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Norddeutschland Reichspräsident in der Badehose: Der Skandal, der von Haffkrug ausging
Nachrichten Norddeutschland Reichspräsident in der Badehose: Der Skandal, der von Haffkrug ausging
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12:41 15.07.2019
Das unbearbeitete Originalfoto vom 17. Juli 1919: Julius Müller im Anzug am Badekarren, Gustav Lehne, Josef Rieger als Neptun im Wasser, Gustav Noske, Friedrich Ebert und Henry Everling (von links) in der Ostsee vor Haffkrug. Quelle: Foto: ullstein bild
Haffkrug

Von Mannesschönheit kann nicht die Rede sein. Kugelbauch und Spitzbart sind es aber nicht, was das Foto von mehreren Männern, das vor fast genau 100 Jahren vor Haffkrug aufgenommen wurde, so bemerkenswert macht. Es ist die Geschichte dieses Fotos. Eines Fotos, das Geschichte schrieb, einen Skandal auslöste und eines der frühen Beispiele für die politische Macht der Bilder ist. Es zeigt den gewählten, aber noch nicht vereidigten Reichspräsidenten Friedrich Ebert (1871–1925) und den Reichswehrminister Gustav Noske (1868–1946).

Der tote Alan Kurdi, der Kniefall von Warschau, das schreiende Mädchen in Südvietnam: Diese Fotos haben die Welt verändert.

„Ein Bild-Ulk, gewiss arglos gemeint von den Redakteuren, die selbst ohne Zweifel republikanisch dachten, hat unermesslichen Schaden angerichtet“, schrieb der Berliner Feuilletonist Friedrich Luft über das Bild und seine Veröffentlichung. „Es erwies sich, wie destruktiv die Macht des Bildes sein kann.“ So jedenfalls zitiert ihn der Publizistikwissenschaftler Kurt Koszyk in seinem Text „Wie Ebert und Noske baden gingen oder was passiert, wenn ein Chefredakteur Urlaub macht“. Der zweite Teil des Titels bezieht sich darauf, dass der Chefredakteur der „Berliner Illustrirten Zeitung“ nicht da war, als das Bild auf deren Titelseite veröffentlicht wurde, sozusagen hinter seinem Rücken.

Friedrich Ebert (re.) und Gustav Noske auf dem Titelbild der "Berliner Illustrirten Zeitung. Das Foto entfachte einen „Sturm im deutschen Blätterwald, löste im Deutschen Reich Empörung, Schadenfreude und Spott aus und ging als das "Badehosenbild“ in die Pressegeschichte ein. Diese Art der Darstellung trug jedoch dazu bei, dass das Ansehen des Reichspräsidenten Schaden nahm und damit auch das der jungen Weimarer Republik. Quelle: Wilhelm Steffen/Keystone Pressedienst

Shitstorm gegen die Republik

Das Foto schadete dem Reichspräsidenten, und es schadete der noch jungen Demokratie. „,Ebert in Badehose‘ wurde das wirkungsvollste, weil pöbelhafteste Argument gegen die Republik“, schrieb der Journalist Joseph Roth 1923. Dem Bild von Ebert in der Badehose wurden solche von Kaiser Wilhelm II. und dem vormaligen Generalstabschef des Heeres Paul von Hindenburg in Prunkuniformen gegenüber gestellt. Wo immer es Protest gegen Ebert gab, wurden Badehosen geschwenkt.

Das Bild war aber nicht nur eines, das Ebert und der Republik schadete, sondern auch eines, das einen Presseskandal auslöste. Die „Berliner Illustrirte Zeitung“ hob das Foto just am Tag von Eberts Vereidigung als Reichspräsident auf die Titelseite. Der „Vorwärts“ vom 29. August 2019 vermerkte dazu: „Grobe Geschmacklosigkeit. Zu dem kürzlich von der bürgerlichen Presse mit entsprechenden Kommentaren gebrachten Badebild des Reichspräsidenten und des Reichswehrministers erhält die Reichskanzlei fortgesetzt Zuschriften, die die Entrüstung weiter Kreise über die geschmacklose Art dieser Veröffentlichung erkennen lässt.“

Hose statt Turnanzug

Aus heutiger Sicht ist schwer nachzuvollziehen, was an dem Foto so geschmacklos gewesen sein soll, außer dass eben wirklich keine Männerschönheiten darauf zu sehen sind. Damals aber erregte vor allem die Kleidung der Herren Anstoß. „Die Männer trugen in den 1920er Jahren beim Baden eine Art Turnanzug“, berichtet der Scharbeutzer Heimatforscher Dr. Kersten Jungk. „Für Scharbeutz gab es die Vorschrift, dass Männer und Frauen zu getrennten Zeiten baden, und dass sie sich in Badekarren umziehen sollten. Die Frauen sollten Ganzkörperanzug und Hut tragen.“

Einen Ganzkörperanzug aber hatten Ebert, Noske und ihre Begleiter nicht dabei. Sie waren von Hamburg gekommen, um in Haffkrug einem Mann ein Ministeramt im neuen Reichskabinett anzutragen. „Ebert wollte Henry Everling für ein Ministeramt gewinnen, vergeblich“, berichtet Jungk. Gemeinsam besuchten sie das Kinder-Erholungsheim des Konsum-, Bau- und Sparvereins „Produktion“ in Haffkrug. Everling war Geschäftsführer der „Produktion“, kurz „Pro“ genannt. Sie ist noch heute Träger des Hauses, des heutigen Henry-Everling-Hauses.

Das Henry-Everling-Haus, das Friedrich Ebert am 17. Juli 1919 besuchte, ist heute ein Senioren-Erholungsheim. Quelle: Susanne Peyronnet

An jenem 17. Juli 1919 entstand noch ein anderes Foto in Haffkrug. Es zeigt Ebert und seine Begleiter mit der „3. Gruppe“ der Kinder aus dem Erholungsheim. Da trugen die Herren noch Vatermörder-Kragen und dunkle Anzüge. Es war ein heißer Tag. Was lag da näher, als noch schnell in der gegenüber dem Haus liegenden Ostsee baden zu gehen?

Von der Düne nach Berlin

Das Schicksal kam in Gestalt des Strandfotografen Wilhelm Steffen daher. Er fotografierte die Herren, die das gern geschehen ließen, ohne zu wissen, wer da vor ihm stand. Steffen hängte das Foto in seinem Laden „auf der Düne vor Haffkrug“, wie es damals hieß, ins Schaufenster. Dort entdeckte es ein Kenner, kaufte es und gab es an die Presse in Berlin weiter. „Wer der Übeltäter war, lässt sich nicht mehr herausfinden“, berichtet Jungk.

Strandfotograf Wilhelm Steffen (Mitte) mit seinem Vater (links) und einem Assistenten auf einem Foto, das um 1925 aufgenommen wurde. Wilhlem Steffen fotografierte Friedrich Ebert und Gustav Noske mit Badehose in der Ostsee vor Haffkrug. Quelle: Archiv Kersten Jungk

Das Foto von Ebert in der Badehose ist nicht nur eine Foto-Ikone, es ist auch ein frühes Beispiel für Fotomanipulation. Das Original zeigt mitnichten nur Ebert und Noske. Links von Noske sind auf dem ursprünglichen Foto noch die „Pro“-Vorstandsmitglieder Julius Müller und Gustav Lehne zu sehen, Lehne ebenfalls in Badehose und mit Kugelbauch. Rechts von Noske steht Henry Everling. Vor Noske und Ebert hat sich Josef Rieger als Neptun mit Dreizack ins Wasser gehockt.

Auf der „Berliner Illustrirten Zeitung“ sind lediglich Ebert, Noske und Rieger zu sehen, die anderen Herren wurden abgeschnitten. Das hat das Bild auf seinen Kern reduziert. Das Original war bereits einige Tage zuvor in der konservativen „Deutschen Tageszeitung“ erschienen, versehen mit einem satirisch-herabwürdigenden Text. „In Ausübung ihrer hohen Machtvollkommenheit dispensierten sie sich von der dort herrschenden Vorschrift, nur im Kostüm zu baden, stellten der Welt ihre ganze Mannesschönheit zur Schau und veranlaßten in animierter Stimmung die Fixierung der nebenstehenden Szene auf photographischer Platte.“ Es war aber nicht die Rede davon, dass die Herren das Foto keineswegs selbst veranlasst hatten.

In Haffkrug nachgestellt

Die Gesamtaufnahme entwickelt jedoch nicht die Sprengkraft des beschnittenen und am Tag der Vereidigung in der „Berliner Illustrirten Zeitung“ veröffentlichten Detailaufnahme. Die gehört bis heute zu den Foto-Ikonen des 20. Jahrhunderts. Die Haffkruger blicken mit einem gewissen Stolz darauf, dass ihr Ort Schauplatz der Aufnahme war. Kinderheim – heute als Seniorenheim, aber schmuck wie damals – und Strand sind noch da. Und auch das Foto ist Haffkruger Allgemeingut. So sehr, dass es sogar schon nachgestellt wurde, 2009, auf Veranlassung der LN zum 90. Jahrestag des Skandal-Fotos. Als Friedrich Ebert posierte der inzwischen gestorbene Haffkruger Dorfvorsteher Erich Bierhals, als Noske der damalige Scharbeutzer Kurdirektor Joachim Nitz. Erich Bierhals’ Witwe Susanne Bierhals erinnert sich noch gut daran und sagt über ihren Mann: „Daran hat er viel Spaß gehabt.“

Schöne Bilder vom Strand

Ob Wilhelm Steffen die Bedeutung seines Fotos stets bewusst war, ist nicht überliefert. Er ging weiter seinem Beruf nach. „Von Steffen habe ich viele schöne Bilder, er hat die ganze Region hier fotografiert“, berichtet Heimatforscher Jungk. Nach 1945 besaß Steffen ein kleines Häuschen, in dem seine Frau im Labor die Fotos entwickelte und sie verkaufte. Gruppen von Strandbesuchern hat Wilhelm Steffen sein Leben lang fotografiert. Ein Reichspräsident in Badehose ist ihm aber nie wieder vor die Linse gekommen.

Susanne Peyronnet

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