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Norddeutschland Strumfluten beschädigen den Graswarder – Jetzt soll das Land helfen
Nachrichten Norddeutschland Strumfluten beschädigen den Graswarder – Jetzt soll das Land helfen
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09:33 31.03.2019
Henning Kreiselmaier vor dem Haus seiner Familie auf dem Graswarder. Quelle: 54° / Felix Koenig
Heiligenhafen

Was für eine Lage: Eine Reihe kleiner Villen, gebaut direkt auf einem schmalen Streifen Strand, der sich am Ortsrand von Heiligenhafen als Landzunge ein Stück hinaus in die Ostsee erstreckt. Der Graswarder, eine Immobilien-Paradies, ein Naturschutzgebiet – und ein Ziel für Touristen-Spaziergänge. Doch seit der letzten Sturmflut steht plötzlich alles in Frage.

„Wir möchten hier einen vorgelagerten Küstenschutz umsetzen“, bringt Henning Kreiselmaier, Mitbesitzer einer vom Sturm besonders stark beschädigten Villa, es auf den Punkt. Das Fundament des Hauses, auf dem das Gebäude steht wie auf einer Warft, sei sehr mitgenommen, es müsse erneuert werden. Und das betreffe auch viele der Nachbarn, die sich mit ihm neuerdings im „Verein zur Erhaltung der Kulturdenkmale auf dem Graswarder“ zusammengeschlossen haben.

Betonfundamente zerstört

Schon 2017 habe eine verheerende Sturmflut zugeschlagen – der Schaden bei Kreiselmaier: Rund 100 000 Euro, die in die Erneuerung des Hochwasserschutzes gesteckt wurden. Im Januar zerstörte SturmtiefZeetje“ nun die Betonfundamente erneut, unterspülte sie und legte Mauern frei, die jahrzehntelang unter Sand begraben waren. Kreiselmaier rechnet erneut mit Kosten von 150 000 Euro – nur für sein Haus. „Für uns als Familie ein finanzieller Kraftakt“, gesteht der selbstständige Mediengestalter.

Die Häuser auf dem Graswarder in Heiligenhafen sind bedroht. Doch die traditionsreiche Ansiedlung hat viele Freunde, die sich auf unterschiedliche Art für sie einsetzen.

Seine Frau gehöre zu der fünfköpfigen Erbengemeinschaft, die das Haus als Feriendomizil für die Familie unterhalte. „Ihr Großvater hat es Ende der 60er Jahre gebaut.“ Damals sei das Land sehr günstig gewesen: 50 Pfennig pro Quadratmeter. Dafür, so der Pferdefuß, habe man den Hochwasserschutz der Gebäude zur Sache der Hauseigentümer erklärt.

Lesen Sie auch das LN-Interview: „Klimawandel macht die Sturmfluten schlimmer“

Jahrzehntelang ging das gut. Die zuletzt dicht aufeinander folgenden Hochwassereignisse aber brächten einige Eigentümer mittlerweile in Geldnot – so könne es nicht weitergehen, sagt Kreiselmaier. Für ihn spielt auch der Klimawandel eine Rolle, der nachweislich zumindest für einen höheren Wasserspiegel sorge. „Wir brauchen Unterstützung vom Land“, fordert er. Denn der Schutz der Häuser sei die eine Sache, der des Strandes eine andere.

Touristisch bedeutsam

Kreiselmaier blickt aus dem Wohnzimmerfenster – ein traumhafter Blick auf das Meer und den Strand, aus einem Haus, dessen Innenausstattung in den Siebzigern stehen geblieben ist. Der technische Standard des Hauses ist wie früher, die Einrichtung auch: Samtige Polstermöbel, eine altmodische Bücherwand, Buddelschiffe.

„Wir verändern hier nichts“, betont Kreiselmaier. Seine Frau und ihre Familie wollten es so. „Die sind hier groß geworden. Die hängen emotional unwahrscheinlich an allem hier.“ Verkaufen? Ja, auch das sei eine Option, die diskutiert werde. „Aber das wollen wir eigentlich nicht.“

Kreiselmaier weiß von Villen – die ersten entstanden um die Wende zum 20. Jahrhundert – die verkauft wurden, weil ihre Eigentümer sie nicht mehr halten konnten. Und ja, es gebe unter den Erwerbern auch sehr wohlhabende. Ein bekannter Architekt sei darunter, ein Industrieller. Die meisten aber seien Zweitwohnsitze von Normalverdienern. Nur ein Ehepaar sei ihm bekannt, das praktisch ständig auf dem Graswarder wohne.

Nachbar Jürgen Kölln (75) ist mit seiner Frau ebenfalls nur vorübergehend angereist. „Das Haus ist 1904 gebaut und seit 1921 im Familienbesitz“, erklärt er. Die Hälfte des Gebäudes werde in der Saison vermietet. „Auf diese Weise können wir es unterhalten.“ Sie seien vom letzten Sturm weitgehend verschont worden. Doch wenn das Land sich am Küstenschutz beteilige, begrüße er das.

Teurer Küstenschutz

Schleswig-Holstein hat 536 km Ostsee- und 466 km Nordseeküste zu schützen. 50 000 Menschen leben in potenziell überflutungsgefährdeten Küstenniederungen, die ein Viertel des Landes ausmachen. Das Land investiert jährlich bis zu 30 Millionen Euro für Schutzmaßnahmen. Etwa die Hälfte dieser Investitionsausgaben sind Landesmittel. Jährlich werden bis zu 10 km Deiche, Küstenschutz-, Hafen- und Sperrwerksanlagen gebaut, zudem wird Sand aufgespült.

Spaziergänger gehen vorbei, viele haben Kapuzen auf, es ist windig. Schön sei es trotzdem, findet Besucherin Angelika Schulz (65) aus Lübeck, für die der Graswarder seit Jahren ein Ausflugsziel ist. Die Natur sei beeindruckend. „Aber auch die Architektur hier ist sehr interessant.“

Das sieht auch die Stadt so. Das Villen-Ensemble steht unter Denkmalschutz, und gerne versuche die Stadt zwischen Hauseigentümern und Land zu vermitteln, sagt Bauamtsleiter Roland Pfündl (55). Die Stadt habe ein Interesse, den Graswarder „in seiner maßgeblichen Funktion für den Tourismus“ zu erhalten. Es müsse „gemeinsam etwas gemacht werden, über den individuellen Gebäudeschutz hinaus“. Geld könne die Stadt aber nicht geben.

Holz- oder Steinbuhnen?

Wie geht es weiter? Im Kieler Umweltministerium hält man sich bislang bedeckt. Man stehe „schon seit längerem in einem Austausch mit den 16 Hauseigentümern des Graswarder“, erklärt Ministeriumssprecherin Jana Ohlhoff. „Zum Schutz der Gebäude werden verschiedene Lösungsansätze diskutiert.“ Es sei zu begrüßen, dass der neu gegründete Verein ein gemeinsames Konzept auf den Weg bringen wolle.

Vor der Heiligenhafener Küste sind zu Testzwecken zwei Buhnenfelder installiert. Quelle: Agentur 54°

Verfechter der Holz-Lösung ist vor allem der ortsansässige Druckereibesitzer Olaf Eggers (53). Er verweist auf zwei Test-Buhnenfelder, die die Stadt 2016 am dem Graswarder vorgelagerten Steinwarder angelegt hat. „Seither ist der Strand nachweislich um 20 Meter gewachsen.“ Der Sand, der an der Steilküste abbreche, werde an Stein- und Graswarder vorbeigespült. „Ein natürlicher Prozess.“

„Situation immer kritischer“

Holzbuhnen würden diesen Sand auffangen, Steinbuhnen den Sandtransport durch die Meeresströmung dagegen unterbrechen. So sei es jetzt: „Bisher wurde alle paar Jahre aufgespült, mit Sand aus Dänemark. Das kostet jedes Mal eine halbe Million.“ Dadurch versande letztlich auch immer wieder die Hafenzufahrt, die dann ausgebaggert werden müsse. „Das ist doch nicht klug.“

Rückbau der Steinbuhnen und Neubau von Holzbuhnen sei die Lösung. Rund 1,2 Millionen Euro, schätzt Eggers, werde dies am Graswarder kosten. Nicht viel, wenn man bedenke, dass ein den Häusern vorgelagerter, vergrößerter Strandbereich der beste Hochwasserschutz sei.

Dennoch: „Ein gewaltiger Aufwand für den Steuerzahler – für 16 Gebäude“, gibt Joachim Gabriel (59) zu bedenken. Er ist Geschäftsführer der Heiligenhafener Verkehrsbetriebe (HVB), die für die touristische Vermarktung zuständig sind und auch den Yachthafen betreiben, der hinter dem Steinwarder gebaut wurde.

Der Schutz des Yachthafens hänge vom Graswarder nicht ab, ist Gabriel überzeugt. Doch die Insel, die mit einem Damm an den Steinwarder angebunden wurde, sei „von herausgehobener touristischer Bedeutung“. Das gelte auch für die Bebauung – und die sei gefährdet. „Es lässt sich nicht leugnen, dass die Situation immer kritischer wird.“

Paradies für Vögel, Insekten und Pflanzen

Klaus Dürkop (80) betreibt eine Info-Station des Natuschutzbundes „Nabu“ auf dem Graswarder. Es gebe auf der Nordseite die Villen mit dem vorgelagerten Strand – und es gebe hinter dem Weg, der daran vorbeiführt, die Südseite, auf der zahlreiche geschützte Tiere und Pflanzen lebten. Ein Schutzgebiet von internationaler Bedeutung. „Wir haben hier Käfer, die nur hier vorkommen. Hier wachsen Stranddistel, Meerkohl und der echte Sellerie. Und hier brüten Säbelschnäbler, Austernfischer und andere Vögel.“

Der Lebensraum Salzwiese mit der vorgelagerten Düne sei typisch für eine Nehrung, deren Küstenlinie sich normalerweise ständig verändere. „Es ist wichtig, dass so eine Salzwiese regelmäßig überflutet wird.“ Dies geschah bei der letzten Sturmflut, als die See die Düne durchbrach. Für den Naturschützer ein willkommenes Ereignis. „Die Häuser sind nicht natürlich.“ Mehr wolle er dazu nicht sagen.

Villenbesitzer Kreiselmaier kennt auch diesen Standpunkt. Und er respektiere ihn. Trotzdem ist er zuversichtlich, dass das Land ihn bei seinem Vorhaben unterstützen werde. Die Sicherung des Strandbereiches komme schließlich allen zugute und sei unumgänglich angesichts steigender Wasserpegel und immer heftigerer Sturmfluten.

Von denen allerdings keine so schlimm gewesen sei wie die von 1872. „Die war noch einen Meter höher als die letzte. Wohl keines der Häuser hier hätte das überstanden“, ahnt der Vereinsvorsitzende. So eine Sturmflut aber gebe es nur alle 6000 Jahre. „Hoffentlich.“

Marcus Stöcklin

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