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Norddeutschland So wird Schnarchen im UKSH-Schlaflabor untersucht
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21:51 23.03.2019
LN-Reporter Fabian Boerger verbringt eine Nacht im Schlaflabor des UKSH Lübeck. Quelle: 54° / John Garve
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Lübeck

Auf dem Gelände des Universitätsklinikums Lübeck (UKSH) befindet sich das Schlaflabor. Haus 26 B. Zimmer Nummer 4. Hier verbringe ich die Nacht. Im Schlafanzug sitze ich auf dem Bett. 18 knopfgroße Elektroden sind auf meinen Körper geklebt: acht im Gesicht, sechs im Nacken und auf den Haaren, zwei am Herzen, zwei am rechten Schienbein. Sie messen jede Regung meines Körpers. Zwei Gurte umspannen meinen Brustkorb. Die Haut spannt, wie bei einem Sonnenbrand.

Etwa eine halbe Stunde braucht Lisa Kitschke (30), Medizinstudentin an der Uni Lübeck, um die Elektroden an meinem Körper zu befestigen. Sie ist Assistentin im Schlaflabor und begleitet die Schlaf-Patienten durch die Nacht. Geübt streicht sie die Kabel der Elektroden wie einen langen Zopf hinter meinem Kopf zusammen. Die Enden steckt sie in eine Box. Über Funk ist diese mit dem Computer im Vorraum verbunden, der die Messungen aufzeichnet.

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Nächtliche Atmungsstörungen von Schnarchern

Insgesamt 18 Elektroden messen die Bewegungen meines Körpers. Acht Stück sind allein in und um mein Gesicht geklebt. Quelle: 54° / John Garve

Zimmer 4 ist kahl und trist und sieht aus wie ein ganz normales Krankenhauszimmer. Es ist einer der fünf Untersuchungsräume des Schlaflabors und Teil der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde. Hier werden nächtliche Atmungsstörungen von Schnarchern untersucht. Nicht unbedingt die Menschen, die dem Bettnachbarn den Schlaf rauben. Sondern jene, die an einer Schlafapnoe leiden - also an Atmungsstörungen während der Nacht. In Lübeck gibt es zwei dieser Einrichtungen — eine am UKSH und eine im Schlafmedizinzentrum (SMZ).

Es ist ein komisches Gefühl, mit dem ich die grauweiße Krankenhausdecke mit senfgelben Streifen zurückwerfe, und mich in das Krankenhausbett lege. Ich fühle mich überwacht. Neben einem kleinen Fernseher hängt eine Kamera an der Wand zu meinen Füßen. 22.14 Uhr. Das Licht geht aus. Ich starre die Kamera an. Die kleinen roten Lämpchen an ihrem Gehäuse funkeln zurück.

Ungewohnt: „Das Schlaflabor ist eine künstliche Umgebung“

Ich erinnere mich an die Worte von Leiter des Schlaflabors, Dr. Armin Steffen. In einem Vorgespräch sagte er: „Das Schlaflabor ist eine künstliche Umgebung. Aber keine Sorge, bei uns schläft so gut wie jeder ein.“ Mit so vielen Drähten am Körper? Kurz jucken die Elektroden auf meinem Kopf ein letztes Mal. Einen Augenblick später bin ich eingeschlafen, der Arzt hat Recht gehabt. Nun beginnt die Aufzeichnung.

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Für Schlafapnoe-Patienten startet die nächtliche Untersuchung schon lange vor dem Aufenthalt im Schlaflabor. Mit einem kleinen Aufnahmegerät, das der Patient mit nach Hause bekommt, werden Schnarchen, Atempausen und Sauerstoffwerte im heimischen Bett aufgezeichnet. Das Problem bei einer Schlafapnoe ist, dass sich beim Schlafen die Muskeln entspannen. Bei den Betroffenen steht kurzzeitig der Atem still, da die oberen Atemwege blockiert werden. Auf die Dauer leiden die Betroffenen unter Schlafmangel, doch merken viele erst sehr spät, dass sie unter einer Schlafapnoe leiden. „Der Leidensdruck ist dann schon sehr groß“, sagt Dr. Steffen.

Lebensgefährliche Folgeerkrankungen sind möglich

Aufgrund der Atmungsstörung fehlt es dem Körper an Sauerstoff, weshalb er nachts in seiner ursprünglichen Erholungsphase gestresst ist. Erhöhter Blutdruck, Herzrhythmusstörungen und Tagesmüdigkeit sind mögliche Folgebeschwerden. Sogar ein Schlaganfall ist möglich. Sollten sich bei der heimischen Gerätemessung nicht eindeutige Befunde ergeben, erfolgt die intensivere Messung mit EEG-Messungen über Nacht im Schlaflabor: Überprüft werden die Schlafstadien und die Schlaftiefe. Das wird auch bei mir gemessen.

Christian Lange und Dr. Armin Steffen vom Schlaflabor des UKSH Lübeck analysieren die Messergebnisse der Nacht. Quelle: Fabian Boerger

Meine Nacht ist unruhig. Oft wache ich auf und befürchte, die Kabel an meinem Körper könnten sich lösen. Dann bin ich auch schon wieder eingeschlafen. So geht es mehrere Stunden. Vor meinem Zimmer überwacht Lisa Kitschke meinen Schlaf und beobachtet die Linien, die über den dort stehenden Monitor zucken. Es sind die Messergebnisse, die in den Computer einlaufen. 7,8 Stunden dauert die Aufzeichnung.

Die Behandlung einer Schlafapnoe

Ein Gerät, das so groß ist wie ein Schuhkarton, kann Abhilfe schaffen. Über eine Gummimaske, die während der Nacht über die Nase gestülpt wird, wird der Schnarcher mit einem Überdruck beatmet. Ein steter Luftzug pustet dem Betroffenen gefilterte Raumluft in die Nase. Es überwindet die Phasen, in denen der Patient nicht atmet. Je nach Schwere der Apnoe müssen das Gerät und die Atemmaske im Schlaflabor eingestellt werden. „Durch die Überdrucktherapie kann das Risiko für Folgeerkrankungen fast auf normales Niveau gebracht werden“, sagt Schlaflabor-Chef, Armin Steffen.

6.04 Uhr. Die Nacht ist vorbei. Lisa Kitschke betritt das Zimmer, begrüßt mich, knipst das Licht an und beginnt sofort damit, die Kabel zu entfernen. Das dauert wenige Minuten. Alle Elektroden haben gehalten. Ich bin müde, fühle mich wie nach einer durchzechten Nacht. Durch die Gänge des Schlaflabors tapern auch schon Dr. Armin Steffen und Christian Lange, Teamleiter des Schlaflabors. Sie führen das Analyse-Gespräch mit den Patienten.

„Wenn man auf grünen Schweinen durch die Lüfte reitet“

In einer Patientenbox werden die Enden der Kabel gesammelt und per Funk an einen Computer gesendet. Quelle: 54° / John Garve

Dafür schauen wir gemeinsam auf den Monitor im Vorraum von Zimmer 4. Da sind sie wieder, die Linien. Nun sind es geschwungene Wellen. Sie sind mal schmaler, mal breiter. Jede Welle steht für einen Messbereich: Atmung, Herzfrequenz, Herzschlag, Sauerstoffsättigung, Schnarchereignis, Körperlage und die Beinbewegung.

„Je länger die Hirnstromwellen sind, umso tiefer schlafen Sie“, erklärt Lange und zeichnet mit einem Kugelschreiber die Linien in der Luft nach. Als die Wellen unruhiger werden, tippt er auf den Bildschirm. „Das hier sind stärkere Hirnaktivitäten. Hier sind Sie wieder in der Wachphase.“ Plötzlich scheren die Linien der Augenbewegung aus, „ein Zeichen für die Traumschlafphase“, sagt Dr. Steffen. „Das ist der Zeitpunkt, an dem Sie auf einem grünen Schwein durch die Lüfte reiten können. Hier beginnen Sie zu träumen.“

Schlafapnoe in der Traumschlaf-Phase

Die Forscher unterscheiden drei Schlafphasen: die Traumschlaf-Phase, die Slow-Wave-Schlafphase oder Tief-Schlafphase und den Leichtschlaf. In der Traumschlaf-Phase verarbeiten wir emotionales und Erinnerungen aus dem Langzeitgedächtnis. Die Tief-Schlafphase ist wichtig, um Kraft zu tanken. Die Schlafapnoe tritt häufig in den Traumschlaf-Phasen auf. Vor allem wenn man auf dem Rücken liegt. Die Forscher wollen im Labor herausfinden, wie die Atemaussetzer über die Nacht verteilt sind.

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Mein Befund: zweizyklisches Schlafprofil mit ausreichend Traumschlaf und leicht reduzierter Slow-Wave-Schlafphase. Keine Apnoen. Das heißt: Ich schnarche nicht und mein Schlaf ist gesund. „Das war zu erwarten“, sagt Armin Steffen und schmunzelt. „Schließlich waren sie nur eine Testperson.“ Ich bin beruhigt. Als ich das Schlaflabor verlasse, drehe ich mich noch einmal zu Haus 26 B um. Es war ein erkenntnisreiches Erlebnis. Doch trotz der netten Mitarbeiter hoffe ich, dass es einmalig bleibt. Mein eigenes Bett ist und bleibt mir lieber.

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Fabian Boerger

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