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Norddeutschland Lässt das Land kleine Kliniken im Stich?
Nachrichten Norddeutschland Lässt das Land kleine Kliniken im Stich?
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21:15 23.10.2018
Die Übernahme der Sana-Kliniken durch die Ameos-Gruppe sorgt in Ostholstein für Unruhe. Quelle: EU
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Lübeck

Am Tag nach der Ankündigung der Sana-Kliniken-Übernahme durch die schweizerische Ameos-Gruppe ist der politische Streit über den Ostholsteiner Krankenhaus-Deal voll entbrannt. Die SPD wirft der Landesregierung Falschinformation vor. Die Gewerkschaften Verdi und Marburger Bund warnen vor drastischen Gehaltseinbußen der Klinik-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter.

Verdi fürchtet bis zu 300 Euro Minus für Krankenschwestern

„Die Gehaltseinbußen können sich für eine Krankenschwester auf bis zu 300 Euro im Monat belaufen“, klagt Steffen Kühhirt, Klinik-Experte von Verdi in Lübeck. Das würden die Ameos-Tarifverträge vorsehen. Und es sei zu befürchten, dass der Konzern genau diese Tarifverträge auch in den neue dazu gekauften Kliniken anwenden wolle. Kühhirt droht bereits Gegenwehr an: „Das werden wir nicht hinnehmen.“

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Auch die Sana Klinken Oldenburg werden ab 1. Januar von Ameos betrieben. Quelle: LN-Archiv

„Der neue Träger wird sich daran messen lassen müssen, ob es ihm gelingt, motivierte Ärztinnen und Ärzte für die Arbeit in einem eher ländlichen Bereich zu gewinnen“, sagt auch der Vize-Landeschef der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, Joachim Schur – und dazu müsse sich die Bezahlung weiter nach einem Tarifvertrag des Marburger Bundes oder für kommunale Krankenhäuser richten. Gute medizinische und pflegerische Leistungen gebe es zudem nur, wenn auch genug Personal vorhanden sei.

Die SPD fürchtet die Schließung kleiner Kliniken auf dem Land

Die Warnung kommt nicht von ungefähr. In der Sana-Klinik Oldenburg hatten Ärzte und Pflegepersonal schon 2017 mit einem Brandbrief gegen einen Personalabbau mit „bedrohlichem Ausmaß“ protestiert. Es seien viele Fälle bekannt, „dass Ameos sich nicht an den Tarifvertrag hält“, sagt auch Linken-Landeschef Lorenz Gösta Beutin. Häufig würden Haustarifverträge gelten, „teilweise wird überhaupt gar nicht nach Tarif bezahlt“.

Steffen Kühhirt von der Gewerkschaft Verdi warnt, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kliniken könnten bald weniger Geld bekommen. Ameos zahle schlechter als Sana. Quelle: dpa

„Der neue Besitzer will mit dem Kauf am Ende Geld verdienen. Das geht meistens auf Kosten der Mitarbeiter“, warnt auch die SPD-Landtagsabgeordnete Birte Pauls. Sie sieht zudem die medizinische Versorgung der Ostholsteiner in Gefahr: „Wir müssen aufpassen, dass die ländlichen Regionen nicht durch die Schließung kleiner Kliniken ausbluten.“ Dass die Landesregierung die Landtagsabgeordneten nicht vorab von den Verkaufsplänen unterrichtet habe, empfindet sie als skandalös – zumal es etwa am 20. September im Sozialausschuss um die Krankenhauslandschaft in Ostholstein gegangen sei. Dort soll FDP-Gesundheitsminister Heiner Garg auf Antrag der SPD nun in der nächsten Sitzung Stellung beziehen. Sein Sprecher weist die Vorwürfe aber bereits zurück – in der Ausschusssitzung sei es ja nur um die „Gesundheitskonferenz Ostholstein“ gegangen.

Linke: „Nur auf den Markt zu hoffen, ist grob fahrlässig“

Allerdings sieht jetzt auch Verdi-Mann Steffen Kühhirt das Land und den Kreis Ostholstein in der Pflicht, endlich für eine verlässliche medizinische Versorgung zu kämpfen. Tatsächlich hatte es in Ostholstein immer wieder Negativ-Meldungen über geplante Klinikschließungen oder das Gezerre um die Sanierung des maroden Klinikgebäudes in Eutin gegeben. Der Sana-Konzern, im Besitz von 25 privaten Krankenversicherern, hatte dennoch stets betont, den Versorgungsauftrag weiter sicherstellen zu wollen.

Das verdienen Krankenschwestern

Krankenschwester, Pfleger: Ohne sie geht in Kliniken nichts. Der Job ist oft hart. Üppig bezahlt ist er nicht. Mit einem Monats-Bruttogehalt von rund 2700 Euro geht es los, rechnet Steffen Kühhirt von der Gewerkschaft Verdi vor. Nach vielen Berufsjahren und in entsprechenden Stellungen können es dann höchstens 3500 Euro werden. Im Schnitt lege der Verdienst wohl bei 3100 Euro brutto pro Monat. Dazu kämen dann noch Zulagen. Die könnten sich auf 600 bis 700, in Einzelfällen auch mal auf 1000 Euro summieren. Dafür muss allerdings in der Nacht, in Wechselschichten und an Sonn- und Feiertagen gearbeitet werden.

Die Grünen-Sozialpolitikerin Marret Bohn bewertet es schon einmal als positiv, dass Ameos diese Zusage übernehmen wolle. Dennoch wolle man als Jamaika-Koalition das geplante Landes-Krankenhausgesetz jetzt schnell verabschieden, um Konzerne künftig auch auf den Erhalt von Kliniken und Fachabteilungen verpflichten zu können. „Nur auf den Markt zu hoffen, dass es keine Krankenhausschließungen gibt, ist an der Realität vorbei und grob fahrlässig“, sagt auch Linken-Politiker Beutin.

Das FDP-Sozialministerium sieht den Besitzerwechsel als Chance

Am Montag hatte Sana die Übergabe seiner Ostholsteiner Kliniken an Ameos bekannt gegeben. Der Handel soll vorbehaltlich der Zustimmung der Kartellbehörden schon zum 1. Januar 2019 über die Bühne gehen. FDP-Gesundheitsstaatssekretär Matthias Badenhop sieht darin die Chance, „dass das Vertrauen der Bevölkerung in eine stabile medizinische Versorgung in Ostholstein wiederhergestellt wird“.

Auch vor Ort sorgt die Übernahme für Unruhe. Auf Fehmarn fürchten viele Bürgerinnen und Bürger nun eine endgültige Schließung der Inselklinik. In Eutin hofft man, dass die angekündigte Sanierung des maroden Klinikgebäudes trotz des Besitzerwechsel schnell erfolgt.

Wolfram Hammer