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Norddeutschland St. Pauli kämpft gegen Billig-Alkohol
Nachrichten Norddeutschland St. Pauli kämpft gegen Billig-Alkohol
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18:10 24.02.2018
Auf der Reeperbahn locken Kioske mit günstigen Preisen.
Auf der Reeperbahn locken Kioske mit günstigen Preisen. Quelle: Foto: Axel Heimken
Hamburg

Kein anderer Stadtteil steht so sehr für Hamburg wie St. Pauli mit seinem grellbunten Treiben rund um die Reeperbahn. Doch der Kiez hat sich gewandelt. Nicht zum Besseren, klagen Clubbetreiber und Anwohner, die einen Schuldigen ausgemacht haben: den Billig-Alkohol.

Der Ort des Protests hat Symbolcharakter. Am Hans-Albers-Platz, der an einen der ganz Großen der goldenen Kiez-Zeit erinnert, wollen Clubbesitzer, Wirte und Anwohner dafür kämpfen, dass „ihr“ St.

Pauli seinen Charme behält. Nichts weniger als die Befürchtung einer Ballermannisierung des Hamburger Amüsierviertels eint die bunte Schar jener, die gestern Abend unter dem Motto „Save St.

Pauli“ über die Reeperbahn zogen. Im Mittelpunkt ihrer Kritik steht die zunehmende Zahl der Kioske mit Billig-Alkohol, der den Clubs und Kneipen das Leben schwer macht.

Zwischen 50 und 60 Kioske gibt es derzeit laut Bezirksamt Hamburg-Mitte auf St. Pauli. Das ist eine Verfünffachung binnen zehn Jahren.

Quartier-Managerin Julia Staron sagt auf Facebook: „Wenn die letzte Bar, der letzte Club geschlossen ist, werdet ihr merken, dass am Kiosk die Kultur am Ende ist.“ Trinkkioske siedelten sich um gastronomische und kulturelle Betriebe parasitär an. „Gäste verzehren im öffentlichen Raum, gehen aber beim Nachbarn tanzen“, heißt es in einem Aufruf. Eine weitere Folge beklagen die St. Paulianer. Bei gutem Wetter trinken an einigen Ecken Hunderte Menschen beim sogenannten Cornern auf der Straße, sind laut, behindern den Verkehr, hinterlassen Müll. Und wegen „alkoholbedingter Randerscheinungen“ gefährdeten sie auch die öffentliche Sicherheit, so die Protestierenden, die fast schon verzweifelt betonen: „St. Pauli ist keine Kulisse. St.

Pauli ist neben aller Gastfreundlichkeit und Amüsierkultur auch Lebensraum.“

Längst hat der Konflikt die Rathauspolitik erreicht. Gilt der Kiez mit seiner Kneipenvielfalt, den Überbleibseln der Hafenromantik und der verrucht-berüchtigten Rotlichtszene doch als Tourismusmagnet und Hamburger Alleinstellungsmerkmal im Kampf der Großstädte um Gäste. Im rot-grünen Regierungslager brüten sie darüber, wie sie dem Problem Herr werden können. Es gehe darum, Möglichkeiten zu suchen, wie der Außer-Haus-Verkauf zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten eingeschränkt werden könne, heißt es aus dem Rathaus. Der Knackpunkt: Eine Regelung muss präzise und gerichtsfest sein.

Eine Idee ist, Kioske nach 22 Uhr keinen Alkohol mehr in bestimmten Straßenzügen verkaufen zu lassen. Die zeitliche Beschränkung wäre ein nützliches Element, „um die entstandene Wettbewerbsverzerrung zwischen Clubs und Kiosken wieder aufzuheben“, sagt Bezirksamtsleiter Falko Droßmann. „Wir brauchen hier eine Gesetzesänderung.“ Quartier-Managerin Staron bezeichnet derlei Überlegungen als „Schritt in die richtige Richtung“. Die Bürgerschaftsfraktionen von SPD und Grünen fänden es gut, wenn der Senat Vorschläge für landesrechtliche Regelungen unterbreiten würde. „Der Verkauf von Billig-Drinks ohne Toiletten vis-à-vis der Clubs bedroht deren gesellschaftlich anerkannten Zweck, Künstlern und Bands zum Bekanntwerden eine Bühne zu bieten“, sagt der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen-Fraktion, Farid Müller.

LN