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Norddeutschland Mit der Nachtwächterin Eutin entdecken
Nachrichten Norddeutschland Mit der Nachtwächterin Eutin entdecken
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18:03 22.07.2019
Mit Pike, Laterne, Ratsche und Pfeife sorgten Nachtwächter wie Brigitte Todt für Ruhe und Ordnung auf den Straßen der Stadt. Quelle: Fabian Boerger
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Eutin

Es war der 4. November 1793, als der Eutiner Rat tagte und beschloss, dass von nun an sechs Nachtwächter für Sicherheit und Ordnung auf den Straßen sorgen sollten – ein Wächter für jeden Bezirk. Mit Umhang, Filzhut und in schwarzer Kluft waren die Nachtwächter Schutzmänner, Feuermelder, -löscher und verantwortlich dafür, dass die Tore verschlossen wurden. Trotz der Gefahren kein ehrenhafter Beruf.

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„Aber man brauchte sie“, sagt Brigitte Todt. Sie ist Stadtführerin und zeigt als Nachtwächterin Besuchern Eutin bei Dunkelheit. Von Zeit zu Zeit schlüpft sie in die historische Rolle und streift mit Geschichtsinteressierten durch das dunkle Eutin. Die Reise in das Jahr 1793 beginnt vor dem Eutiner Rathaus. Der Ratsbeschluss ist der geschichtliche Ausgangspunkt des Rundgangs.

Zehn Gäste sind an diesem Abend dabei. Sie sind gekommen, um die Stadt aus einer anderen Perspektive zu entdecken. Es ist Punkt 9 Uhr: Nachtwächterin Todt greift nach dem geschwungenen Horn, das an einem Band um ihren Hals baumelt und bläst hinein. Ein tiefer Ton erfüllt den Marktplatz.

„Wofür steht das?“, fragt sie in die Runde. Rebecca Plisch aus Kiel antwortet: „Das heißt: Ab ins Bett.“ Die Gruppe lacht. Nicht ganz. „Es ist das Stundenhorn“, sagt Todt. Mit diesem bliesen die Nachtwächter zu jeder vollen Stunde. Denn Uhren hatten die Bewohner im 18. Jahrhundert noch nicht bei sich zu Hause. Zudem fühlten sich die Bürger der Stadt sicher, wenn sie das Horn hörten.

Eutin aus einer neuen Perspektive kennenlernen

Quer über den Marktplatz geht es durch einen kleinen Gang parallel zur Königsstraße auf den Kirchplatz von St. Michaelis. Für Alfred und Marianne Schiedek aus der Eifel ist es nicht die erste Themenführung dieser Art. „Wenn wir reisen, möchten wir die Leute und das Leben vor Ort kennenlernen. Eine solche Führung ist da eine gute Möglichkeit“, sagt Alfred Schiedek. Mit ihrem Campingwagen sind sie in Schleswig-Holstein unterwegs.

Außer dem Horn trägt die Nachtwächterin auch eine kleine Holzpfeife um den Hals. Sie diente zur Verständigung unter den Wächtern. Geriet einer in Gefahr, pfiff er nach Hilfe: Ein Pfiff stand für Bezirk eins, zwei Pfiffe für den Zweiten und so fort. Zur Verteidigung diente ihnen die Pike, ein kräftiger Holzstab mit spitzem Metallhaken, die auch Todt bei sich trägt.

Einmal die Woche bietet die Tourist-Info Eutin einen Nachtwächter-Rundgang an. Urlauber und Einheimische gehen dabei auf eine Reise durch die Vergangenheit der Kreisstadt.

Nachtwächter waren die Feuermelder des 18. Jahrhunderts

„Tumultanten“, wie die Stadtführerin sie nennt, oder angeheiterte Krachmacher wurden damit in ihre Schranken gewiesen. Sie half aber auch beim Entzünden der Laternen. Und viel wichtiger: „Wenn es brannte, konnten mit ihr die Reetbündel vom Dach gezogen werden.“ Denn Brände gab es häufig in der Stadt. Schließlich kochten die Bürger an und heizten mit offenen Feuerstellen.

Schnell geriet ein Haus in Brand – das Feuer griff dann rasend schnell auf die Nachbarhäuser über. Mit einer großen hölzernen Ratsche oder Räthel wurden die Bürger dann vom Nachtwächter geweckt und zum Feuerlöschen gerufen. Todt führt es vor: Sie hebt das hölzerne Gerät über den Kopf und schwingt den Ausleger – ein ohrenbetäubender Lärm ist ertönt.

Der Nachtwächter-Rundgang

Die Nachtwächter-Rundgänge werden jeden Freitag von Mitte Mai bis Mitte Oktober angeboten. Start- und Endpunkt des zweistündigen Rundgangs ist vor dem Gebäude der Tourist-Info, Markt 19. Die Tour kostet fünf Euro. Mindestens zwei Personen müssen an dem Rundgang teilnehmen, damit er stattfindet. Eine Anmeldung im Voraus ist nicht notwendig. Für Gruppen ist die Führung ganzjährig buchbar.

Weitere Infos erhalten sie telefonisch unter 045 21/70 97 22 oder im Internet beim Tourismus-Service.

Angekommen bei St. Michaelis, versammelt sich die Gruppe. „Bis 1786 war dieser Platz ein Friedhof. Sah man einen Nachtwächter auf dem Platz, brachte das Unglück.“

Weiter geht es in die Wasserstraße, die wenige Meter von St. Michaelis entfernt liegt. Die mit Kopfstein gepflasterte Straße führt direkt zum Großen Eutiner See. Zur Zeit der Nachtwächter wurden Kühe über die sogenannte Viehtränkestraße zum See getrieben. „Knöcheltief stand man damals in Morast.“ Schuld daran waren aber auch die Wäscher, Gerber, Färber und Bürger, die ihren Mist aus dem Fenster auf die Straße kippten.

Beschwerden beim Rathaus über die Nachtwächter

Auch ein Prominenter lebte in der Wasserstraße: der Eutiner Gelehrten Johann Heinrich Voß. Er lebte zwei Jahre lang, von 1782 bis 1784, in der Kreisstadt. Voß war es, der die Epen des Homer ins Deutsche übersetzte. Er verabscheute die Straße und nannte sie „eine Zyklopenhölle voll Dung und Dreck“, sagt Todt. Auch zu den Nachtwächtern hatte er kein gutes Verhältnis. Er fühlte sich durch ihr lautes Getöse gestört. Also schnell weiter.

Der ins Abendrot getauchte Eutiner See schafft eine mystische Stimmung. „Ich liebe hier den Blick über den See“, sagt Todt, bevor sie die Bedeutung der Fasaneninsel erläutert, die sich vor dem Eutiner Schloss vom grünen Ufer abhebt. Im 18. Jahrhundert wurden die Namensgeber auf der Insel gezüchtet, „aber schon im 9. Jahrhundert wurde dort gesiedelt.“ Aus den Siedlungen, die sich später am Ufer gründeten, entstand die Stadt Eutin.

Vorbei am Eutiner Schloss, dem Ostholsteinmuseum und der Landeskreisbibliothek passiert die Gruppe eine Reihe alter Straßenlaternen. Todt stoppt. „Noch vor Lübeck und Kiel hatte Eutin bereits Straßenlaternen“, sagt die Nachtwächterin. „Was glauben Sie, wer die anzünden und auslöschen musste?“, fragt sie und wendet sich an ihre Touristen-Gruppe. „Genau, ich war es.“

Nachtwächterin Todt kennt Eutin wie ihre Westentasche

Die Sonne hat sich mittlerweile verabschiedet. Die Straßen sind in Neonlicht getaucht. Entlang der Stolbergstraße geht die Gruppe langsamen Schrittes in Richtung Ausgangspunkt. Zu jedem Haus, jedem Straßenschild und jedem Stein hat die Nachtwächterin eine Geschichte in petto. Ihre Kenntnisse hat sich die Stadtführerin angelesen.

Durch eine der insgesamt vier Twieten – das sind Zwischengänge, die den Marktplatz mit den hinteren Straßen verbinden – wandern sie zurück zum Rathaus. Der Gang werde auch Ehebrechergang genannt, sagt Todt. Mit Freude saugen die Gäste all das Wissen auf, das ihnen die Nachtwächterin im Vorbeigehen vermittelt. „Wie sie die Geschichten erzählt, hat einfach Charme. Viele der Infos hat man schon einmal gehört, da uns Eutin nicht fremd ist. Aber wie sie es erzählt, bleibt es besser hängen“, sagt Maybritt Fenske.

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Ein letztes Mal bläst Brigitte Todt in ihr Horn. „So, jetzt sind wir schon wieder zurück im Jahr 2019.“ Und dann ist es vorbei. Im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert verschwand das Berufsbild des Nachtwächters. Zumindest offiziell. Inoffiziell führen Brigitte Todt und ihre Nachtwächterkollegen diese Tradition fort – mit einem neuen Lehrauftrag. Und neugierige Besucher und Geschichtsinteressierte erfreuen sich weiterhin dieser historischen Gesellen.

Fabian Boerger