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07:00 28.10.2019
Christian Weidner (55) beim Verwalten seines Online-Shops. Quelle: Hendrik Heiermann
Lübeck

Zwei von drei Einzelhändlern in Deutschland verzichten auf den Verkauf ihrer Produkte im Internet. „Es handelt sich um kleinere und mittlere Unternehmen, die ihren Weg in den Online-Vertrieb noch nicht richtig gefunden haben“, sagt Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland (HDE). Dabei bezog er sich auf eine Branchenumfrage unter 850 Einzelhändlern. 65 Prozent von ihnen gaben an, nicht über das Internet zu verkaufen.

Begrenzte Räumlichkeiten

Wie halten es Lübecker Geschäftsleute mit eigenen Online-Shops? Hans-Jürgen Frick, Inhaber des gleichnamigen Herrenausstatters, verzichtet darauf. Geht es um seine Bekleidung, müssen die Maße stimmen. „Möchte der Kunde einen Anzug, muss er seine Kragen-und Ärmellänge sowie seine Taillierung wissen. Ich glaube nicht, dass ihm das jemand im Internet sagen kann“, sagt Frick. Der stationäre Handel müsse andere Kriterien erfüllen. „Wer Individualität sucht, kommt ins Fachgeschäft. Ich habe 90 Prozent Stammkunden. Die begrüßen mich noch per Handschlag und schätzen die Beratung“, sagt Frick nicht ohne Stolz. Begrenzte Räumlichkeiten, fehlendes Personal und ein individuelles Angebot sprechen seiner Meinung nach zusätzlich gegen einen Vertrieb im Netz.

Einzel- und Internethandel in Zahlen

Die schleswig-holsteinische Industrie- und Handelskammer (IHK) hat 2016 eine Umfrage zum Einzelhandel gemacht. Demzufolge verfügten 32 Prozent der Einzelhändler über einen eigenen Online-Shop. 17,3 Prozent der Befragten boten auf ihrer Homepage weitere Leistungen wie eine Verfügbarkeitsabfrage oder Click & Collect, bei dem der Kunde online angefragte Artikel im Laden reservieren und abholen kann, an. Online-Plattformen nutzten 18,3 Prozent der Einzelhändler.

Der Boom im Online-Handel hält nach einer Einschätzung des Handelsverbands Deutschland (HDE) auch in diesem Jahr an: Der Umsatz dürfte um 8,5 Prozent auf rund 58 Milliarden Euro klettern. Im stationären Handel geht der HDE dagegen von einem „Nullsummenspiel“ aus. Zwar dürfte der Umsatz in Ladengeschäften um 1,3 Prozent auf rund 480 Milliarden Euro anziehen, abzüglich der Inflation lande man aber wohl etwa bei null Prozent.

Im Vorjahr war die Entwicklung ähnlich. In Schleswig-Holstein stiegen die Umsätze 2018 im Einzelhandel um 2,8 Prozent, teilte das Statistikamt Nord mit. Bundesweit arbeiten im Einzelhandel den HDE-Angaben zufolge rund drei Millionen Menschen in 300 000 Firmen.

Einzelhandel muss sich verändern“

Individualität ist auch in anderen Branchen gefragt. „Meine Bonbons mit integrierten Jahreszahlen sind mein Alleinstellungsmerkmal. Darauf ist bislang noch niemand gekommen“, meint Elke Freiberg, Besitzerin der Bolchen Bonbonmanufaktur in der Fleischhauerstraße. „Ein Online-Shop wäre ein zu großer Aufwand. Bei Großbestellungen, zum Beispiel zu Hochzeiten, holen die Kunden die 50 Gläser gerne ab. Die kann ich nicht alle verschicken.“ Freiberg glaubt, dass sich der Einzelhandel in Zeiten von Amazon & Co. verändern muss. Sie selbst organisiert nach eigenen Angaben zusätzlich zum Tagesgeschäft Workshops oder Kindergeburtstage.

Online-Shop ist kein Tabu

Bei Claudia Teichmann, seit über 30 Jahren Geschäftsführerin der Goldschmiede Panzerknacker, ist Online-Handel dagegen kein Tabuthema – auch wenn sie selbst keinen Webshop betreibt. „Unser Business ist einzigartig“, meint sie. Ihre Kundschaft komme teilweise aus Frankfurt angereist, um den passenden Ehering vor der Trauung anzuprobieren. „Allerdings haben wir schon überlegt, unseren Serienschmuck einmal online anzubieten. Das gehört heutzutage einfach zum Geschäft“, betont die Goldschmiedin.

Einzelhändler haben Schwierigkeiten, die Digitalisierung zu meistern

Aus den Branchenumfragen des HDE zeige sich, dass der Aufwärtstrend der wirtschaftlichen Situation der letzten Jahre am mittelständischen Einzelhandel in vielen Fällen vorbeigegangen ist. Hauptgeschäftsführer Genth meint, kleinere Firmen hätten Schwierigkeiten, die Digitalisierung zu meistern. Er monierte, dass strenge Datenschutzregeln besonders für Mittelständler abschreckend seien. Außerdem scheuten Händler Investitionen, da ihnen Anforderungen zur Datensicherheit und zur schnellen Abwicklung und Zustellung sehr hoch erschienen. „Der Kunde ist heute nicht bereit, eine Woche darauf zu warten – das Zeitfenster muss passen,“ sagt Genth.

Gleichgewicht zwischen online und offline ist entscheidend

Einer, der den Schritt ins Web bereits gewagt hat, ist Harun Bayraktar. Seit 2012 betreibt er einen Online-Shop für sein Lübecker Modegeschäft „Schöner Schwanger“. Er sieht den Shop als Ergänzung zum Einzelhandel vor Ort. Gelagert werden ausgewählte Artikel in kleinen Stückzahlen, so dass immer alles verfügbar ist. Einen deutlich größeren Aufwand hat Bayraktar nach eigenen Angaben deshalb nicht. Die Verkaufszahlen würden monatlich zunehmen. „Es ist eine Kombination aus online und lokal. Das Gleichgewicht muss stimmen“, sagt Bayraktar.

Online-Shop als Werbeplattform

Die Balance ist auch für den Lübecker Surfspezialisten „Boardrider“ wichtig. Für seinen Internetshop hat sich Ladenbesitzer Christian Weidner ein originelles Konzept einfallen lassen. „Unser Online-Shop dient primär als Werbeplattform. Wir haben dort nur unsere Surfartikel“, erklärt Weidner. Seinen Hauptgewinn erziele er weiter durch die Mode im Laden. „Diese lassen wir bewusst aus dem Online-Vertrieb, weil wir es uns nicht leisten können, jeden Tag zwei Shirts als Retoure zu bekommen“, so Weidner.

Ebay statt Web-Shop

Laut Olivia Kempke, Vorsitzende und Geschäftsführerin des Lübeck Managements, würden viele Einzelhändler der Stadt auch über Portale wie Ebay ihre Ware verkaufen: „Den Aufwand für einen eigenen Online-Shop können einige aber nicht bewerkstelligen.“ Sie lobt, dass fast alle Innenstadt-Händler zumindest mit professionellen Webauftritten im Netz vertreten sind.

Diesen sieht auch Mareike Petersen, Geschäftsführerin des Handelsverbandes Nord, als immens wichtig an. Sie meint, es sei nicht für jeden Händler ratsam, einen Online-Shop zu betreiben. Aber der Onlineauftritt, beispielsweise in den sozialen Medien, muss an die Kunden angepasst werden. In Workshops hilft der Verband Einzelhändlern beim digitalen Umstieg. „Unsere Rechtsabteilung hat schon einige Mitglieder zu den komplizierten Datenschutzauflagen im Internet beraten.“ Sie sieht die Grenzen zwischen stationärem Handel und dem Online-Handel fließend.

Know-how im stationären Handel ansiedeln

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) bietet Einzelhändlern ebenfalls Unterstützung an. Bei verschiedenen Veranstaltungen können Teilnehmer Informationen und Kontakte zu Dienstleistern oder eine individuelle Einzelberatung erhalten. Die Handelsreferentin der IHK zu Lübeck, Inga Weitemeyer, sieht weitere Probleme in der Entwicklung des modernen Einzelhandels. „Eine der größten Hürden bei der Ausweitung der Online-Aktivitäten ist, dass der Händler über ein eigenes Warenwirtschaftssystem verfügen muss“, sagt sie. Allerdings nutze ein Viertel der Einzelhändler, noch kein Warenwirtschaftssystem.

Zur Bekämpfung der vielen Hürden für Kaufleute lobt sie eine weitreichende Veränderung. „Ein großer Schritt in die richtige Richtung ist die Einführung des Ausbildungsberufs Kaufmann im E-Commerce, um das nötige Know-how im stationären Handel anzusiedeln und auch die Attraktivität dieses Berufsbildes für Jüngere zu steigern“, erklärt die Handelsreferentin.

Die Zukunft ist digital

Stefan Genth vom Handelsverband betont, dass man Händler nicht generell in den Online-Vertrieb drängen sollte, vielmehr hänge es vom Standort und vom Geschäft einer Firma ab. Der Offline-Anteil bei den deutschen Einzelhändlern ist seit einigen Jahren etwa gleich geblieben. Der Verbandsvertreter ist sich aber sicher, dass die Quote der Unternehmen, die heute noch nicht digital unterwegs sind, deutlich sinken wird. „In fünf Jahren wird es wahrscheinlich ein völlig anderes Bild sein“, sagt Genth.

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