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Norddeutschland Breites Bündnis hilft Bauern in Not
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15:37 03.01.2019
Milchpreiskrise 2016, Regenmassen 2017, Dürre 2018 (Foto) - Schleswig-Holsteins Bauern haben schwere Jahre hinter sich.  Quelle: Jan Woitas/ZB/dpa
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Kiel

Milchpreiskrise 2016, Regenmassen 2017, Dürre 2018 - Schleswig-Holsteins Bauern haben schwere Jahre hinter sich. Manche gerieten deshalb in wirtschaftliche Not, andere leiden ohnehin unter Konkurrenzdruck, bürokratischen Auflagen und psychischen Problemen, die sie häufig verbergen wollen.

Ihnen allen bietet ein breites Bündnis aus Agrarministerium, Bauernverband, Landwirtschaftskammer, Nordkirche, Landfrauen und Sozialversicherung seit gut zwei Jahren verstärkt Hilfe an. Staatssekretärin Anke Erdmann zog am Donnerstag eine positive Zwischenbilanz. Das Netzwerk funktioniere, sagte sie. «Die Leute sind nicht allein.»

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Burnout, Depression und Co. bei jedem sechsten Landwirt

Es gehe bei weitem nicht nur um wirtschaftliche Probleme, sagte Erdmann. «Notlagen können auf den besten Höfen vorkommen.» Nach Angaben der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG) waren in Deutschland im Jahr 2013 bei etwa jedem sechsten Landwirt Burnout, Depressionen und andere psychische Störungen die Ursache für Erwerbsminderungen.

Wer daran leide, versuch es oft zu verbergen. «Bis die Bauern sich öffnen, dazu gehört schon etwas», sagte Klaus Dahmke vom Bauernverband. «Wenn die Seele aus dem Gleichgewicht gekommen ist, dann werden wir gerufen.»

Rund 11 500 Betriebsinhaber gibt es nach Angaben des Ministeriums derzeit in Schleswig-Holstein, davon sind etwa 4500 über 55 Jahre alt. Dazu kommen ungefähr 7900 mitarbeitende Familienangehörige.

EU als Schuldige?

Gut ausgebildete jüngere Landwirte sind nach Einschätzung des SVLFG-Experten Jürgen Rosummek eher bereit, Hilfe zu suchen als «in Ehren ergraute». Zudem gebe es regionale Unterschiede. «Ein früher Hilferuf ist der beste», sagte SVLFG-Vertreter Hans Friedrichsen.

Die Sozialversicherung der «grünen Berufe» hilft Landwirten mit diversen Gesundheitsangeboten. Die Leistungs- und Leidensfähigkeit von Landwirten sei sehr hoch, meinte Anneli Wehling vom Verband der Milchviehhalter. In ihren Augen ist die Agrarpolitik der EU ein Auslöser für Not auf Höfen. Die Bauern würden mit ihren Problemen allein gelassen.

Zahl der sozioökonomischen Beratungen um 25 Prozent gestiegen

Die Landwirtschaftskammer hat 2018 deutlich mehr in Not geratene Bauern beraten als im Jahr zuvor. Nach ihren Angaben stieg die Zahl der sozioökonomischen Beratungen von Betrieben von rund 200 auf etwa 250.

Die Dürre von 2018 habe den Einen oder Anderen in Not gebracht, sagte Kammer-Abteilungsleiter Bernd Irps. Das Land hat der Kammer zwei zusätzliche Beraterstellen finanziert. Bei einem Sorgentelefon der Nordkirche baten im vergangenen Jahr rund 90 Landwirte um Hilfe.

Die Bündnispartner hoben auch hervor, dass ein Bauernhof ein komplexes Gebilde ist, weil der Betrieb nicht nur Arbeits-, sondern auch Wohnort ist und Tiere auch in Krisensituationen versorgt werden müssen.

"Man muss sich auch helfen lassen"

Der Landesvertrauensmann für Tierschutz in der Nutztierhaltung, Edgar Schallenberger, betonte, Probleme in der Tierhaltung entstünden nicht zuletzt dann, wenn ein Landwirt selbst in Not geraten sei. «Man muss sich selber helfen, aber man muss sich auch helfen lassen.»

Die Nachfrage nach Hilfe zeige, dass die Probleme größer sein könnten als vermutet. Schallenberger vermittelt in Notfällen auch Kontakt zu Kliniken: Normalerweise gibt es Termine für psychiatrische Beratung oft erst nach Monaten.

Von RND/dpa