Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Norddeutschland Viele Erstklässler können Stift und Schere nicht richtig halten
Nachrichten Norddeutschland Viele Erstklässler können Stift und Schere nicht richtig halten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:24 30.09.2019
Viele Erstklässler in Schleswig-Holstein sollen mit den Mindestanforderungen in der Grundschule nicht zurecht kommen. Quelle: LN-Archiv
Lübeck

„Mit diesem Problem hat jede Lehrkraft einer ersten Klasse zu kämpfen“, sagt Rüdiger Gummert, Vorsitzender des Verband Bildung und Erziehung (VBE) Schleswig-Holstein. Stifthaltung und Schneiden seien dabei aber nur ein Teil der Feinmotorik, die wiederum Teil der Schul-Grundanforderungen ist. Sie sollen es Kindern erleichtern, ihre Schullaufbahn unbeschwerter zu gestalten.

Das sollen Grundschüler können

Dazu gehören unter anderem auch: Anziehen, Ordnung am Platz schaffen, Schleife binden, Klebe auf- und zumachen, Falten, Einheften, Wegräumen, Stifte in Federtasche tun oder etwas aufhängen. „Die Liste ist lang und sollte das Ergebnis häuslicher Unterstützung und Bildung und Erziehung in den Kitas sein“, sagt Gummert.

Sind Smartphone und Tablet schuld?

Ist es aber oftmals nicht. Denn vor allem zu Hause läuft nach Ansicht des Verbandes oftmals einiges schief: „Jede Minute, die Kinder fernsehen, am Tablet spielen oder ,lernen’ ist Zeit, die sie nicht mit den Händen, anderen Menschen, in der Natur und mit Spielzeug verbringen“, sagt Gummert. Dies sei, unter dem Motorik-Aspekt betrachtet, verlorene Zeit. „Viele Schüler müssen dann in ihrer Grundschulzeit die erforderlichen Kompetenzen unter gravierender Mehrbelastung neben den Lernanforderungen aufarbeiten“, so der VBE-Chef. Eine große Herausforderung auch für die Grundschullehrkräfte.

So viel Smartphone ist okay

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) empfiehlt, dass Kinder bis zum dritten Lebensjahr gar keine Bildschimmedien und weniger als 30 Minuten pro Tag Hörmedien nutzen sollten. Zwischen drei bis sechs Jahre sollten Smartphone & Co. pro Tag nicht länger als eine halbe Stunde genutzt werden. Zwischen sechs und zehn Jahren sollte die Nutzung auf etwa 45 bis 60 Minuten am Tag begrenzt werden.

Kinderärzte stützen These

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) Schleswig-Holstein hat ähnliche Beobachtungen wie der VBE gemacht. „Der Zusammenhang existiert tatsächlich, und die Aussagen können grundsätzlich unterstützt werden“, sagt Sprecher Sebastian Groth. Die feinmotorischen, handwerklichen Fähigkeiten hätten bei Kindern in den letzten Jahren deutlich abgenommen – genau wie aber auch die grobmotorische Koordination. Allerdings gelte dies nicht für alle Kinder. „Es ist vielmehr so, dass die in dieser Hinsicht schlechter entwickelten Patienten noch schlechter geworden sind und viele Patienten weiterhin wirklich sehr gute Kompetenzen aufweisen“, betont Groth. Die Mediennutzung habe dabei einen wichtigen Anteil an der negativen Entwicklung, sagt Groth auch mit Hinweis auf wissenschaftliche Untersuchungen des Phänomens wie zum Beispiel in der Blikk-Studie.

Das empfehlen Kinderärzte

„Die Empfehlung muss also eindeutig sein, den Gebrauch der neuen Medien zu begleiten und zu begrenzen und genügend Raum für die Schulung von Motorik und Koordination zu lassen“, meint Groth. Er empfiehlt für die Kinder: „Draußen spielen, Kinderturnen, ganz wichtig im sechsten Lebensjahr: Seepferdchenschwimmkurs. Und schon früh: freies Gestalten mit Fingerfarbe, Malstiften, Kleber, Schere aber auch Bauklötzen und feinmotorisch anregendem Spielzeug.“

Mögliche Ursache für Hyperaktivität

Dass der übermäßige Konsum von Smartphone und Tablet für Kinder auch in anderen Bereichen problematisch ist, belegen weitere Studien. „Wir haben bei unseren Untersuchungen festgestellt, dass Vorschulkinder, die täglich Smartphone oder Computer nutzen, ein Jahr später mehr Verhaltensauffälligkeiten wie Hyperaktivität und Unaufmerksamkeit aufweisen als Kinder, die diese Medien nicht nutzen“, erklärt Dr. Tanja Poulain von der Uni Leipzig, Leiterin der Life-Child-Studie. So hätten Kinder, die ohne erhöhten Medienkonsum aufwachsen, in der Regel auch weniger emotionale Probleme und könnten sich besser konzentrieren.

GEW: Kita kann nicht alles auffangen

Astrid Henke, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), fordert auch vor diesem Hintergrund, dass der Kita-Besuch für so viele Kinder wie möglich ermöglicht werden müsse. „Aber die Kita kann eben nicht alles richten“, betont sie. Auch mehr Aufklärungsarbeit müsse geleistet werden. „Es geht dabei um Unterstützung für Eltern; Informationen in verständlicher Sprache, die sie frühzeitig über Förderungsmöglichkeiten informieren“, so Henke. Sie verweist außerdem darauf, dass Bewegungsspielräume in Städten immer weniger werden. „Das wirkt sich natürlich auch immer auf die motorische Entwicklung aus“, so Henke.

Kitas arbeiten mit Grundschulen zusammen

Um etwaige Defizite bei den Schulanfängern frühzeitig zu ermitteln und gegenzusteuern, kooperieren viele Kitas im Land bereits mit Grundschulen in der Nähe. In einigen städtischen Einrichtungen in Lübeck heißt das Projekt zum Beispiel „Schul-Entdecker“. Rund ein Jahr, bevor es in die Schule geht, statten die Kinder dieser regelmäßig Kurzbesuche ab. Auch beim Kinderschutzbund Lübeck folgt man dem Beispiel. Allerdings nach eigenen Angaben nicht mehr in der Qualität wie noch vor ein paar Jahren. „Nachdem das Schul-Mini-Projektwegen fehlender Fördergelder eingestampft wurde, setzen wir aktuell auf eine In-House-Lösung“, sagt Geschäftsführer Nicola Ingo Leuschner.

Grundschulen fehlt Kapazität

Hintergrund: Vielen Grundschulen fehle es inzwischen an Kapazitäten, personell und räumlich, den Kita-Kindern unterrichtsähnliche Angebote zu bieten. Deswegen klappten die Schulbesuche nicht immer, und auch nicht an allen Schulen. „Es wäre toll, wenn das Land das wieder flächendeckend anbieten würde“, so Leuschner. Zumal eine Kita-Schul-Kooperation im neuen Kita-Gesetz des Landes fest verankert ist. Aus dem Bildungsministerium heißt es, wie eine Kooperation zwischen Kitas und Grundschule in Zukunft genau aussehen soll, werde derzeit noch geprüft.

Unterstützung für Grundschullehrer

Um die Probleme von Erstklässlern besser auffangen zu können, spricht sich der Verband Bildung und Erziehung Schleswig-Holstein unter anderem für kleine Lerngruppen in den ersten Klassenstufen aus. Lehrer sollten in den ersten Jahrgangsstufen zudem durch verlässliche Doppelbesetzung und mehr begleitendes Personal unterstützt werden.

Lesen Sie auch:

Haltezonen für Eltern: Wie der Norden den Stau vor den Schulen bekämpfen willund

Schwimmunterricht an Grundschulen: Große Unterschiede in Schleswig-Holstein

Von Jan Wulf

Klicken Sie hier, um Tipps von Feuerwehr und Wetterexperten zu sehen, wie Sie sich bei Sturm verhalten sollten, um möglichst keinen Schaden oder Verletzungen davon zu tragen.

29.09.2019

Die Handwerkskammern Schleswig-Holstein haben 451 neue Meisterinnen und Meister gekürt. Die Augenoptiker und Techniker, Bootsbauer, Konditoren und Friseure begegnen dem Fachkräftemangel mit Qualitätsarbeit.

30.09.2019

Die Ausbildung aller Bürger zu Ersthelfern soll die professionelle Notfallrettung unterstützen. Das fordert die Björn Steiger Stiftung. Experten aus dem Rettungsdienst sind kritisch und plädieren für mehr Aufklärung.

29.09.2019