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Norddeutschland Serpil Midyatli setzt auf ein starkes SPD-Team
Nachrichten Norddeutschland Serpil Midyatli setzt auf ein starkes SPD-Team
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17:00 17.03.2019
Serpil Midyatli (43) will die Nord-SPD als künftige Landeschefin inhaltlich und personell neu aufstellen. Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck/Kiel

 Serpil Midyatli gehört seit dem Jahr 2000 der SPD an. Im Landtag ist sie Vize-Fraktionschefin.

LN: Der scheidende SPD-Chef Ralf Stegner galt lange als ihr Förderer. Werden Sie auch eine SPD-Vorsitzende von Stegners Gnaden sein, Frau Midyatli?

Serpil Midyatli: Nein, meine Kandidatur war ein eigener Entschluss. Ich habe lange mit Ralf Stegner zusammengearbeitet. Aber es gab nach den verlorenen Wahlen im Bund, im Land und den verlorenen Kommunalwahlen in der Partei sehr viel Frust. Da fragt man sich auch selber: Was kann mein Beitrag sein, um das anders und besser zu machen?

Und welche Fehler Stegners wollen sie vermeiden?

Nicht Fehler. Aber die Zeiten haben sich geändert und mit ihnen der Stil, wie man Politik machen sollte. Früher konzentrierte sich der Blick auf eine Persönlichkeit an der Spitze. Das war nicht nur bei der SPD so. Das hat sich überholt. Auch in Unternehmen zum Beispiel stellt man sich breiter auf. Nicht jeder kann für alle Themen der Spezialist sein. Ich möchte es daher schaffen, nicht nur das neue Gesicht der SPD zu sein, sondern neben mir mindestens vier oder fünf Persönlichkeiten mit ihren Kompetenzen nach vorne zu stellen. Nur so können wir als Partei auch Antworten geben, die so differenziert sind, wie es die Gesellschaft heute braucht. Neben mir sollen auch andere leuchten. Ich bin eine Team-Playerin.

Wo sollen diese Leute herkommen? Ralf Stegner hat neben sich in der Partei wenig Platz gelassen.

Allein dass ich kandidiere, hat schon Raum dafür geschaffen. Es kommen jetzt sehr viele Menschen auf mich zu, die sich gerne an der Reform und Neuaufstellung der SPD beteiligen und dabei mithelfen wollen.

Auch Menschen, die das bislang nicht getan haben?

Ja.

„Ich weiß, dass viele den Wechsel als Chance sehen“

Menschen, die das womöglich wegen Ralf Stegner bislang nicht getan haben?

Das weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass viele den Wechsel als Chance sehen. Die Arbeit wird dann auf zwei Ebenen ablaufen. Der Landesvorstand wird sich mit Konzepten zu Zukunftsthemen beschäftigen, die über die Alltagsarbeit der Landtagsfraktion hinausgehen. Zusätzlich soll es eine Art neuer Denkfabrik aus Expertinnen und Experten geben.

Ist die Erkenntnis, dass er Macht abgeben muss, schon bei Ralf Stegner angekommen?

Ich werde als Landesvorsitzende eine andere Rolle haben als jetzt. Das werde ich, auch wenn ich gerne im Team arbeite, notfalls auch immer wieder klar und deutlich formulieren.

Müssen Sie nicht auch Fraktionsvorsitzende werden und Stegner auch diesen Posten abnehmen?

Wenn ich die Partei breiter aufstellen möchte, wäre es doch etwas schräg sofort zu sagen, jetzt übernehme ich alle Führungspositionen.

„Wir werden als Partei die Akzente setzen“

Also werden sie mit Stegner im Duo die Partei erneuern. Geht das überhaupt, so sehr, wie er die Partei als Vorsitzender geprägt hat?

Keine Sorge. Wir werden als Partei die Akzente setzen und die Beschlüsse fassen, die die Fraktion umsetzen wird.

Wir hören, dass die Wahlen zum Fraktionsvorstand überraschend schon im Juni stattfinden sollen. Das spricht doch eher dafür, dass Stegner ihnen keine Zeit lassen will, Profil zu gewinnen, um womöglich dann auch dort gegen ihn anzutreten.

Die regulären Wahlen zum Fraktionsvorstand sind im Herbst. Einige sprechen aber tatsächlich darüber, ob wir sie vorziehen sollten. Ich glaube eher, dass es auch in der Fraktion den Wunsch geben wird, sich personell und thematisch breiter aufzustellen – zumal wenn die Abgeordneten sehen, dass das in der Partei gut funktioniert.

Bleiben Sie denn wenigstens im Fraktionsvorstand?

Das habe ich für mich noch nicht hundertprozentig entschieden. Das mache ich nach dem Parteitag am 30. März. Auf den arbeite ich erst mal zu.

„Das ist ein absoluter Denkzettel der jungen Generation“

Wie wollen sie denn danach die Partei verändern?

Die Menschen möchten heute viel mehr an den Entscheidungsprozessen beteiligt sein. Das zeigen uns zum Beispiel die weltweiten Großdemonstrationen „Fridays-For-Future“. Das ist letztendlich eine Antwort der jungen Menschen darauf, dass wir wichtige Dinge verschoben und vertagt haben. Sie sagen uns, dass sie damit nicht einverstanden sind. Das ist ein absoluter Denkzettel der jungen Generation. Das muss man als Kritik auch annehmen.

Ist dafür die alte Ortsvereins-Struktur der SPD noch zeitgemäß?

Die Ortsvereine sind das Gesicht der SPD vor Ort. Wir haben da gute Wahlergebnisse, wo Ortsvereine funktionieren. Wir müssen schauen, wie wir sie noch besser unterstützen können, etwa indem wir ihnen Organisationsaufgaben abnehmen. Und wir müssen natürlich die Möglichkeiten der Digitalisierung und der sozialen Medien noch besser nutzen.

„Wir werden ein progressiver Landesverband bleiben“

Was werden dann in zwei Jahren die zentralen neuen Forderungen der schleswig-holsteinischen SPD sein?

Wir werden ein progressiver Landesverband bleiben. Wir müssen aber das Profil schärfen. Ein zentrales Problem des Landes ist zum Beispiel der Fachkräftemangel. Wir werden ihn in einigen Jahren noch viel, viel deutlicher spüren. Und da muss die SPD dann auch Antworten geben.

Mögen sie uns eine der Antworten schon verraten?

Es wird eine sozialdemokratische Antwort sein. Das heißt, es muss wirtschaftliches Wachstum geben, wir müssen den Menschen aber auch die Angst vor dem digitalen Wandel nehmen, indem wir die Risiken für Arbeitnehmer reduzieren. Dazu kommen Themen wie bezahlbares Wohnen, gute und beitragsfreie Kinderbetreuung, medizinische Versorgung und gute Pflege für alle. Da sind nicht nur Schlagwörter gefragt. Wir brauchen bodenständige Konzepte, die wir im neuen Landesvorstand gemeinsam erarbeiten. Das Vertrauen in die Politik ist ja gerade deshalb verloren gegangen, weil hochtrabende Konzepte im Alltag der Menschen viel zu oft gar nicht funktioniert haben. Das müssen wir gemeinsam angehen, nicht als One-Woman-Show.

Bietet ihnen die Jamaika-Landesregierung denn genug Angriffspunkte, um die SPD zu profilieren?

Auf jeden Fall. Sie verschläft die Energiewende, hat die Windenergieplanung zum Erliegen gebracht. Die Kita-Reform soll erst 2023 zu einem echten Abschluss kommen. Und beim Tempo des A-20-Weiterbaus bricht der CDU-Ministerpräsident sein Wahlversprechen.

„Länder miteinander zu verbinden, hat uns noch nie geschadet“

Wie stehen sie denn zum Fehmarnbelttunnel? Soll er gebaut werden?

Ja. Länder miteinander zu verbinden, hat uns zwar noch nie geschadet. Aber viele Bürgerinnen und Bürger und auch ich schauen mit Sorge auf die Umsetzung. Berechtigte Forderungen müssen zum Wohle der Menschen vor Ort berücksichtigt werden.

Wie viel Prozent holen sie denn als derart profilierte SPD bei der nächsten Landtagswahl?

Ich traue meiner SPD sehr, sehr viel zu. Wenn Kompetenz mit dem Profil zusammenpasst, wenn man glaubwürdig ist und mit einem Gesicht antritt, sind Wahlen auch gewinnbar. Jan Lindenau zum Beispiel hat es trotz einer Anti-SPD-Stimmung geschafft, in Lübeck zum Bürgermeister gewählt zu werden. Wir sind bereit, Verantwortung zu übernehmen und eine Landesregierung zu führen.

Dazu bräuchten sie absehbar mindestens 30 Prozent. Und mit wem soll die SPD dann die Regierung bilden?

Mit Grünen und SSW haben wir sehr gut regiert. Aber es gibt auch viele Schnittmengen mit der FDP. Die ist im Norden sozialliberal. Das gehört auch zum neuen Stil: Man kann sich nicht mehr vor der Wahl festlegen, sondern muss schauen, mit wem es nach der Wahl funktioniert. Man muss pragmatisch Mehrheiten finden.

Und sie sind dann 2022 die nächste Ministerpräsidenten-Kandidatin.

Um diese Frage zu beantworten, ist es noch viel zu früh.

Aus der Gastronomie in die Politik

Serpil Midyatli wurde am 8. August 1975 in Kiel geboren. Sie machte ihren Realschulabschluss und übernahm 1994 die Leitung eines von ihrer Familie betriebenen Restaurants. 2004 gründete sie zusammen mit ihrem Ehemann einen Kultur- und Veranstaltungsservice und betrieb damit eine Konzerthalle. Zudem führte sie von 2007 bis 2009 einen Catering-Service. Im Jahr 2000 war sie in die SPD eingetreten und wurde in der Kommunalpolitik aktiv. Im September 2009 zog sie über die SPD-Liste erstmals in den Landtag ein. Auch 2012 und 2017 schaffte sie auf Platz 2 der von Ralf Stegner aufgestellten Landesliste den Sprung in den Landtag, ist dort stellvertretende Fraktionsvorsitzende. Seit Dezember 2017 sitzt sie zudem im Bundesvorstand der SPD. Serpil Midyatli ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Wolfram Hammer

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