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Norddeutschland Schwerer Vorwurf: Wird Borreliose verharmlost?
Nachrichten Norddeutschland Schwerer Vorwurf: Wird Borreliose verharmlost?
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07:45 21.08.2019
Zecken suchen sich einen geeigneten Platz auf der Haut, um Blut zu saugen. Quelle: Daniel Reinhardt/dpa
Bad Segeberg

Die wirkliche Zahl der Erkrankungen ist unklar. Der Patientenbund fordert eine bundesweite Meldepflicht, deren Sinn jedoch umstritten ist. Die Vorwürfe wiegen schwer.

Die Gefahr der Borreliose durch einen Zeckenstich werde in Deutschland kleingeredet. Länder wie Schleswig-Holstein würden eine Meldepflicht ablehnen und so „eine Gesamtschau verhindern und das Krankheitsrisiko verharmlosen“. Die Kritik kommt von einer Patientenorganisation, dem Borreliose und FSME Bund Deutschland.

Viel mehr Fälle als gedacht

„Die Horrormeldungen über Zecken werden für das Jahr 2018 noch mindestens um das Zehnfache übertroffen, wenn man die Zahlen der Arztabrechnungen bei den Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) einsieht. Im Vergleich zu Meldezahlen aus neun Bundesländern mit Borreliose-Meldepflicht zeigen sich riesige Diskrepanzen zu den abgerechneten Diagnosen“, sagt Ute Fischer, Sprecherin des Bundes.

So seien in Brandenburg 1555 Borreliose-Patienten gemeldet worden, die ärztlichen Abrechnungen würden aber zeigen, dass die Diagnose 10 000 Mal gestellt wurde. Schleswig-Holstein würde sich einer Meldepflicht verweigern, daher gebe es keine Meldezahlen, aber die Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung würden zeigen, dass Borreliose tatsächlich ein großes Problem im Norden sei. „Es wird immer gesagt, bei uns im Norden ist das kein Problem. Aber 6451 Mal wurde in Schleswig-Holstein 2018 die Diagnose Borreliose gestellt und die Dunkelziffer ist sogar noch um ein Vielfaches höher“, beklagt Ute Fischer. Ist die Gefahr also doch viel größer als gedacht?

Wie viele Erkrankungen sind es wirklich?

Die Suche nach der Wahrheit beginnt bei der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein in Bad Segeberg. „Die Zahl ist korrekt. Es wurden 6451 Patienten mit gesicherter Diagnose abgerechnet“, sagt Pressesprecher Marco Dethlefsen.

Doch die Rechnung des Patientenbundes hat auch einen Haken. Sind 6451 Patienten mit gesicherter Diagnose auch wirklich 6451 Einzelpersonen? Was ist mit Patienten, die mit ihrer Erkrankung zu mehreren Ärzten gehen? Tauchen sie vielleicht auch mehrfach in der Statistik auf? „Das können wir aus der Statistik nicht ersehen und daher auch nicht ausschließen“, so Dethlefsen. Es würde zumindest einen Teil der Diskrepanz zwischen Meldezahlen und abgerechneten Diagnosen erklären. Trotzdem bleibt die Zahl der abgerechneten Erkrankungen hoch.

Untererfassung bei meldepflichtigen Erkrankungen

Dass die Zahl der gemeldeten Erkrankungen niedriger als die reale Zahl der Erkrankung ist, ist jedoch nicht ungewöhnlich. „Es gibt praktisch bei allen meldepflichtigen Erkrankungen eine Untererfassung“, erklärt Susanne Glasmacher vom Robert-Koch-Institut.

Laut verschiedenen Studien liegt die reale Zahl der Borreliose-Fälle in Deutschland im Jahr zwischen 80 000 und 214 000. Den Vorwurf, dass Borreliose von offizieller Seite verharmlost wird, lässt Glasmacher nicht gelten. „Wir haben immer gesagt, dass die Borreliose eine in ganz Deutschland weitverbreitete Krankheit ist, die ernst zu nehmen ist“, sagt Glasmacher.

Sinn einer Meldepflicht ist umstritten

Eine bundesweite Meldepflicht gibt es trotzdem nicht, und das Gesundheitsministerium in Kiel lehnt auch eine Meldepflicht nur für Schleswig-Holstein weiterhin ab. „Die Meldepflicht von Infektionserkrankungen ist bundesweit im Infektionsschutzgesetz geregelt. Dies ist für Schleswig-Holstein auch in Bezug auf Borreliose ausschlaggebend, wonach Borreliose nicht meldepflichtig ist“, sagt Ministeriumssprecher Christian Kohl und verweist auf eine Einschätzung des Robert-Koch-Instituts.

Ob eine Krankheit oder ein Erregernachweis meldepflichtig sei, hänge demnach auch davon ab, ob die Meldepflicht „ein geeignetes und angemessenes Mittel ist, um damit Verbesserungen für den Gesundheitsschutz zu erreichen. Meldepflichtig sind vor allem solche Krankheiten oder Erreger, die ein Handeln des Gesundheitsamtes in Bezug auf den Erkrankten erfordern, um eine Weiterverbreitung zu vermeiden. Eine Lyme-Borreliose ist aber nicht von Mensch zu Mensch übertragbar.“

Außerdem gebe es einen wichtigen Unterschied zu der durch Zecken übertragenen Krankheit FSME, die meldepflichtig ist. FSME komme nur in bestimmten Regionen vor und es gebe eine Impfung. Durch die Meldezahlen können die Mediziner sehen, wo die Krankheit auftritt und für diese Regionen eine Impfempfehlung abgeben. Bei Borreliose hingegen weiß man, dass sie überall in Deutschland vorkommt und es keine Impfung gibt.

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