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Norddeutschland So arbeitet die Dünen-Rangerin auf Helgoland
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20:13 06.10.2019
Ute Pausch (rechts) ist seit Anfang 2018 Dünenranger von Helgoland. Demnächst soll die 58-Jährige Verstärkung bekommen. Ein Job, der hohe Sozialkompetenz verlangt. Quelle: Heike Hiltrop
Helgoland

Die Wellen schwappen über die Reling des Katamarans „Witte Kliff“, der schaukelnd von der Haupt- zur vorgelagerten Badeinsel fährt. Die Sonne lässt den roten Buntsandstein und den grünen Landsaum Helgolands kräftig leuchten. Es ist 8 Uhr, als sich Ute Pausch vom Fährboot auf die Düne übersetzen lassen. Bummelige 15 Minuten ist ihr Arbeitsweg lang, dann ist Helgolands Dünenrangerin in ihrem Revier: 70 Hektar mit Süßwassersee, Dünen, einem Camping- und einem Flugplatz, einer kleinen Ferienhaussiedlung und viel Strand.

Die 58-Jährige stapft über den weißen Sand, während sie das Fernglas und einen Block zückt. Die Tage zuvor war es stürmisch. Sogar der „Dampfer“ vom Festland war ausgefallen. „Ich erfasse den Tierbestand und gucke, ob etwas auffällig ist.“ Ute Pausch checkt ob die Schilder mit den Meterzahlen noch fest verankert sind. „Mit ihnen visualisieren wir den Abstand, der zu den Kegelrobben und Seehunden eingehalten werden muss.“ Die geforderten 30 Meter könne nicht jeder gut abschätzen.

Das Revier von Ute Pausch misst gerade einmal 70 Hektar. Doch auf der Helgoländer Düne ist immer mehr los. Die LN haben sie bei ihrer Arbeit begleitet.

Schon auf der Dünenfähre werden die Besucher über Lautsprecher darauf hingewiesen. Die meisten würden sich mittlerweile daran halten. „Aber vor allem Leute mit Handys vergessen das beim Fotografieren schnell.“ Ute Pausch weiß, dass die großen, runden Kulleraugen und die Kuscheltieroptik zum sorglosen Umgang mit den Tieren einladen.

Helgoland ist bei den Robben als sicher abgespeichrt

Nirgendwo sonst kommt man ihnen so dicht, wie hier. In der Nordsee leisten vor allem neugierige Jungtiere so manchem Badegast gerne Gesellschaft. Pausch: „Helgoland ist bei ihnen als sicher abgespeichert.“

Kegelrobbe oder Seehund?

Die Kegelrobbe, die, wie der Seehund zur Familie der Hundsrobben gehört, ist mit einem Gewicht von bis zu 280 Kilogramm und einer Größe von über zwei Metern das größte in Deutschland freilebende Raubtier. Der Seehund ist mit rund eineinhalb Metern deutlich kleiner und bringt etwa halb so viel Gewicht, wie sie auf die Waage. Auch Zeichnung und Gestalt der Meeressäuger unterscheidet sich: Seehunde haben einen kleinen runden Kopf und ein silbergraues Fell mit kleinen Punkten. Kegelrobben hingegen haben einen langgezogenen „kegelförmigen“ Kopf. Die Flecken auf ihrem Fell sind deutlich größer. Kegelrobben sind nach dem Bundesnaturschutzgesetz und der FFH-Richtlinie eine streng geschützte Art.

Das ist gut für den Tourismus. Viele, die auf die Hochseeinsel kommen, wollen die Natur in ihrer Einzigartigkeit hautnah erleben. Das gilt für Trottellummen, Basstölpel, Zug- und Brutvögel ebenso, wie für Kegelrobben. Aber es birgt auch Probleme. Besucher rücken den Tieren auf den Pelz, die Robben hingegen verlieren die Scheu vor dem Menschen.

So hat es seit 2017 bisher 30 leichte Verletzungen von Menschen gegeben – aus dem Spieltrieb der Tiere heraus. Auffällig sei, dass es immer zu diesen Vorfällen kommt, wenn Schwimmer – in der Regel mit Flossen und Taucherbrille – versuchen, die umherschwimmenden Tiere zur Interaktion zu animieren, heißt es aus dem Umweltministerium. „Jeder hält sie für niedlich. Dabei ist die Kegelrobbe das größte Raubtier Deutschlands“, ergänzt Ute Pausch.

Kegelrobben und Touristen

392 011 Menschen haben Helgoland 2018 besucht.

6538 Tiere wurden von der trilateralen Expertengruppe Seehunde (EG-Seals) im niederländisch-deutsch-dänischen Wattenmeer sowie auf Helgoland gezählt (Zeitraum 2018/2019).

764 Tiere wurden auf Helgoland gezählt, das ist ein Rückgang zum Vorjahr von zwei Prozent.

Um 79 Prozent ist die Kegelrobben-Population im gleichen Zeitraum in Dänemarks Wattenmeer gestiegen.

1684 Jungtiere wurden im vergangenen Winter im Wattenmeer und auf Helgoland gezählt. Das ist ein Plus von 22 Prozent zum Winter 2017/2018.

Mehr Tiere und mehr Besucher

„In sozialen Medien und Berichten wird leider immer wieder vermittelt, dass man hier mit Robben und Seehunden schwimmen kann. Genau das wollen die Leute“, bedauert sie. Zudem werde damit geworben, dass man im Winter Jungtiere und Geburten beobachten kann. „Es werden immer mehr Tiere und immer mehr Leute, aber der Platz ist der gleiche.“

Miteinander von Mensch und Tier muss gelenkt werden

Seit sechs Jahren koordinieren Gemeinde, Land, der Naturschutzverein Jordsand das Miteinander von Mensch und Tier. So gibt es mittlerweile in den Dünen Bohlenwege für beiderseitig störungsfreie Robben-Beobachtung im Winter. Und es gibt Rangerin Ute Pausch, die mit den Freiwilligen von Jordsand zusammen, den Strand kontrolliert, Ansprechpartner ist, Robben und Besucher im Blick hat und im Sommer mobile Orientierungshilfen für die nötige Distanz einrichtet.

Nach einer Auszeit mit einem Bundesfreiwilligenjahr und Erfahrungen im Naturraum Nordsee hat die landwirtschaftlich-technische Assistentin den Job vor eineinhalb Jahren übernommen. „Man muss irgendwie schaffen, es laufen zu lassen und nicht wie ein Schießhund am Strand stehen und den Leuten mit erhobenem Zeigefinger kommen.“

Die Arbeit nimmt zu

„Ein sehr sensibles Thema“, bestätigt Helgolands Tourismusdirektor Lars Johannson. Der Ranger-Job sei nicht leicht, er verlange ein dickes Fell und Fingerspitzengefühl. „Es ist sehr schön, aber nicht immer scheint die Sonne und man hat auch ätzende Diskussionen und Auseinandersetzungen“, räumt Ute Pausch ein. „Ruhig bleiben ist wichtig.“ Ihre Arbeit nimmt zu. Alleine im Dezember 2018 wurden mehr als 5000 Dünen-Besucher gezählt.

Darum hat die Gemeinde im Sommer eine zweite Ranger-Stelle ausgeschrieben. 18 Bewerber haben sich gemeldet, über die Hälfte Quereinsteiger. „Ich glaube, es ist die Außergewöhnlichkeit des Berufs, die viele begeistert“, sagt Lars Johannson und Ute Pausch ergänzt: „Jemand mit hoher Sozialkompetenz ist geeigneter als ein radikaler Tierschützer.“

Ranger als Informationsquelle

Die Wahl ist auf einen Mann aus Hessen gefallen, der auf der ganzen Welt in Nationalparks gearbeitet hat. Ute Pausch hofft auf einen Kollege, dem die Aufklärung der Menschen wichtig ist. „Genau so sehe ich mich auch: als Informationsquelle am Strand.“

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Von Heike Hiltrop

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