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Norddeutschland Kliniken im Norden dramatisch unterbesetzt
Nachrichten Norddeutschland Kliniken im Norden dramatisch unterbesetzt
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19:13 25.09.2019
Krankenpfleger in einer Klinik: Die Personalausstattung liegt vielerorts deutlich unter dem Mindeststandard. Quelle: dpa
Lübeck

Es sei „katastrophal“, wenn selbst die Untergrenzen bei der Ausstattung mit Pflegepersonal, die das Bundesgesundheitsministerium vorgibt, in Schleswig-Holstein deutlich unterschritten würden, sagt die SPD-Landtagsabgeordnete Birte Pauls. Sie hatte eine Kleine Anfrage an die Landesregierung zum Thema gestellt. Die Mindeststandards seien durchschnittlich um zehn Prozent unterschritten worden, heißt es in der Antwort. Die Abweichungen lagen zwischen 6,6 Prozent nachts in der Unfallchirurgie und 17,3 Prozent tagsüber in der Kardiologie.

Gesetz zur Personalbemessung

„Die Antwort macht mich sprachlos“, sagt Pauls. Weil die Landesregierung keine Aussagen zu Personalbeschaffung treffen konnte, spricht die SPD-Abgeordnete von einem „großen Maß an Desinteresse“. Die Verantwortung werde einfach weggeschoben. Dabei könne das Land mit gutem Beispiel vorangehen und genügend Personal für das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) einstellen. Man brauche außerdem dringend ein gesetzliches Personalbemessungssystem.

Am UKSH fehlen 100 Pflegekräfte

An den beiden UKSH-Standorten Lübeck und Kiel fehlten jeweils etwa 50 Pflegekräfte, sagt UKSH-Sprecher Oliver Grieve. „Das UKSH setzt aufgrund der durchschnittlich höchsten Fallschwere seiner Patienten grundsätzlich mehr Pflegepersonal ein als gefordert“, erklärt er. „Untergrenzen dürfen nicht ermuntern, weniger Personal einzusetzen. Personalbemessungssysteme sind immer nur so gut, wie sie die individuellen Voraussetzungen des Krankenhauses, der Patienten sowie die Expertise des Personals berücksichtigen“, sagt Grieve.

„In vielen Schichten über den Vorgaben“

Aus Sicht des Gesundheitsministeriums zeigen die Daten, dass die Betreuungsverhältnisse Patient zu Pflegekraft überwiegend eingehalten werden. In sehr vielen Schichten lägen sie über den Vorgaben, sagte ein Sprecher. Es komme aber vor, dass es in einzelnen Schichten in bestimmten Situationen anders sei – wenn zum Beispiel Pfleger kurzfristig ausfallen oder auf einer Station mit 20 Betten ein 21. Patient ankommt, der aus medizinischen Gründen nicht abgewiesen wird.

Pflegeberufe attraktiver machen

„Die Zahlen sind alarmierend, aber überraschen uns nicht“, sagt dagegen Steffen Kühhirt, Verdi-Landesfachbereichsleiter Gesundheit & Soziales. In allen Krankenhäusern sei die Personaldecke zu dünn, vor allem aber im UKSH und in den privaten Kliniken sei die Lage dramatisch. „Das geht direkt zu Lasten der Patienten und auf die Gesundheit der Mitarbeiter.“ Wie Birte Pauls fordert auch Kühhirt bessere Arbeitsbedingungen, damit die Pflegeberufe wieder attraktiver werden. Dazu gehörten neben besserer Bezahlung auch „verlässliche Dienstpläne und ein geregeltes Arbeitsleben“. „Frei ist frei und Urlaub ist Urlaub“, sagt Pauls, oft sei das im Alltag der Pflegekräfte nicht der Fall.

Bettensperren gefordert

„Wir brauchen endlich Konsequenzen wie Bettensperren oder Stationsschließungen – Maßnahmen, die sofort helfen und die Beschäftigten entlasten“, sagt Kühhirt. Aber das würde für die gewinnorientierten Kliniken einen Erlöseinbruch bedeuten, deshalb griffen sie nicht zu diesem Schritt. Auch Birte Pauls spricht sich für solche Schritte aus – auch wenn es teuer sei. In manchen Kliniken werden Stationen bereits am Wochenende geschlossen.

Probleme auf dem Arbeitsmarkt

Die Zahlen aus der Kleinen Anfrage seien korrekt, sagt Patrick Reimund, Geschäftsführer der Krankenhaus-Gesellschaft Schleswig-Holstein (KGSH). Die Unterschreitungen der Pflegepersonal-Untergrenzen würden aber „in aller Regel nur geringfügig“ ausfallen. „Stationen oder einzelne Betten wurden nach unserer Kenntnis nur in wenigen Ausnahmefällen geschlossen. Die Versorgung muss schließlich aufrecht erhalten werden.“ Gegenüber dem ersten Quartal 2019 habe die Besetzung auf den Stationen bereits deutlich verbessert werden können. Die Gewinnung von zusätzlichem Personal bleibe auf einem weitgehend leer gefegten Arbeitsmarkt für Pflegefachkräfte aber extrem schwierig. „Die Kliniken tun hier bereits alles, was möglich ist“, sagt Reimund.

Neues System geplant

Auch die KGSH fordert die Entwicklung eines Personalbemessungsinstruments für die gesamte Krankenhauspflege und nicht nur für einzelne Stationen. An der Entwicklung arbeiteten die Deutsche Krankenhausgesellschaft, der Deutsche Pflegerat und die Gewerkschaft Verdi zurzeit gemeinsam. Ergebnisse werden bis zum Jahresende erwartet. Dieses neue System sollte die bisherigen Pflegepersonaluntergrenzen möglichst schnell ablösen. Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) begrüßt das Instrument der Personaluntergrenzen grundsätzlich. Die Umsetzung müsse aber ausgewertet werden.

Hohe Absprungrate

Im Bundesdurchschnitt springen Pflegekräfte nach durchschnittlich sieben Jahren wieder ab, weil sie unzufrieden mit den Arbeitsbedingungen sind, erklärt Gewerkschafter Kühhirt, im Norden sei die Zeitspanne noch geringer. „Das können wir uns nicht leisten“, sagt Kühhirt. Quer über alle Klinikträger erlebe man, dass Auszubildende sofort wie feste Pflegekräfte Nachtdienste und Schichtdienst machen müssten, auch das trage nicht dazu bei, den dringend benötigten Nachwuchs zu finden. Sprecher Oliver Grieve verweist darauf, dass das UKSH versuche, seine Mitarbeiter zu entlasten, „beispielsweise mit seiner Unit-Dose-Apotheke“. Durch die Automatisierung der Medikamentenverteilung hätten die Pflegekräfte mehr Zeit am Patienten.

„Leidtragende sind die Patienten“

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz reagiert alarmiert. Es räche sich, dass in Deutschland Hunderttausende Pflegestellen in Krankenhäusern in den vergangenen 20 Jahren abgebaut worden seien, sagte Vorstand Eugen Brysch. „Dieses Profitstreben fällt den Einrichtungen nun auf die Füße.“ Wenn Personaluntergrenzen nicht eingehalten würden, müsse das Konsequenzen haben. „Denn Leidtragende sind die Patienten.“ Um nicht mit der Sicherheit der Patienten zu spielen, müssten Betten gesperrt werden. „Es braucht endlich eine Gesamtlösung, um gefährliche Pflege überall zu verhindern.“ Der Bundesgesundheitsminister müsse jetzt Statistiken für alle Krankenhäuser in Deutschland vorlegen.

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Von Christian Risch

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