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Norddeutschland Wartezeiten beim Arzt: So schlimm ist es wirklich
Nachrichten Norddeutschland Wartezeiten beim Arzt: So schlimm ist es wirklich
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19:01 14.06.2019
Volle Wartezimmer sind keine Seltenheit. Doch die Wartezeiten halten sich in Schleswig-Holstein laut einer Umfrage in Grenzen. Quelle: dpa
Lübeck

Manchmal ist es wohl sehr schlimm: Gudrun Böhrnsen (65) weiß von so einen Fall zu berichten. Sie fährt mit ihrer 81-jährigen Nachbarin oft zur Uni-Augenklinik, wo die Seniorin Untersuchungen machen muss. „Wir warten jedes Mal drei bis vier Stunden, trotz Termin. Dort ist ein unglaublicher Andrang, die Damen, die dort arbeiten, wirken verzweifelt. Anderswo, beispielsweise wenn ich zum Zahnarzt muss, läuft es.“

Patienten in Lübeck berichten über ihre Erfahrungen mit Wartezeiten beim Arzt.

Mylena Jording (27), Gärtnerin aus Lübeck, war einmal mit Migräne beim Arzt. „Ich brauchte ein Attest und musste eineinhalb Stunden warten, es kam mir vor wie drei Tage.“ Danach habe sie den Arzt gewechselt. „Dort läuft es besser.“

„Ärzte nicht immer schuld“

Das ist deutlich dramatischer, als es das Internet-Arztempfehlungsportal „jameda“ bei seiner letzten Patientenbefragung herausgefunden hat. Das Ergebnis: 30 Minuten wartet man in Deutschland im Durchschnitt, oft aber auch länger. Von den Teilnehmern aus Schleswig-Holstein gaben 31 Prozent an, länger als eine halbe Stunde zu warten. Aber nur sechs Prozent warten bis zu 60 Minuten, weitere sechs Prozent noch länger.

Norden im Mittelfeld

In Deutschland verbringt jeder dritte Patient über 30 Minuten im Wartezimmer. Das zeigt das Ergebnis einer Umfrage des Internet-Portals jameda (www.jameda.de) unter 1160 Patienten. Jeder Elfte wartet nach eigener Aussage sogar über eine Stunde. Ebenso groß ist der Anteil derjenigen, die zwischen 45 und 60 Minuten im Wartezimmer ausharren müssen. Insgesamt geben lediglich zwei Prozent überhaupt keine Wartezeit beim Arztbesuch an.

Im Länder-Ranking der Wartezeiten-Zufriedenheit rangiert Schleswig-Holstein auf Platz 9. Platz 1 hat Bayern, Platz 2 Hamburg. Auf dem letzten Platz (16) ist Mecklenburg-Vorpommern.

Nach der letzten Versichertenbefragung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (veröffentlicht August 2018) haben 28 Prozent der Befragten in Schleswig-Holstein sofort einen Termin bekommen, 16 Prozent hatten bis zu drei Tage Wartezeit. Länger als drei Tage mussten sich 40 Prozent aller Patienten in Schleswig-Holstein gedulden.

„Beim Hausarzt sind 30 Minuten Wartezeit realistisch“, stimmt Henrik Hermann, Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein zu. Dass Privatversicherte oft schneller behandelt würden, wolle er nicht leugnen. „Aber das gilt nicht bei Notfällen.“ Doch die langen Wartezeiten in der Uniklinik stimmen ihn nachdenklich. „Wenn das ein Dauerzustand ist, muss man sich fragen, ob sich organisatorisch etwas verbessern lässt. Oder ob einfach zu wenig Personal da ist. Dann wäre das Land in der Pflicht, gegenzusteuern.“

Zahl der Patienten steigt

Marco Dethlefsen von der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein nimmt die Ärzte in Schutz: „Wenn das Wartezimmer voll ist, ist nicht immer der Arzt schuld.“ Auf manchen Fachgebieten herrsche Ärztemangel, in manchen Regionen ebenfalls. „Die meisten Ärzte arbeiten sehr viel. Viele haben eine 50- oder 60-Stunden-Woche.“ So gebe es in Schleswig-Holstein zu wenig Nervenärzte, Schmerztherapeuten und Rheumatologen, um der Patientennachfrage gerecht zu werden. Auch die Zahl derjenigen, die ärztliche Versorgung beanspruchten, sei gestiegen.

Montags besonders voll

Besonders voll sei es immer montags, ist die Erfahrung von Mylena Jording. „Da fühlen sich anscheinend besonders viele Leute nicht so wohl, sei es aus körperlichen oder psychischen Gründen.“

„Am Montagmorgen ist es ein bisschen problematischer“, hat auch Wolfgang Seiler (53), Kaufmännischer Angestellter aus Baden-Baden festgestellt. Er geht „nur wenn es wehtut“ zum Arzt und hat dabei meistens „keine Probleme“. Normalerweise verbrint er maximal eine halbe Stunde im Wartezimmer, doch es hat auch schon eine ganze Stunde gedauert.

Fast immer „zu lange“ ist die Wartezeit beim Arzt für Kauffrau Nina Schönemann. Die 31-Jährige aus Stockelsdorf muss teilweise bis zu zwei Stunden im Wartezimmer verbringen. Vor allem beim Kinderarzt sei es für sie mit ihrer sieben Monate alten Tochter schwierig, rechtzeitig dranzukommen. Sie schätzt, dass schlechte Organisation dahinter steckt. Etwas Neues ist das aber nicht: „Das ist seit Jahren so“.

Student Chris Konst (22) aus Lübeck hat auch schon lange Wartezeiten erlebt: beim Orthopäden habe er schon eineinhalb Stunden warten müssen. „Da können die nicht viel machen,“ gibt er zu. Beim Hausarzt ginge es jedoch „relativ fix“.

Auch gute Erfahrungen

Doch nicht alle haben beim Warten auf den Arzt schlechte Erfahrungen gemacht. Bernhard Thiebes (68) aus Lübeck zum Beispiel hat kein Problem mit Wartezeiten. „Ich warte nie länger als höchstens zehn Minuten, weder beim Allgemeinmediziner noch beim Zahnarzt.“

„Da sich die Dauer einzelner Behandlungen nicht exakt durchplanen lässt, sollten Patienten Wartezeiten von rund 30 Minuten von vorneherein für jeden Arztbesuch einrechnen“, empfiehlt Michael Wessendorf, Vorsitzender der Ärztevereinigung „Marburger Bund Schleswig-Holstein“. „Bei Praxen mit offenen Sprechstunden – also ohne Termine – müssen sich Patienten auch auf längere Wartezeiten einstellen.“

Myra O’ Hagan und Marcus Stöcklin

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