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Norddeutschland Tierwohl-Abgabe: Viele Kunden sind dafür
Nachrichten Norddeutschland Tierwohl-Abgabe: Viele Kunden sind dafür
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11:07 17.01.2020
Metzgermeister Michael Martens verkauft Claudia Jacob an der Verkaufstheke bei Edeka in Bad Schwartau ein Stück Fleisch. Quelle: Agentur 54°
Lübeck

Das Tierwohl wird groß geschrieben bei Bauer Jens Hammerich (59) aus Pronstorf-Eilsdorf (Kreis Segeberg). Er hat glückliche Schweine, davon ist er überzeugt. Bei 22 Grad Stalltemperatur steht in den Boxen jedem Schwein ein Quadratmeter Platz zur Verfügung, es gibt täglich Rauhfutter und sogar ein Spielzeug. „Ja, Spielzeug.“ Hammerich nickt und guckt dabei, als könne er es selbst kaum glauben. Das Spielzeug ist eine Art Stange oder Brett, die an einer Kette von der Decke hängen. Die Schweine können es beschnuppern oder knuffen, so dass es schaukelt.

Mehr Geld für weniger Schweine

„Dafür bekomme ich von der Tierwohl-Initiative pro Schwein drei Euro mehr“, erklärt Hammerich, der 4000 Mastschweine hält. „Das sind etwa drei Cent pro Kilo.“ Sei gut zwei Jahren produziere er nach den Vorgaben der Initiative, zu der Unternehmen und Verbände aus Landwirtschaft, Fleischwirtschaft und Lebensmitteleinzelhandel gehören. Nun gibt es mehr Geld, aber dafür hält der Landwirt auch zehn Prozent weniger Schweine als vorher. Sein Fleisch geht an Edeka, das mit dem Tierwohl-Label wirbt.

Geht es nach Greenpeace und dem Kieler Umweltministerium, könnte eine solche Tierwohl-Abgabe Pflicht werden – bis zu 50 Cent pro Kilo Fleisch sind im Gespräch und 1,5 Cent pro Liter Milch. Das Geld soll einer besseren Tierhaltung zugute kommen. Nicht wenige Verbraucher könnten sich das gut vorstellen. Zumindest ist das der Tenor einer Befragung im Edeka Martens in Bad Schwartau.

Kunden und Verkäufer im Edeka Martens Bad Schwartau sowie ein Schweinehalter äußern sich zur Abgabe-Idee.

„Es muss mehr für Tiere getan werden“

„Das Kilo Schweineschnitzel kostet gerade 11,99 Euro das Kilo, Filet 17,99 Euro, Mett 7,90 Euro“, gibt Metzgermeister Michael Martens (41) von der Fleischtheke Auskunft. „Bessere Tierhaltung ist etwas, das eigentlich alle Kunden wollen“, glaubt er. „Die meisten sind bereit, dafür mehr zu zahlen.“

Claudia Jacob (65) kauft ein Pfund gemischtes Hack für 3,41 Euro. „Es wäre okay, wenn es etwas teurer wäre“, bestätigt sie. Sie habe oft das Gefühl, dass für die Tiere mehr getan werden müsse.

„Von mir aus“, meint auch Carola Schütt (51). Die Vollzugsbeamtin zuckt die Achseln. „Es wird eh zuviel produziert und zuviel weggeworfen. Vielleicht konsumieren die Leute Fleisch etwas bewusster, wenn es durch eine solche Abgabe teurer wird.“

Bessere Haltung, besserer Geschmack?

Frank Hettner (18) aus Ahrensbök ist es wichtig, dass er gutes Fleisch bekommt – und dass die Tiere, die es liefern, nicht übertrieben leiden müssen. „Ich finde 50 Cent mehr pro Kilo deshalb absolut akzeptabel.“

„Je besser die Tiere gehalten werden, desto besser schmecken sie.“ Michael Weissin (53) aus Scharbeutz fällt dieser praktische Effekt als Erstes ein. „Ich würde auch 50 Cent mehr zahlen.“ Das sei nicht zuviel.

Julia Holbach (39) ist Lebensmittelchemikerin und überzeugt, dass die Qualität der Haltung bei tierischer Produktion viel ausmacht. „Dafür bin ich gerne bereit, mehr zu zahlen.“

„Es wäre den Versuch wert, ob es dann wirklich besser wird“, sagt Sarah Naumann (25). Die Krankenschwester sieht großen Verbesserungsbedarf, vor allem bei großen Mastbetrieben.

„Massentierhaltung eingrenzen“

„Die Intention hinter dem Ganzen muss doch sein, die Massentierhaltung einzugrenzen“, fordert Christian Petersen (56). Der Softwareentwickler bezweifelt, dass eine Tierwohlabgabe dazu der richtige Weg ist. „Die Großbetriebe arbeiten profitorientiert. Selbst die Qualität ist denen egal, solange sich das Fleisch nur verkauft.“ Der Gesetzgeber müsse einfach klare Vorgaben für eine bessere Haltung machen.

Leider sei es tatsächlich so, dass die billigste Milch am häufigsten gekauft werde, sagt Jacqueline Bohlen (22), die stellvertretende Marktleiterin im Edeka. „Das ist der Grund, warum auch den Bauern so wenig für die Milch gezahlt wird.“

Das billigste Fleisch sei das meistgekaufte, weiß auch Schweinehalter Hammerich. „Wären die Verbraucher bereit, fünf Cent mehr pro Kilo zu bezahlen, könnte ich auf Soja, das ja gentechnisch verändert ist, vollkommen verzichten und stattdessen Raps und Ackerbohnen füttern.“ So aber habe er seine Ackerbohnen zuletzt lieber nach Norwegen verkauft. „Da bekomme ich 30 Prozent mehr, als wenn ich sie den Schweinen verfüttere.“

Sowohl der Landwirt als auch die Kauffrau finden eine verbindliche Tierwohlabgabe daher eine gute Idee.

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