkeit eines Ausbruchs der Afrikanischen Schweinepest, die für die Mastbetriebe eine wirtschaftliche Katastrophe bedeuten würde, sei jedoch größer als die Möglichkeit, dass dies nicht passiere. „Wir wollen für den Ernstfall gerüstet sein.“

Von Marcus Stöcklin