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Norddeutschland Tatortreiniger: Ein Mann für alle Fälle
Nachrichten Norddeutschland Tatortreiniger: Ein Mann für alle Fälle
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11:15 16.02.2015
In Norddeutschland und mit Hochdruckreinigungsgerät unterwegs: Dusan Potocnik (47) in Schutzausrüstung. Quelle: Neelsen
Flensburg

Der Mann war im Sommer auf Sylt gestorben. Fünf Wochen lag er in seiner Wohnung, er war sehr beleibt, es war heiß, und die Dinge, sie nahmen ihren natürlichen Lauf. Erde zu Erde, Asche zu Asche. Dusan Potocnik sagt: „Der Abschied auf diese Art und Weise ist das, was einen am meisten beschäftigt. Das steckt man nicht so einfach weg.“ 

Potocnik sitzt in seinem Büro in Flensburg, er spricht langsam, beinahe bedächtig, er will nicht missverstanden werden, es ist ein schwieriges Thema, seine Stimme ist hell, ohne Brüche. Er ist Tatortreiniger, und er ist das Gegenteil von dem Mann aus dem Fernsehen, den die Republik als „Schotty“ kennt. Wenn der seine Arbeit richtig macht, biegen sich die Leute im besten Fall vor Lachen, wenn Potocnik kommt, dann ist es „sehr, sehr schlimm“. Noch Tage nach solchen Einsätzen könne er kein Fleisch essen, „wie das dort riecht, sagt er, „das wollen Sie nicht wissen“, am liebsten möchte man das ganze Haus abreißen. Wie hält er das aus? „Man gewöhnt sich dran.“ Und außerdem, einer müsse den Job schließlich machen. „Wir machen ihn gut.“

Dusan Potocnik, 47 Jahre, Vater von drei Kindern, ist in Slowenien geboren. Er ist in Esslingen aufgewachsen, und wäre es damals nach ihm gegangen, er wäre wohl Kfz-Mechaniker oder Maschinenbauer bei Porsche oder Daimler geworden. Nun, es kam anders, er machte eine Ausbildung zum Glas- und Gebäudereiniger, er war der einzige Auszubildende im Großraum Stuttgart. An seinem ersten Arbeitstag drückte man ihm einen Besen in die Hand und sagte: „fegen“, und er fegte, tagelang, „alle zehn Minuten wollte ich abhauen, es war grauenhaft“.

Nach Flensburg kam er wegen der Liebe, und als er nach ein paar Jahren seinen Job verlor, machte er sich selbstständig, 2008 war das. Claritas heißt seine Firma, das ist Latein und heißt: Klarheit. 34 Leute arbeiten für ihn, im Winter sind es 26. „Das variiert.“ Claritas ist eine klassische Gebäudereinigungsfirma, putzen, wischen, polieren, und die Sache mit der Tatortreinigung, die kam irgendwann dazu, das habe sich aus der Praxis ergeben. Ein Verstorbener lag zwei Wochen in seiner Wohnung, der Vermieter suchte Hilfe, Potocnik übernahm den Auftrag, ein neuer Geschäftszweig entstand.

Tartortreiniger ist kein Beruf, den man erlernen kann. Entweder, man erträgt die Arbeit oder man erträgt sie nicht; Potocnik erträgt sie, er sagt, er sei dafür geschaffen, er hat wohl das Durch haltevermögen. Große, kräftige Kerle habe er getroffen, die brachen nach zehn Sekunden zusammen, Potocnik ist eher klein, er imitiert mit der Hand eine fallende Bewegung, rrrums.
Seit über 25 Jahren ist er jetzt in dem Job, und fragt man ihn, ob die Arbeit ihn verändert, wiegt er zunächst den Kopf hin und her, dann sagt er: „Ich weiß nicht. Das sind ja alles tragische Geschichten. Man kommt in die Wohnung, sieht die Fotos an den Wänden, die hatten ja alle ein Leben davor. Ein Kollege hat mir gesagt, er konfrontiere sich nicht mit den Geschichten, mir aber hilft das. Wenn ich putze, will ich wissen, warum.“ Abends bei seiner Frau redet er sich die Dinge von der Seele, das ist sein Ritual, er braucht das, Psychohygiene. Man hat ja keine Ahnung.

Als Erstes kommen die Fliegen. Dann die Maden. Die Käfer. Hunderte, Millionen, am Ende ist alles schwarz; meist sei das der Zeitpunkt, an dem die anderen Hausbewohnern aufwachen und Hilfe rufen. Manchmal rufen sie auch nicht, wie im Fall einer Frau um die 40, die nach einem Selbstmord wochenlang hinter ihrer Wohnungstür lag. Kein Nachbar rührte sich. Niemand wunderte sich. Nicht über den übergequollenen Briefkasten, nicht über den Gestank. In solchen Situationen, sagt er, falle man vom Glauben ab.

Potocnik ist ein freundlicher Mann, ruhig, nachdenklich, einer, dem das Interesse an seiner Person unangenehm ist. Jetzt also sitzt er in seinem kleinen Büro im Erdgeschoss eines Zweifamilienhauses, links von ihm ein Kaffeeautomat, italienisches Design, und der Schreibtisch so sauber und aufgeräumt, als wäre er Dekoration. Er ist ein Perfektionist, in seiner Firma lässt er die Putzschwämme nach Farben sortieren, rot für den Sanitärbereich, weiß für Küchen, grüne Lappen sind für Waschbecken. Die Kollegen sagen, er habe das Herz am rechten Fleck.

Hat eine Leiche wochenlang gelegen, melden sich meist die Vermieter, Hausverwalter oder Nachlassverwalter, Potocnik fährt dann das komplette Programm: Wohnung reinigen, Inventar wegschaffen, Ungeziefer entfernen, Geruch bekämpfen. Und wenn das nicht reicht: Tapete runterreißen, Beton aufstemmen, Fliesen abschlagen, Putz abklopfen, die Chemiekeule kreisen lassen. Der Tod, sagt er, krieche in jede Ritze, überall hänge er fest, und den Geruch, den dünste er noch Tage später über die Haut aus.

Ein Tatortreiniger muss mit dem Tod umgehen können, er ist allgegenwärtig. Meist sind die Menschen einsam und auf natürlichem Weg gestorben, selten war es ein Suizid, noch seltener ein Gewaltverbrechen. Auch der Mann aus Sylt lebte zurückgezogen, von der Gesellschaft vergessen. Niemand vermisste ihn, Potocnik sagt: „ Sowas wünscht man sich selbst nicht. Wenn ich was in den letzten Jahren gelernt habe, dann: Gut mit sich selbst umzugehen.“

Alles andere als amüsant

Auch Dusan Potocnik findet den „Tatortreiniger“ aus dem NDR lustig, mit der Realität aber hat die Serie nichts zu tun. Die Arbeit eines echten Tatortreinigers ist hart und alles andere als amüsant. Hat eine Leiche ein bis zwei Wochen gelegen, kann man in der gesamten Wohnung so gut wie nichts mehr wiederverwenden. Bereits nach ein paar Tagen sacken alle Körperflüssigkeiten nach unten. 

Der Tatortreiniger des NDR

Eine Ausbildung zum Tatort- oder Leichenfundortreiniger gibt es nicht, gleichwohl gibt es in Deutschland etwa zehn Tatortreiniger; der Begriff allerdings ist nicht geschützt. Tatortreiniger kommen, wenn die Leiche schon weg ist. Eine Reinigung geht in die Tausende. Für Vermieter ist das nicht selten ein wirtschaftlicher Totalschaden.
Klassische Tatorte werden in der Regel von Tätern möglichst sauber hinterlassen. Tatortreiniger reinigen dann das, was die Polizei nach der Spurensicherung hinterlassen hat.

Von Marion Hahnfeldt