Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Norddeutschland Segeln auf der Ostsee: So lief unser allererster Törn
Nachrichten Norddeutschland Segeln auf der Ostsee: So lief unser allererster Törn
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:46 30.05.2019
Die LN-Redakteurinnen Nadine Wapner und Petra Haase am Steuerrad genießen den Segeltörn von Neustadt nach Travemünde. Quelle: Regine Ley
Neustadt

Alle Mann an Bord – das heißt heute: drei Landratten und ein Skipper. Im Hafen von Neustadt liegt die „Esperanza“, eine Segelyacht von stolzen 13 Metern Länge. Die werden wir gleich entern, bei allerfeinstem Segelwetter: 16 Grad verspricht die Wetterprognose, Windstärke drei bis vier, besser geht’s nicht, und schon jetzt, um 10 Uhr morgens, leuchtet uns ein blitzeblauer Himmel, gekrönt von ein paar Schäfchenwolken. Wir haben einen Tagestörn vor uns, Kurs Travemünde und zurück nach Neustadt.

„Wer geht ans Ruder?“

Einigermaßen seefest, das heißt vertraut mit Begriffen wie Luv und Lee, Großschot und Fock, ist nur eine von uns, Nadine, die mit ihrem Kiteschirm regelmäßig Kurs auf die Ostsee nimmt. Und natürlich Skipper Roland von der Segelschule Well Sailing in Neustadt. Der 65-Jährige sieht aus, wie man sich einen Seebären vorstellt: dichter grauer Schopf, Vollbart, handfest, seefest, strahlt er eine unerschütterliche Ruhe aus. Aus Frankfurt ist er seiner Frau, einer Kielerin, an die Ostsee gefolgt. Seit 14 Jahren ist das Mare Baltikum sein Segelrevier. Heute ist er unser Kapitän, und seinen Kommandos vertrauen wir uns vorbehaltlos an.

Blanker Himmel, eine frische Brise um die Nase, getragen von den Wellen der Ostsee: Die LN-Crew und ihr Tag unter Segeln mit Skipper Roland

Segeln – das sei hier schon mal vorausgeschickt – ist Arbeit. Sie kommt vor dem Vergnügen, denn bevor wir Segel setzen können, müssen das Großsegel und die Fock von der Persenning befreit und Fender eingeholt werden, müssen Schoten und Winschen einsatzbereit sein. Für uns ist das reines Seglerlatein, aber Skipper Roland sagt an, was zu tun ist. An einem kleinen Holzmodell der „Esperanza“ erklärt er uns, wie so ein Dickschiff gesteuert wird: Anders als ein Auto, wo die Räder der Vorderachse die Richtung angeben und das Heck des Wagens in die eingeschlagene Richtung folgt, dreht das Schiff um seine Mitte. Im Klartext: Das Heck schlägt aus, erklärt Roland und fragt: „Wer geht ans Ruder?“

Wir nehmen Fahrt auf

Wie – jetzt? Eine von uns Landratten soll die „Esperanza“ aus dem Hafen manövrieren? Regine traut sich und übernimmt etwas bange das große Steuerrad, lässt sich erklären, wie man das Bugstrahlruder als Steuerhilfe benutzt – und bugsiert uns unter Motor mit kleinstem Schub aus der Bucht, aus dem Hafen hinaus auf die Ostsee. Hier setzen wir Segel, Kurs 120 Grad Südost, der Sonne entgegen, Richtung Travemünde. Regine hält Kurs, das weithin sichtbare Maritim Hotel im Blick, und Skipper Roland trimmt die Segel: holt Fock und Großsegel dicht, strafft das Unterliek – so, dass nichts flattert und der Wind optimal in die Segel greifen kann. Mit sichtbarem Effekt: Wir nehmen Fahrt auf: von 5,8 auf sieben Knoten und legen Punkt 13 Uhr in Travemünde an – hier gibt’s Fischbrötchen und gebratene Scholle, lecker!

In Schlangenlinien über die Ostsee

Gestärkt legen wir ab – nun ist Petra unsere Steuerfrau. Eine Drehung und dann Richtung Ostsee, vorbei an der Promenade. Doch bevor man in die alberne Versuchung kommt, zu winken, gibt Roland die Anweisung, in Schlangenlinien zu fahren. Wie bitte? Wollen wir die Wasserschutzpolizei anlocken, die denkt, wir hätten zu viel Küstennebel getrunken?„Nein, du sollst ein Gefühl für das Steuer bekommen.“

Links, rechts. Das Boot reagiert zuverlässig und dreht noch nach – also rechtzeitig stoppen. Vor uns die Priwall-Fähre, also Vorsicht. „Die hat immer Vorfahrt.“ Doch sie hat noch nicht abgelegt, überhaupt ist es ruhig auf dem Wasser an diesem Dienstag. Die Ostsee liegt vor uns, nun heißt es wieder: Segel setzen. Das geht schon flotter als am Morgen, wir nehmen Fahrt auf. Ein großartiges Gefühl, die Kraft des Windes in den Segeln zu spüren, den Kurs zu halten. Nur Wind, Wellen, Meer und gar nichts mehr. Irgendwo da hinten geht es immer weiter, hinterm Horizont sowieso.

Tagestörns

Segel setzen für einen Tag oder ein Wochenende auf der Ostsee, das bietet unter anderem die Segelschule Well-Sailing in Neustadt an. Hier kann man Halb- und Ganztagesfahrten ab 60/120 Euro pro Person buchen und zu mehrtägigen Ostseesegelreisen aufbrechen – oder einen Segelschein machen, wenn die Leidenschaft für das Segeln einmal geweckt ist. Infos unter: http://www.well-sailing.de
Gelegenheiten zum Mitsegeln findet man außerdem bei www.bluemarlin-yachting.de, bei der Segelschule Frank Lochte in Lübeck (www.segelschule.de) und unter www.handgegenkoje.de

Fertig zum Manöver: Boje über Bord!

Zeit für Kaffee aus der Thermoskanne und Apfelkuchen – eine gute Stärkung für das kommende Manöver. Roland will mit uns „Mann über Bord“ üben. Ach nö, nicht bei acht Grad Wassertemperatur! Aber natürlich muss keiner von uns über Bord hüpfen, Roland wirft eine gelbe Boje ins Wasser. Kurz vorher erklärt er das Manöver: Erst abfallen bis der Wind schräg von hinten kommt und das Boot etwa drei Schiffslängen Abstand von der Boje hat. Dann setzen wir zur Q-Wende an, die so heißt, weil man dabei einen Kreis in Form eines Q mit Schleifchen beschreibt. Dabei drehen wir das Boot zuerst um 180 Grad, so dass wir nun wieder auf die Boje zufahren. Auf Höhe der Boje drehen wir noch einmal um 90 Grad und stellen das Boot in den Wind – nun driften wir langsam ohne Antrieb an die Boje heran und können sie auffischen. Theoretisch.

Roland ist am Steuer, Regine hat einen Bootshaken in der Hand und – zack – die Boje an Bord geholt. Jetzt übernimmt sie das Steuer und Petra den Haken. Regines Q-Wende ist perfekt, aber die Boje schießt wie ein Pfeil am Boot vorbei – verloren. Nach drei weiteren vergeblichen Rettungsversuchen übernimmt Roland den Haken und fischt die Boje gekonnt aus dem Wasser. Das Manöver macht riesigen Spaß, auch wenn wir vier „Opfer“ beklagen müssen.

Ferienfeeling im Heimathafen

Die Zeit verfliegt, Kurs Heimathafen ist angesagt. Wir segeln am Hansapark vorbei. An windstillen Tagen, erzählt Roland, könne man die Schreie der Waghalsigen hören, die sich im neuen Highländer-Turm 120 Meter in die Tiefe fallen lassen. Wir sehen den Turm, hören aber nichts.

Als wir unter Motor in den Hafen einlaufen, übernimmt Nadine das Steuer. Es ist fast windstill, ein paar Segler haben es sich auf ihrem Boot gemütlich gemacht. Ferienfeeling. Nadine „parkt“ rückwärts ein, die Fender stoßen sanft an den Steg. Festmachen, das Boot klar machen, und dann kommt die Feedbackrunde. Wie es uns gefallen habe, fragt Roland. Drei Daumen gehen hoch. Mithelfen, ausprobieren, Fehler machen dürfen – das hat Seelust bei den Landratten geweckt. Wann können wir wiederkommen?

Regine Ley, Petra Haase und Nadine Wapner