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Norddeutschland Gericht spricht Detlef H. frei
Nachrichten Norddeutschland Gericht spricht Detlef H. frei
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18:42 26.09.2019
Nach dem Freispruch verlässt Detlef H. mit seinem Verteidiger Oliver Dedow den Gerichtssaal. Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck

Freispruch für Detlef H.: Das Amtsgericht Lübeck hält es nicht für erwiesen, dass der 74-jährige Ex-Außenstellenleiter des Weißen Rings Lübeck und Ex-Polizist im Jahr 2016 vor der ratsuchenden Dora M. wirklich seinen Penis entblößte. Dass H.s Verhalten gegenüber Frauen mehrfach grenzüberschreitend war, machte Richterin Andrea Schulz in ihrer Urteilsbegründung aber mehr als deutlich. Nebenklage und Staatsanwaltschaft wollen in Berufung gehen.

29 Anzeigen nach den „Spiegel“- und LN-Berichten

Nachdem der „Spiegel“ und die Lübecker Nachrichten im März 2018 über die ersten Vorwürfe gegen H. berichtet hatten, zeigten ihn insgesamt 29 Frauen wegen sexueller Belästigungen an. Nur im Falle Dora M. ließ das Landgericht eine Verhandlung zu. Andere Vorwürfe waren meist schon verjährt. Sechs dieser Frauen wurden im Verfahren allerdings als Zeuginnen gehört. Ihre Aussagen schilderten „sexuelle Übergriffe, die keineswegs verharmlost werden sollen“, sagte Andrea Schulz.

Verhalten sei ein „absolutes Unding“ gewesen

„Dass der Angeklagte übergriffig gewesen ist, sich nicht professionell verhalten hat, liegt durchaus nah“, so die Richterin. Es sei ein „absolutes Unding“, so rat- und hilfesuchenden Frauen, die teilweise sogar Opfer von Sexualstraftaten gewesen seien, zu begegnen. Immer wieder sei das Motiv aufgetaucht, dass H. ihre Brüste anfassen wollte. Die Empörung darüber sei durchaus verständlich.

Die Öffentlichkeit habe sich im Verlaufe des Verfahrens ein Bild gemacht. Der Weiße Ring habe bereits Konsequenzen für die Beratungssituationen gezogen. Sie habe nun aber strafrechtlich zu entscheiden. Und da gelte: „Vieles an dem war absolut nicht passend – aber es war auch nicht strafbar.“

Es stand Aussage gegen Aussage

In diesem Strafverfahren sei es ohnehin allein um den Vorwurf des Exhibitionismus an jenem Tag im April 2016 im Büro des Weißen Rings im Lübecker Gewerkschaftshaus gegangen, betonte Andrea Schulz. Und da stehe Aussage gegen Aussage. Eine sichere Überzeugung, dass die Schilderung von Dora M. stimme, habe sie aber nicht gewinnen können.

So habe es in den Aussagen der 41-Jährigen etwa Unschärfen bei der Schilderung der Reihenfolge gegeben, in der H. vorgegangen sein soll. Dabei sei die Situation recht kurz und übersichtlich gewesen. Auch wie genau sie aus dem Büro geflüchtet sein will, habe sie unterschiedlich beschrieben. „Typischerweise bleibt das einem Opfer aber in Erinnerung.“

Widersprüche in Aussage der Zeugin

Wenige Tage nach dem vermeintlichen Vorfall sei Dora M. dann auch wieder mit H. alleine im Auto mitgefahren. Und: Sie habe die Aussage immer wieder erweitert. Im Verfahren selber habe sie dann nachweislich unwahre Angaben über einen Mietstreit aus jener Zeit gemacht, in dem sie schließlich sogar wegen Betrugs verurteilt worden war.

Ihr Fazit: „Die Zeugin hat die Fähigkeit, nicht die Wahrheit zu sagen“, so die Richterin. Das mache es kaum noch möglich, zu einer sicheren Überzeugung zu kommen, dass sich die exhibitionistische Handlung so abgespielt hat wie von ihr geschildert. Auch ein aussagepsychologisches Gutachten sei zu dem Schluss gekommen, dass sich Zweifel an Dora M.s Darstellung nicht völlig ausräumen ließen.

Staatsanwaltschaft und Nebenklage gehen in Berufung

Staatsanwältin Magdalena Salska war vom Urteil sichtbar enttäuscht. Ihre Behörde will Berufung gegen das Urteil einlegen und den Fall vor dem Landgericht Lübeck noch einmal breit verhandeln lassen. Man halte Dora M. für absolut glaubwürdig, das Gutachten für falsch.

Sie hatte in ihrem Plädoyer von einem „sexuell übergriffigen Verhaltensmuster“ H.s gesprochen. „Meine Mandantin fühlt sich um die Gerechtigkeit betrogen“, sagt auch Dora M.s Anwalt Robert Nieporte. „Wir werden ebenfalls in Berufung gehen.“

Landesverband Frauenberatung übt Kritik am Urteil

Kritik an dem Urteil kommt vom Landesverband Frauenberatung. „Wir sind fassungslos“, sagt Geschäftsführerin Katharina Wulf. H. habe die Notlage der Frauen in der Beratung schamlos und systematisch ausgenutzt, um eigene Bedürfnisse zu befriedigen. Scheinbar könnten die Grenzen und die Selbstbestimmung von Frauen noch immer ungestraft missachtet werden. „Der Freispruch ist ein fatales Signal an alle Frauen in ähnlichen Situationen“, sagt Wulf. „Stillhalten, Aushalten, Mund halten – dem werden wir uns nicht mehr unterordnen.

Nieporte hatte gefordert, ein psychiatrisches Gutachten über den 74-Jährigen einzuholen. Detlef H. sei sexsüchtig und „psychisch krank“. H.s Anwalt Oliver Dedow hingegen fühlt sich bestätigt. Die Zeugin sei unglaubwürdig. Sein Mandant sei erleichtert. Das Verfahren sei eine große Belastung für ihn gewesen.

Tatsächlich nahm er das Urteil zunächst lächelnd auf, kurze Zeit später waren seine Augen immer geröteter. H. selber hatte den Vorwurf immer zurückgewiesen und erklärt, es sei bei dem Beratungsgespräch zu keiner exhibitionistischen Handlung gekommen.

Fehlen in der Gesellschaft „Moral, Respekt und Intelligenz“?

Frauen sollten sich auch weiter nicht entmutigen lassen, sexuelle Belästigungen anzuzeigen, hatte Andrea Schulz zum Ende ihrer Urteilsverkündung noch gesagt. Es gebe Wege, dagegen vorzugehen. Allerdings könne das Strafrecht in einer Gesellschaft auch nicht alles regeln, sagte die Richterin – und zitierte den Schauspieler Denzel Washington: So viel Dinge kämen zurück und würden wieder „in“ – er könne es kaum erwarten, „bis auch Moral, Respekt und Intelligenz wieder im Trend sind“.

Gibt es Berufung?

Gegen ein Urteil eines Amtsgerichtes kann vor dem Landgericht Berufung eingelegt werden. Wird ihr stattgegeben, wird die gesamte Beweisaufnahme dort noch einmal wiederholt. Die Zeuginnen und Zeugen müssen also allesamt noch einmal aussagen, es können auch neue Beweisanträge gestellt werden. Im Fall Detlef H. haben Nebenklage und Staatsanwaltschaft bereits angekündigt, in Berufung zu gehen.

Alles zum Prozess gegen Detlef H.

März 2018: Lübecker Nachrichten und „Der Spiegel“ decken auf: Opferhelfer unter Verdacht

März 2018: Was wusste der Weiße Ring? 

März 2018: Weißer Ring-Landesvorsitzender Uwe Döring und -Stellvertreter Rath treten zurück

März 2018:
Führung der Landespolizei war seit Juli 2017 über Vorwürfe unterrichtet; Hinweise schon 2012

April 2018:
Hat die Polizei eine Anzeige gegen Detlef H. verhindert?

September 2018: Staatsanwaltschaft leitet in 20 Fällen Ermittlungsverfahren ein – 16 davon werden eingestellt

September 2018:
Das ist die neue Leiterin des Weißen Rings in Lübeck

Vor dem Prozess: Nur ein Hauptverfahren gegen Detlef H.in drei weiteren fehlt es an einem hinreichenden Tatverdacht

Erster Prozesstag:
Aussage gegen Aussage

Analyse des ersten Prozesstag:
„Ich dachte, ich war alleine damit, und ich kann es ja eh nicht beweisen“

Zweiter Prozesstag: Psychologin: „Ich hatte ein anderes Bild von Detlef H.

Dritter Prozesstag:
Staatsanwältin will weitere Frauen hören

Fünfter Prozesstag:
Jetzt sagen weitere mutmaßliche Opfer aus

Sechster Verhandlungstag:
Zeuginnen belasten Detlef H.: „Es war doch wirklich so, Herr H.

Siebter Verhandlungstag:
Weitere Zeugin belastet Detlef H.

Neunter Verhandlungstag:
Sexsucht? Nebenklage-Anwalt hält Detlef H. für krank

Zehnter Verhandlungstag:
Gericht spricht Detlef H. frei

Das sagt der Ex-Chef des Weißen Rings: „Ich kann mir die Vorwürfe nicht erklären.“

Polizeigewerkschaft fordert Aufklärung:
Wurde bewusst weggesehen?

Von Wolfram Hammer

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