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Norddeutschland Stolperfalle E-Scooter: Verbände genervt
Nachrichten Norddeutschland Stolperfalle E-Scooter: Verbände genervt
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19:14 05.08.2019
Spaß auf zwei Rädern: LN-Auszubildende Jule Arista Runde fährt einen E-Scooter. Um das Parken der Roller gibt es jetzt Debatten. Quelle: 54° / Felix Koenig
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Lübeck

Seit fast zwei Monaten sind die E-Scooter auf Deutschlands Straßen erlaubt. Doch die Kritik an den Elektro-Tretrollern reißt nicht ab, auch in Lübeck.

Städtetag: Die Anfangsschwierigkeiten wurden unterschätzt

Man habe „die Anfangsschwierigkeiten unterschätzt“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetags, Helmut Dedy, und fordert „klarere Spielregeln“ für E-Scooter. Es müsse endlich sichergestellt werden, dass die Scooter nicht überall herumstehen und andere behindern. Die Nutzer würden die Scooter offenbar als Spielzeug und nicht als Verkehrsmittel betrachten. Die Anbieter müssten sie besser über die Nutzungsbedingungen informieren.

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Man muss auch nicht lange suchen in der Stadt, bis man einen E-Scooter gefunden hat. Das geht auch per App des Anbieters. Wer seine Augen offen hält, entdeckt aber auch einige der Flitzer ganz schnell ohne Hilfe. Oft stehen mehrere beisammen, aufgereiht nebeneinander, ordentlich geparkt. Doch das ist nicht immer der Fall. Die LN schauen sich im Stadtgebiet um: Am Buniamshof steht einer mitten auf dem Fußweg. In der Beckergrube wird ein Radständer durch einen E-Scooter blockiert. An der MuK ist eine Parkbank durch gleich zwei Flitzer blockiert.

Anwohner geteilter Meinung

Anwohner sind geteilter Meinung darüber, ob die Scooter nun mehr nutzen oder gar mehr stören. „Die Fahrer sollten sich an die Straßenverkehrsregeln halten“ sagt Hannah Gertloff. Sie könne mit ihrem Fahrrad ja auch nicht einfach über eine rote Ampel fahren. Ebenfalls störe sie das Drängeln der E-Scooter zwischen Fahrrädern und Autos auf der Straße. Da sie selbst einen Helm beim Fahrradfahren trägt, halt sie eine Helmpflicht für E-Scooter ebenfalls für sinnvoll.

Sicher geparkt müssen E-Scooter werden, fordert der Städtetag. So denken Lübecker über die kleinen Flitzer:

Das kann Michael Kleweken bestätigen. „Viele Leute fahren teilweise kreuz und quer, über Straßen und Wege, einfach so wie es ihnen passt.“ Er glaubt, dass die meisten erstmal eine Erfahrung mit den Rollern machen wollen, um es einmal ausprobiert zu haben. Da die Fahrer auch Radfahrwege benutzen, und diese nicht immer vorhanden sind, weichen viele auf den Bürgersteig aus. „Oft überschneidet sich die Fahrbahn auch mit den Fußgängerüberwegen“ sagt Kleweken. Dann seien Unfälle vorprogrammiert. Für kleine Kinder, Ältere und Menschen mit Behinderungen sei das Risiko eines Unfalls mit einem E-Scooter am höchsten, da sie oft nicht schnell genug ausweichen oder reagieren können. Die Roller sind außerdem sehr leise und können innerhalb kurzer Zeit in hohes Tempo erreichen.

Wenn geparkte Roller stören

Doch auch im unbenutzten Zustand können die Roller eine Behinderung darstellen. Zur Zeit gibt es keine festen Stellplätze für die E-Scooter. Es reicht, wenn man ihn nach Ende der Fahrt beliebig abstellt. Das kann auf dem Markt sein, auf einem Fußgängerweg oder an einem Fahrradständer. Die meisten Roller werden an Laternen oder Zäunen abgestellt. „Ich würde eine Vorgabe gut finden, dass die Roller nur an bestimmten Plätzen abgestellt werden dürfen und nicht quer über den Bordstein oder Radweg“ sagt Michael Kleweken. In Paris ist das Abstellen auf Fußwegen ab September ganz verboten und kostet Strafe.

Michael Graff stören die E-Scooter noch nicht. „Wenn sich die Roller in Zukunft jedoch vermehren, und somit noch mehr von ihnen herumstehen, wird es bestimmt lästig.“ Dann sollte es auch Zeit werden, bessere Kontrollen einzuführen, damit verkehrswidriges Fahren mit Bußgeldern bestraft werden kann. Damit es jedoch nicht zu Strafen kommen muss, hält Graff eine Schulung zur Nutzung der Scooter im Voraus für sinnvoll.

Stolperfallen für Sehbehinderte

Auch Behindertenverbände warnen vor den Scootern. Sie seien vor allem für kleine Kinder, Ältere und Menschen mit Behinderung eine Gefahr, sagt die Präsidentin des Sozialverbandes VdK, Verena Bentele – und würden zudem noch nicht mal den Autoverkehr reduzieren, sondern allenfalls Fußgänger und Radfahrer zum Umsteigen bewegen. Für Stephan Heinke vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband stellen die vielen unsachgemäß abgestellten E-Tretroller schlichtweg „echte Stolperfallen“ dar. Wer so einen Roller fahren will, müsste vorab einen Kursus belegen, fordert Heinke.

ADFC: Scooter an Fahrradbügeln nerven

Die Mitglieder des Fahrradclubs ADFC in Lübeck würden sich bislang vor allem über die vielen an Fahrradbügeln abgestellten E-Scooter ärgern, sagt Vereinsvorsitzender Wolfgang Raabe. Er sieht da allerdings auch die Stadt in der Pflicht: „Wenn es genug Fahrradständer gäbe, wäre das kein Problem mehr.“ Das gelte auch ganz generell für die Radwegeinfrastruktur. „Die Radwege sind schmal und uneben“, sagt Raabe. Nicht gut für Radfahrer, erst recht nicht gut für Rollerfahrer mit Kleinst-Reifen. Dass sich einige Verkehrsteilnehmer nicht an Regeln halten, gelte auch für andere Fahrzeugarten. Für eine abschließende Bilanz sei es aber noch zu früh. Seine persönliche Einschätzung bislang: „Die E-Scooter werden eher Spaßfahrzeuge bleiben als ein echtes Verkehrsangebot.“

Freischalten, Gas geben, Spaß haben: Mit den neuen E-Scootern von Voi kann man in Lübeck eine Menge Spaß haben. Aber ein paar Kleinigkeiten sind zu beachten.

Lübecker Polizei nahm bereits einen Unfall auf

Die Lübecker Polizei hat bislang einen Unfall mit einem E-Scooter aufgenommen. Ein 22-jähriger Tourist und seine 19-jährige Freundin fuhren verbotenerweise zu zweit auf einem Roller und dann auch nicht minder verbotenerweise auf dem Gehweg – und krachten prompt in ein abbiegendes Auto. Ein weggeworfener E-Scooter musste zudem aus der Wakenitz gezogen werden. Beim Landespolizeiamt halte man sich mit einer statistischen Bewertung zu den Scootern noch zurück, sagt ein Sprecher. Bislang würden die E-Scooter noch nicht als eigenständige Verkehrsbeteiligte statisch erfasst werden. Das sei bundesweit erst in Arbeit. Man sei aber bereits in der Unfallprävention aktiv und informiere mit Flyern und in Sozialen Medien breit über wichtige Regeln, etwa, dass auch beim Scooter-Fahren die Promille-Grenzen gelten.

Lindenau: Probleme nicht größer als beim Fahrradverkehr

Lübecks Bürgermeister Jan Lindenau sieht das Ganze entspannter als der Städtetag. „Grundsätzlich gilt: Wir sind noch in der Testphase. Aber die Herausforderungen sind nicht größer als im Fahrradverkehr, der den gleichen Auflagen unterliegt, wie ein E Scooter.“ Die Stadt selber vereinbare mit Betreibern etwa „No-Abstell-Areas“, also Bereiche, in denen die Nutzer keine E Scooter abstellen dürfen, sagt der SPD-Verwaltungschef. Der Anbieter VOI, der in Lübeck aktiv ist, informiere Nutzer zudem bereits über seine Handy-App regelmäßig über Regeln, wenn sie einen E-Scooter nutzen. Am Ende sei es aber wie immer im Straßenverkehr: „Es kommt auf das Verhalten jedes einzelnen Verkehrsteilnehmers an.“ Die prophezeiten Riesenprobleme seien allerdings ausgeblieben.

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