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Norddeutschland Stacheldraht: Für Tiere oft eine tödliche Falle
Nachrichten Norddeutschland Stacheldraht: Für Tiere oft eine tödliche Falle
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18:10 24.03.2018
Eekholt

Schleswig-Holsteins Landschaft ist für seine Grün- und Weideflächen bekannt. Gerade zum Frühlingsanfang laden die zu einem langen Spaziergang ein. Doch an vielen Stellen liegt Stacheldraht am Wegesrand. Meistens sind es die Überbleibsel alter Umzäunungen. „Es würde mich wundern, wenn man bei einem Spaziergang keinen sehen würde“, sagt Elvira von Schenck. Sie ist Tierärztin im Wildpark Eekholt und betreut dort die Pflegestation für Greifvögel.

Veterinärin Elvira von Schenck wäre es am liebsten, wenn alle Stacheldrahtzäume im Land verschwinden würden. Viele Bauern möchten jedoch nicht darauf verzichten. Quelle: Foto: Ulf-Kersten Neelsen

Für von Schenck ist der Stacheldraht ein echtes Ärgernis. Jedes Jahr behandelt sie bis zu zehn Vögel, die schwere Verletzungen durch den Stacheldraht erleiden – häufig das Todesurteil für die Tiere.

Wie bei einem Waldkauz, an den sich die Tierärztin gut erinnern kann. Der Vogel hatte sich so in den scharfen Dornen des Zaunes verheddert, dass ihn seine Finder nicht herausziehen konnten. Völlig entkräftet musste die Eule samt Zaunstück in die Pflegestation gebracht werden. „Schaffen die Finder es doch, den Vogel zu befreien, ist der Flügel völlig zerfetzt“, sagt die Tierärztin.

Beim Tiefflug über Stacheldraht können die Vögel leicht mit ihrer empfindlichen Flügelhaut hängen bleiben. Oft baumeln die Tiere dann kopfüber im Draht und versuchen sich zu befreien. „Doch je mehr sie sich bewegen, desto tiefer bohren sich die Dornen in das Fleisch“, sagt von Schenck. In 99 Prozent der Fälle ist die Flughaut nicht mehr zu retten. Dann kann der Vogel nicht mehr fliegen und in der Wildnis nicht mehr überleben.

Von Schenck hat deswegen mit dem Tierschutzbeirat des Landes Schleswig-Holstein einen Aufruf gestartet, unnützen Stacheldraht aus der Landschaft zu entfernen. Am liebsten wäre es der Tierärztin, wenn der scharfkantige Draht komplett verschwände. Sie weiß aber, dass das ein langer Prozess ist.

Viele Fälle hängengebliebener Tiere blieben unbemerkt, sagt Ingo Ludwichowski, Landessprecher des Naturschutzbundes (Nabu). „Nicht jeder Stacheldraht in der letzten Ecke wird regelmäßig überprüft.“

Er begrüßt den Aufruf und betont, dass besonders tieffliegende Vögel wie Mäusebussarde oder Eulen im Drahtschrott hängenbleiben können. Tagelang versuchen die Vögel, sich aus dem Draht zu befreien, bevor sie verenden. „Letztendlich sterben sie an Entkräftung.“ Ludwichowski weiß aber auch, „dass Stacheldraht seine Funktion hat“. Viele Landwirte nutzen die Umzäunung, um vor allem Rinder auf den Weiden zu halten.

Das bestätigt Bauernverband-Präsident Werner Schwarz. Er berichtet, dass der Stacheldraht bei vielen Landwirten im Norden immer noch eine gängige Umzäunung für bestimmte Tierarten ist. „Ein Elektrozaun wäre bei einer Herde Jungbullen nicht effektiv genug“, sagt er. „Einige Bauern stellen sogar den Stacheldraht unter Strom, damit die Tiere nicht plötzlich auf der Straße stehen“, so Schwarz. „Da ist mir das Leben der Tiere und der Autofahrer wichtig“, betont Schwarz.

Björn Ortmanns ist Mitglied im Tierschutzbeirat und Rinderzüchter. Er kann seine Kollegen verstehen. Alle Weiden von Stacheldraht auf Elektrozaun umzurüsten, sei ein großer Aufwand. „Den scheuen die Landwirte.“ Er selbst hat auch einige Weiden mit Stacheldraht umzäunt. Doch persönlich ist Ortmanns die Alternative lieber. „Ein qualitativ hochwertiger Elektrozaun steht dem Stacheldraht in der Hütesicherheit in nichts nach.“ Wichtig sei aber, dass die technischen Voraussetzungen stimmen und die Zaunstärke auf die Tierart abgestimmt ist.

Von Saskia Hassink