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Norddeutschland Unter Volldampf: Eine wilde Fahrt nach Westerland
Nachrichten Norddeutschland Unter Volldampf: Eine wilde Fahrt nach Westerland
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14:00 04.11.2019
Start am frühen Morgen in Lübecker: Wie ein Star wird „Julchen“ bestaunt. Quelle: Heike Hiltrop
Westerland

Schnaufend steht das schwarze Eisenross mit den großen, rot lackierten Rädern im Lübecker Hauptbahnhof an Gleis vier. Wasserdampf zischt in dicken Schwaden auf den Bahnsteig. Rauch hüllt den frühmorgendlichen Himmel in dunkelgraue Wolkenschwaden. Die Menschen sind verzückt. Wie einen Popstar umringen sie die 60 Jahre alte Dame, mit der es gleich auf große Fahrt geht.

Abenteuerreise mit Zugkraft

„Julchen“ ist noch gut beieinander. Den liebevollen Namen haben die Eisenbahner von der Interessengemeinschaft Schienenverkehr Ostfriesland (IGSO) ihrer Dampflok gegeben, die eigentlich schnöde 35 1097-1 heißt. 401 Fahrgäste vertrauen sich an diesem Tag der Zugkraft von „Julchen“ an und machen sich auf eine Abenteuerreise. Zunächst per Diesellok von Büchen. In Lübeck übernimmt dann „Julchen“. Es geht über Reinfeld, Bad Oldesloe, Hamburg bis nach Westerland auf Sylt.

Alte Abteile und Mitropa-Speisewagen

Geduld, Geduld und nochmals Geduld. Das ist die Haupterfahrung dieser Tour. Eine 140-Tonnen-Dampflok, Baujahr 1959, ist eben kein ICE. Moderner Großraumwagen: Fehlanzeige. In alten Abteilen der ersten Klasse, die von den Eisenbahnfreunden Glauchau angekoppelt wurden, haben es sich die Passagiere bei mitgebrachten Schnittchen in Polstern gemütlich gemacht.

Gemütlich machen im Erster-Klasse-Abteil: Holger Stellmacher und Elke Kurzendorfer aus Lübeck. Quelle: Heike Hiltrop

In den Zweite-Klasse-Waggons aus dem Eisenbahnmuseum Chemnitz plaudern die Fahrgäste angeregt auf mit strapazierfähigem Kunstleder bezogenen Bänken. Die Fahrgäste lassen sich nicht nur auf diese Langsamkeit ein, sondern genießen sie sogar. Nach lautem Pfiff zuckelt die Lok stampfend mit 80 km/h durch die Landschaft. Das nostalgische Gefühl längst vergangener Zeiten wird bei einem Gläschen Rotkäppchensekt, Hackepeter auf Brötchen oder eine heiße Soljanka im Mitropa-Speisewagen lebendig.

Fenster auf und die Ohren gespitzt, um den Lok-Sound zu hören, das sei das Größte, sagt Torsten Hacker, der sich fast einen steifen Nacken holt, wie viele, die schwärmend stundenlang die Köpfe aus den Zugfenstern stecken. „Willkommen auf der wilden Fahrt nach Westerland“, schnarrt es aus den Lautsprechern. Dass das möglich ist, ist den Aktiven der IGSO zu verdanken. Sei es Lokführer Lars Henschke, Zugführer Marco Jung oder Heizer Lukas Grille. Schatzmeister Folkmar Willers – im echten Leben beim Gesundheitsamt – liebt sein Hobby, für das er in die Kellnerweste schlüpft und bedient. Es sei „entspannender Ausgleich zum Alltag“.

Im Mitropa-Speisewagen gibt es Rotkäppchensekt, Soljanka, Hackepeter und heißen Knacker mit Kartoffelsalat. Quelle: Susanne Peyronnet

Die Bahnreisenden sind bunt zusammengewürfelt. Da ist Familie Schuth aus Lübeck, die sowieso gerne mit dem Zug reist und die Gelegenheit nutzt, in Lübeck zusteigen zu können. Dampflok-Fan Hacker hingegen genießt mit Freunden und etlichen anderen „Spezis“ die Tour „und das erste Mal Sylt“. Bei Rührei und Kaffee sitzen Dagmar Hoffmann und ihr Mann Hans-Werner von den Eisenbahnfreunden Bad Schwartau zusammen. „Das letzte Mal Essen im Speisewagen ist bestimmt 60 Jahre her“, sagen sie.

Heizer Lukas Grille legt noch eine Schippe drauf. Quelle: Susanne Peyronnet

Dass Heizer Lukas Grille währenddessen ordentlich in Schwitzen kommt, können die Fahrgäste nur erahnen. Der schmächtige Mann macht das hauptberuflich bei einer Dampflokgesellschaft im Harz und ehrenamtlich am Wochenende für die Gemeinschaft der Eisenbahnfreunde. „Ich bin gut trainiert“, sagt er und schippt rußgeschwärzt Schaufel um Schaufel Steinkohle in das Feuerloch –14 Tonnen werden an diesem Tag verfeuert.

„Das ist kein Feinstaub, das ist Grobstaub“, frotzelt Torsten Hacker und Oliver Oster, Eisenbahnfan aus Bremen nickt. Beide schützen sich mit Skibrillen am offenen Fenster: „Bei kohlengefeuerten Wagen fliegt immer mal was nach hinten, das kann auch mal glühend sein.“ Oster weiß auch: es gibt immer weniger Dampfloks. Pflege und Wartung sind immens teuer. „Julchen“ ist bundesweit die letzte noch betriebsfähige Lok ihrer Art.

Bei Elmshorn heißt es Wasser tanken. 14 Kubikmeter müssen nachgefüllt werden. Einer der Höhepunkte auf der 292 Kilometer langen Schienenroute. Wasserkräne gibt es schon lange nicht mehr, darum hat sich die Freiwillige Feuerwehr Elmshorn mit vollen Löschfahrzeugen auf freier Strecke postiert: Schlauch dran, Hebel umgelegt – eine halbe Stunde später nimmt der Zug schnaufend wieder Fahrt auf.

Ankunft in Westerland auf Sylt: Fragen über Fragen an Lars Henschke, den Mann der die Lok „Julchen“ quer durch Schleswig-Holstein gefahren ist. Quelle: Heike Hiltrop

Ankunft auf der Insel gegen Mittag. Ein paar Stunden Beine vertreten, Bummeln durch Westerland, Fisch essen oder am Strand spazieren gehen. Es ist schon dunkel, als „Julchen“ wieder zur Abfahrt pfeift. Die Mannschaft ist bereit. Alle 20 Männer packen ehrenamtlich an. Was heißt arbeiten. Sie malochen. Aber wie. Die gemächliche Dampfzugfahrt wird sich am Ende auf ungewollt 24 Stunden ausdehnen.

Denn beim letzten „Wasserfassen“ gegen 23 Uhr, wieder bei Elmshorn angelangt, wird ein Lagerschaden an der Lok festgestellt. Mitten in der Nacht, nur vom abnehmenden Vollmond und ein paar Handlampen mit Licht versorgt, in einem Gleisbett, in dem alle halbe Stunde ein anderer Zug vorbeirast, muss das Lager ausgebaut, gefettet, mit Bandagen umwickelt und wieder eingesetzt werden.

 

Einblicke in eine nostalgische Zugfahrt.

„Es grenzt an ein siebtes Weltwunder, dass wir das hingekriegt haben“, sagte einer aus dem Team gegen 4.30 Uhr in der Frühe. Da hatte der Zug beinahe Lübeck erreicht. Die Fahrgäste nehmen es mit Gelassenheit, auch wenn die Geduld zum Ende hin ziemlich strapaziert wird. Der Reiz der Langsamkeit einer Eisenbahnfahrt von anno dazumal färbt eben doch ab.

Miniatureisenbahn-Ausstellung

Wer die Dampflok verpasst hat, der kann sich Miniaturausgaben bei der 2. Kühlungsborner Modelleisenbahnausstellung (22. bis 24. November) ansehen. Sie finden in Kooperation mit der Interessengemeinschaft Mecklenburgische Eisenbahnen im Hotel „Aquamarin“ in Kühlungsborn statt. Zug-Aussteller und, von besonderen Strecken inspirierte, Nachbauten aus ganz Deutschland sind dabei. Filme ehemaliger Schmalspurbahnen werden am Freitagabend (ab 19.30 Uhr) gezeigt. Geöffnet ist die Ausstellung am Freitag 22. November, ab 13 Uhr und Sonnabend, 23. November, ab 10 Uhr jeweils bis 18 Uhr sowie Sonntag, 24. November, von 10 Uhr an bis 17 Uhr. Der Eintritt beträgt fünf Euro, Kinder zahlen zwei Euro.

Von Susanne Peyronnet und Heike Hiltrop

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