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Norddeutschland „Absoluter Horror“: So reagieren Anwohner auf das Zugunglück
Nachrichten Norddeutschland „Absoluter Horror“: So reagieren Anwohner auf das Zugunglück
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13:22 08.05.2019
Anwohner Jochen Pahl (r) steht mit Polizeibeamten an seinem Haus. Im Garten liegt eine abgerissene Achse des Sattelzuges, der am frühen Morgen mit einem Zug kollidiert war. Quelle: Carsten Rehder/dpa
Alt Duvenstedt

„Das war der absolute Horror in der Morgenstunde“ – Jochen Pahl kann das alles noch nicht richtig fassen. Kurz nach halb fünf schreckt ein lauter Knall seine Familie am Mittwoch aus dem Schlaf.

Nördlich von Rendsburg kracht aus zunächst unbekannter Ursache am Bahnübergang Alt Duvenstedt ein Regionalzug trotz Schnellbremsung mit einem Schwerlaster zusammen, 40 Meter von Pahls Haus entfernt. „Der Zug hörte nicht auf zu bremsen“, sagt der 57-Jährige. Er zeigt auf ein Radpaar mit Achse, das vor seinem Haus liegt. Es war bei der Kollision vom Sattelauflieger abgerissen. Dann flog es wie ein Geschoss durch die Luft, touchierte Pahls Auto, krachte vor dem Haus auf den Boden und donnerte ans Badfenster im Erdgeschoss, so Pahls Schilderung. „Es bebte das ganze Haus.“

Zug entgleiste bei Kollision

Zwölf Menschen wurden nach Angaben der Bundespolizei bei dem Zusammenstoß am Bahnübergang verletzt, zwei davon schwer. Ein Verletzter wurde mit dem Rettungshubschrauber nach Kiel in die Uniklinik geflogen. 22 Reisende waren im Zug, der auf dem Weg von Owschlag nach Rendsburg war, dazu der Lokführer und der Zugbegleiter.

Der Fahrer des Sattelzuges brachte sich vor der Kollision geistesgegenwärtig noch in Sicherheit. Das erste Drehgelenk der Lok sprang aus den Gleisen. Der übrige Zug blieb auf den Gleisen und kam nach 200 Metern zum Stehen, schilderte die Polizei. Der Zug wurde stark beschädigt, auch die Oberleitung, das Schienenbett und einige Leitungsmasten.

Lkw war auf Bahnübergang liegengeblieben

Warum der mit einem Baufahrzeug beladene zig Tonnen schwere Sattelzug auf dem Bahnübergang liegengeblieben war, stand zunächst nicht fest. Die Situation am Unfallort legt den Verdacht nahe, der Schwertransporter könnte auf dem buckligen Übergang aufgesetzt haben. Die Bundespolizei verweist auf die anstehenden Ermittlungen.

Aktuelle Informationen zu Beeinträchtigungen des Bahnverkehrs finden Sie hier.

Bisher stehe nur fest, dass der Schwerlaster auf dem Übergang stand, als der Zug kam, sagt Sprecher Hanspeter Schwarz. Das Gefährt hatte es in sich: Es war eine fünfachsige Sattelzugmaschine mit Tieflader. Auf diesem stand eine 70 Tonnen schwere Arbeitsmaschine mit Kettenantrieb.

Anwohner sind erschrocken

„Das wiegt bestimmt 200 Kilo“, sagt nach dem Unfall Anwohner Pahl mit Blick auf das Lkw-Radpaar mit Achse vor seinem Haus. Er hatte mit seiner Familie Angst, das Gebäude könnte noch massiver getroffen werden. Nachbarin Birgit Orda war ähnlich erschrocken wie viele Bewohner der idyllischen Gemeinde am Rande der Hüttener Berge nahe der A7 zwischen Rendsburg und Schleswig. „Ich habe einen Knall gehört und das Haus hat vibriert“, berichtet sie. „Zum Glück gab es keine Toten“, sagt ihr Mann, Bürgermeister Peter Orda.

Mehr als 100 Kräfte waren in Alt Duvenstedt im Einsatz an diesem sonnigen Morgen. Anwohner versorgten sie mit Kaffee und anderen Getränken, die sie am Straßenrand hingestellt hatten.

Behinderungen im Bahnverkehr bis Sonntag

Durch den Unfall wurde der regionale Bahnverkehr erheblich beeinträchtigt. Die Deutsche Bahn ging am Mittwoch davon aus, dass die Einschränkungen bis Sonntagabend dauern werden. Auf der Linie RE 7 (Flensburg-Hamburg) fahren von Flensburg nach Rendsburg sowie in der Gegenrichtung Busse. Auch auf der RE74 (Husum-Kiel) müssen Reisende zwischen Owschlag und Rendsburg auf Busse umsteigen. Züge des Fernverkehrs werden ebenfalls teilweise durch Busse ersetzt oder über Eckernförde-Kiel umgeleitet.

Nach dem Unfall müssen rund 300 Meter Gleis erneuert, die Oberleitung instandgesetzt und die Technik des Bahnübergang ausgetauscht werden. Diese Arbeiten können laut Deutscher Bahn erst starten, wenn die Strecke vom Zug und dem Sattelschlepper geräumt wurde. Diese Arbeiten waren ab Mittwochmittag in vollem Gange, wie ein Sprecher der Bundespolizei sagte.

Die Zahl der Unfälle an Bahnübergängen – insgesamt sind das rund 17 000 in Deutschland – ist in den vergangenen Jahren tendenziell gesunken. 140 gab es nach den jüngsten Zahlen der Deutschen Bahn im Jahr 2016. 2002 waren es noch fast 300.

dpa/RND