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Norddeutschland Sensationsfund bringt neue Erkenntnisse über KdF-Bad in Prora
Nachrichten Norddeutschland Sensationsfund bringt neue Erkenntnisse über KdF-Bad in Prora
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18:25 16.02.2019
Block 5, aufgenommen 2017 im Ostseebad Binz auf der Insel Rügen.
Block 5, aufgenommen 2017 im Ostseebad Binz auf der Insel Rügen. Im Nachlass eines einstigen Statikers für das KdF-Bad Prora sind sensationelle Dokumente gefunden worden. Quelle: Stefan Sauer/dpa
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Prora

Es ist im Zusammenhang mit dem einstigen KdF-Bad in Prora der sensationellste Fund seit vielen Jahrzehnten: Angehörige des kürzlich verstorbenen Sohnes von Adolf Leber fanden in dessen Keller in Köln Kisten aus der Epoche des Dritten Reichs, die zum Teil bisher unbekannte Informationen über das Rügener Prestige-Projekt der Nationalsozialisten enthielten. Und mehr noch: Adolf Leber war nicht nur Chef-Statiker in Prora, sondern bekleidete diese Funktion auch bei „NS-Großbauten wie den Ordensburgen Vogelsang und Krössinsee und Bauten an der Heeresversuchsanstalt Peenemünde“, wie Marco Esseling vom Dokumentationszentrum Prora mitteilt. „Auch davon haben wir Unterlagen und Originalschriftstücke entdeckt.“

Im Nachlass des Statikers Adolf Leber wurden unbekannte Dokumente zum KdF-Bau der Nationalsozialisten in Prora gefunden.

Die Auswertung ist in vollem Gange. Drei wissenschaftliche Mitarbeiter seien damit beschäftigt. „Es ist sehr viel Material vorhanden“, sagt die Leiterin des Zentrums, Katja Lucke. „Und wir müssen uns mit der Dokumentation durchaus beeilen, bevor ein Teil der Papiere endgültig zerfällt.“ Im Herbst sollen Kopien, Fotos und Scans der Originale bereits der Öffentlichkeit präsentiert werden. Das soll im Rahmen einer schon länger geplanten Fotoausstellung passieren, die unter anderem die Baustellen von einst mit denen von heute gegenüberstellen wird.

1944 letztmalig geöffnet

Die Familie Becker, Nachkommen des Statikers, sei vollkommen überrascht gewesen, als sie auf die Kisten stieß. „Und nach meinem Eindruck, sind diese auch letztmalig irgendwann 1944 geöffnet worden“, sagt Katja Lucke. „Die Familie erkannte den Wert des Ganzen und kontaktierte unser Dokumentationszentrum.“ Auch sei es den Angehörigen wichtig gewesen, dass mit dem Material auf gar keinen Fall Geld gemacht würde. „Dafür gibt es ja einen Markt, auf dem gehörige Summen für solche Originale gezahlt werden.“ Die Kisten enthielten detaillierte Zeichnungen und Berechnungen einzelner Bauten des Komplexes und Briefwechsel zwischen dem Statiker und einiger beteiligter Baufirmen. „Darin ist zum Beispiel von Personalproblemen die Rede“, sagt die Leiterin des Dokumentationszentrums. „Gleichzeitig offenbaren sie aber auch, dass die Arbeiter mit Ausbruch des Krieges nicht auf Schlag abgezogen wurden. Auch gab es bis zuletzt Optimierungen der Pläne – zum Beispiel die der Schwimmbäder.“

Aufschlussreich auch, wie mit der Dauer des Krieges mit den Baustofflieferungsproblemen umgegangen worden sei. Laut Lucke wurde vom Statiker und den Bauleuten darüber nachgedacht, wie man mit der Errichtung der Anlage trotzdem vorankommen könnte. „So wurde zum Beispiel auf andere Baustoffe ausgewichen, die leichter zu haben waren“, sagt die Leiterin. „Die waren dann zwar nicht so hochwertig, es ging aber eindeutig darum, weiterarbeiten zu können und das Vorhaben zu realisieren – Stück für Stück.“ Lucke kann nachweisen, dass die Planungen mindestens bis 1942 immer wieder überarbeitet wurden. Sie vermutet aber, dass sich das bis ein Jahr vor Kriegsende fortgesetzt haben könnte.

Eventuell ein Verpflegungstunnel

Sehr aufschlussreich sind auch die Unterlagen, die einen unterirdischen Verbindungstunnel beschreiben, der im Bereich des zentralen Festplatzes als „Fahrttunnel“ bezeichnet wird. Dieser war zwar kein Geheimnis, die neuen Dokumente legen allerdings viel Neues offen. „Zum Beispiel, dass die Planungen dafür schon komplett fertig waren“, sagt Katja Lucke. „Es sollte ja eine vollständige 7,5-Kilometer-Verbindung geben. Es ist gut möglich, dass das Ganze als eine Art Verpflegungstunnel gedacht war.“ Die Dokumente für die Ordensburgen Vogelsang und Krössinsee sowie der Heeresversuchsanstalt Peenemünde gehen den jeweiligen Forschungsstätten und Museen zu. „Wir wussten bisher überhaupt nicht, dass Adolf Leber dort ebenfalls die Rolle des Statikers eingenommen hatte“, sagt Katja Lucke. Leber ist aber nicht die zentrale Verbindungsfigur zwischen den Projekten. Vielmehr lagen sie alle in der Hand des Architekten Clemens Klotz, der sich wiederum der Fähigkeiten Lebers bediente.

Besonders gefährdete Dokumente bedürfen auch einer besonderen Unterbringung. Vor allen Dingen wenn wie im Falle des Kölner Kistenfundes der Zahn der Zeit an ihnen genagt hat. Da half jetzt schnell und unkompliziert die Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern aus. „Bisher hatten wir uns immer in unserem Sinne normaler und bezahlbarer Kartons bedient“, sagt die Leiterin der historischen Forschungs- und Bildungsstätte. „Für das schon sehr mitgenommene Material bedarf es aber Spezialaufbewahrungsboxen. Und die wurden uns jetzt zur Verfügung gestellt.“

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