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Norddeutschland Während der Ersten Hilfe: Frau wird die Tasche gestohlen
Nachrichten Norddeutschland Während der Ersten Hilfe: Frau wird die Tasche gestohlen
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07:58 23.02.2019
Auch Rettungsdienste erkennen, dass der Respekt vor Hilfeleistungen abgenommen hat.
Auch Rettungsdienste erkennen, dass der Respekt vor Hilfeleistungen abgenommen hat. Quelle: dpa
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Bönningstedt/Lübeck

Bei einem Unfall in Bönningstedt ist eine 28-jährigen Ersthelferin bestohlen worden. Nach Angaben der Polizei eilte die 28-Jährige einem gestürzten Motorradfahrer zur Hilfe, dafür legte sie ihre Handtasche unmittelbar an der Unfallstelle ab. „Bereits beim Eintreffen der Polizei musste die Frau feststellen, dass ihre Tasche zwischenzeitlich entwendet worden war“, sagte Polizeisprecher Nico Möller. Dreister geht es kaum, doch passt der Vorfall ins Bild.

Sie wollen helfen – und werden selbst zu Opfern. Ein Phänomen, das immer häufiger vorkommt. Nicht einmal professionelle Helfer sind davor sicher. So wurden in Schleswig-Holstein im vergangenen Jahr unter anderem 61 Gewalttaten gegen Feuerwehrleute und Rettungsdienst-Mitarbeiter registriert. Das geht aus einer Statistik des Kieler Innenministeriums hervor. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen, nicht alle Attacken werden zur Anzeige gebracht – und Beleidigungen sogar noch seltener. Eine Statistik über Straftaten an normalen Ersthelfern wird beim Landespolizeiamt dagegen nicht geführt.

Johannitern werden Medizinkoffer gestohlen

„Eine Sauerei, so etwas kann man sich ja gar nicht ausdenken“, schimpft David Klüver, Sachgebietsleiter für Breitenausbildung bei den Johannitern in Lübeck, über den Fall aus Bönningstedt. Aber er passe ins Bild: der Respekt für Ersthelfer und Rettungskräfte habe nachgelassen.

Sein Kollege Matthias Rehberg, Bereichsleiter für Einsatzdienste, bestätigt den Eindruck: „Das hat sich über die Jahre verändert.“ Er kann von gestohlenen Medizinkoffern und anderen entwendeten Utensilien aus Krankenwagen während der Einsätze berichte, auch ein Navi sei bereits abhanden gekommen. „Die Kollegen sind zwar angehalten, die Fahrzeuge abzuschließen, wenn sie nicht in Sichtweite stehen. In der Praxis ist das aber manchmal nicht möglich“, berichtet er.

Auch von anderem Schindluder kann er erzählen: „Wenn eine leere Trage vor der Tür steht, wird die von einigen Scherzkeksen auch einfach mal um die nächste Ecke geschoben“, sagt Rehberg. „Der Respekt vor der Hilfeleistung hat nachgelassen. Bei gewissen Einsätzen werden wir bepöbelt – und auch körperlich angegriffen.“ Insgesamt spricht er von einer neuen Dimension der Respektlosigkeit.

Beleidigungen, weil Krankenwagen Zufahrt blockiert

Auch beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) kennt man das Problem. Laut Nicole Bosold, Sprecherin vom Kreisverband Lübeck, würden inzwischen viele Menschen ausfällig werden, wenn ein Krankenwagen während eines Einsatzes eine Zufahrt oder einen Parkplatz blockiert. „Da wird gemotzt und geschimpft, es fehlt oftmals jegliches Verständnis für die Arbeit der Rettungskräfte“, sagt Bosold.

Genauso seien aber auch Gaffer ein Problem. „In der Ersthelfer-Ausbildung lehren wir, dass Ersthelfer Umstehende direkt ansprechen sollen und sie um Mithilfe bitten“, erklärt Bosold. Gleiches wird bei den Johannitern gelehrt. „Wichtig ist zudem, den Ängsten der Ersthelfer entgegenzutreten. Viele haben Angst sich in Gefahr zu bringen oder etwas verkehrt zu machen“, sagt Ausbildungsleiter David Klüver.

Die gestohlene Handtasche der Ersthelferin aus Bönningstedt tauchte übrigens vor einem Discounter in der Nähe wieder auf. Laut Polizei fehlte eine „geringe Menge Bargeld“.

Jan Wulf