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Norddeutschland Haltezonen für Eltern: Wie der Norden den Stau vor den Schulen bekämpfen will
Nachrichten Norddeutschland Haltezonen für Eltern: Wie der Norden den Stau vor den Schulen bekämpfen will
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11:18 15.08.2019
Die „Kiss & Ride“-Zone am Schulzentrum Großhansdorf. Quelle: Lennart Heß
Lübeck

 Alle Jahre wieder beginnt mit dem neuen Schuljahr auch das Verkehrschaos vor den Schulgebäuden. Zahlreiche Eltern bringen im Norden ihre Schützlinge mit dem Auto so nah wie möglich an den Schuleingang. Volle Straßen und zugeparkte Gehwege sind besonders in den Städten die Folge.

Um das zu vermeiden, haben einige Schulen bereits sogenannte „Kiss-and-Ride-Zonen“ eingerichtet, so zum Beispiel in Kaltenkirchen (Kreis Segeberg), Großhansdorf und Willinghusen (Kreis Stormarn). In diesen extra angelegte Haltezonen können Eltern ihre Kinder absetzen und abholen. Sie befinden sich meist ein Stück vom Schulgebäude entfernt.

ADAC sponsert Schilder für Schulen

„Das ist auf jeden Fall eine gute Lösung“, lobt Ulf Evert, Sprecher des ADAC Schleswig-Holstein. „So entfernt sich der Verkehr von der Schule und die Kinder lernen zugleich, den Schulweg ein Stück weit selbst zu beschreiten.“ Evert betont, dass dieses Prinzip in anderen Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen bereits an vielen Schulen gut funktioniert.

Der ADAC habe die Einrichtung solcher Zonen in ganz Schleswig-Holstein bereits dem Verkehrsministerium vorgeschlagen, warte aber noch auf dessen Zustimmung. Evert erklärt: „Wir sponsern die Schilder für diese Zonen. Die Schulen müssen nur Bescheid geben, dass sie das möchten.“

„Kiss-and-Ride-Zonen“ vor unseren Schulen? Eltern, Anwohner und Schulen sind zwiegespalten. Die LN haben sich in Lübeck umgehört.

Verkehrswacht befürwortet Kiss-an-Ride-Zonen

Auch die Verkehrswacht Schleswig-Holstein unterstützt die Idee. Landesvizepräsidentin Elisabeth Pier sagt: „Jede Lösung ist besser als dieses Chaos vor den Schulen.“ Das größte Problem sei die Zeit, die das Abliefern der Kinder beanspruche. „Die Eltern steigen aus, holen ihre Kinder raus, den Ranzen, einen Turnbeutel, dann gibt es noch einen Abschiedskuss. Das kostet wahnsinnig viel Zeit, die den Verkehr blockiert.“ Ein fester Treffpunkt etwas abseits der Schule sei daher eine gute Möglichkeit. „Den halben Kilometer können die Schüler gemeinsam in der Gruppe gehen“, erklärt Pier. „Dabei bewegen sie sich und tanken zugleich Sauerstoff.“ Das sei sogar gut für die Gesundheit. Pier rät Eltern, ihren Kindern früher zuzutrauen, den Schulweg allein zu beschreiten. „Das gehört zum Schulalltag dazu“, sagt die Verkehrsexpertin.

Ein Schulweg – viele Möglichkeiten

Nach Angaben der Landesverkehrswacht sind „Kiss-and-Ride“-Zonen zwar eine sinnvolle, aber nicht die einzige Lösung gegen das Verkehrschaos vor den Schulen. Vielerorts bringen auch Schulbusse die Kinder sicher hin und zurück. Gerade in ländlichen Regionen ist das eine effektive Alternative.

Zudem gibt es an einigen Schulen, zum Beispiel in Kiel, sogenannte „Verkehrszähmer“. Das sind Schüler der höheren Klassenstufen, die in Warnwesten gekleidet am Straßenrand vor der Schule stehen. Wenn Eltern mit dem Auto dort halten, öffnen sie die Tür und helfen den Kindern beim Aussteigen. So müssen die Eltern den Wagen nicht extra verlassen. Das spart Zeit. Die nötigen Westen stellt die Verkehrswacht zur Verfügung.

Elisabeth Pier von der Landesverkehrswacht lobt auch Wettbewerbe, bei denen Schulen sich damit messen, wo die meisten Schüler mit dem Rad oder zu Fuß kommen. Das motiviert Eltern und Schüler, für den Schulweg nicht das Auto zu nutzen.

Viele Kinder kommen zu Fuß oder mit dem Rad

Lübecker Eltern stehen der Idee von „Kiss-and-Ride“-Zonen unterschiedlich gegenüber. Milagros Alvarez (36) sagt: „Das gibt es ja schon, dass Eltern ihre Kinder weiter weg absetzen müssen.“ Sie hätten oft keine andere Wahl, da die Situation vor der Schule meist „eine Katastrophe“ sei. „Alles ist vollgeparkt. Das ist stressig für Eltern zu Fuß, mit dem Auto und dem Rad.“ Alvarez empfiehlt, Kinder zu Fuß zur Schule zu bringen, das ließe sich zum Beispiel gut mit einem Spaziergang verbinden. Sie selbst begleite ihre Kinder so oder mit dem Rad täglich zur Schule.

Ole Knoll (37) sagt über „Kiss-and-Ride“-Zonen: „Ich finde die Idee gut, weil es bestimmt auch sicherer ist.“ Wichtig sei, dass der Weg gut einsehbar ist und die Kinder keine Straßen überqueren müssen. Damit seine siebenjährige Tochter sicher zur Schule kommt, geht sie täglich in einer Gruppe mit mehreren Kindern und in Begleitung eines Elternteils. „Man kann sich gut mit den anderen Eltern aus der Nachbarschaft abwechseln, so dass immer einer mitgeht“, berichtet Knoll.

Schule liegt für Eltern oft auf dem Arbeitsweg

Stefanie Berndt aus Lübeck hingegen bringt und holt ihre neunjährige Tochter stets mit dem Auto. Sie sagt: „Ich arbeite in der Innenstadt und komme mit meiner Tochter morgens gemeinsam her. Nach Feierabend nehme ich sie wieder mit nach Hause.“ Die 40-jährige Mutter weiß aus eigener Erfahrung, dass viele Eltern Schulen auswählen, die weiter weg liegen, da sie die Lernqualität und Kinderbetreuung dort besser finden. „Wenn die Bedingungen an allen Schulen gleich wären, würden viele Eltern auch nicht diesen Aufwand auf sich nehmen.“

Der Lübecker Michael Vater (41) zeigt Verständnis: „Viele müssen es kombinieren, um zur Arbeit zu kommen.“ „Kiss-and-Ride“-Zonen würde er begrüßen. Vater vermutet jedoch: „Es wäre oft ziemlich schwer einzurichten, weil dafür zum Beispiel Parkplätze weggenommen werden müssten.“ Damit wären viele Anwohner nicht einverstanden.

Anwohner: „Kindern wird die Selbstständigkeit genommen“

Doch auch die derzeitige Situation vor den Schulen nervt Anwohner. Reiner Lorenz wohnt in der Nähe der Lübecker Kaland-Schule. „Hier ist morgens ständig Stau –und das in einem ruhigen Wohngebiet.“ Durch eine nahe liegende Baustelle habe sich die Situation besonders zugespitzt. Entfernte Haltezonen für Eltern hält er für eine sinnvolle Lösung. „Viele Eltern sollten sich trotzdem überlegen, ob sie ihre Kinder nicht lieber mit dem Rad oder zu Fuß zur Schule schicken. Früher haben wir das auch so gemacht. Heutzutage wird den Kindern oft zu viel Selbstständigkeit genommen.“

Hansestadt Lübeck ist skeptisch

Die Stadt Lübeck teilte gestern mit, dass in der Hansestadt derzeit keine „Kiss- and-Ride“-Zonen geplant sind: „Eine solche Zone verlagert das Problem nur an einen anderen Ort.“

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