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Norddeutschland Was wusste der Weiße Ring?
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09:35 17.03.2018
Mit Informationsbroschüren wie diesen warb der Weiße Ring. Quelle: dpa
Lübeck

Zu ihm kamen Frauen in die Beratung, die häusliche Gewalt erfahren hatten, in finanziellen Nöten steckten und oft nicht mehr wussten, wie das Leben für sie weitergehen soll. Ausgerechnet Detlef H. (73), der Leiter der Lübecker Opferschutzorganisation Weißer Ring, steht jetzt unter einem ungeheuren Verdacht: Der pensionierte Polizeibeamte soll schutzsuchende Frauen sexuell belästigt haben – angeblich fortgesetzt. Zwei Frauen haben Detlef H. diese Woche angezeigt, ihre Aussagen unabhängig voneinander mit eidesstattlichen Versicherungen untermauert. H. weist diese und alle sonstigen Anschuldigungen entschieden zurück. Er spricht von Missverständnissen und Irritationen.

„Nehmen Sie doch Ihre Brüste heraus“

Eine der beiden Frauen, die H. schwer belasten, ist Diana M.(40). Sie schildert: Im April 2016 ging es ihr richtig mies. Schwanger mit dem vierten Kind, gerade den Job verloren, der Ehemann mit ihrer Bankkarte und dem letzten Geld über alle Berge. „Kommen Sie gleich vorbei“, habe H. ihr gesagt, als sie ihn beim Weißen Ring anrief. Beim zweiten Beratungsgespräch dann das: H. habe ihr vorgeschlagen, als Prostituierte zu arbeiten, um aus ihrer finanziellen Not herauszukommen. Dann, so versichert Diana M. in einer eidesstattlichen Versicherung, die einem Rechercheteam von Lübecker Nachrichten und dem „Spiegel“ vorliegt, habe H. ihr Komplimente gemacht, sei hinter seinem Schreibtisch hervorgekommen, habe seine Hose geöffnet und sein Geschlechtsteil herausgeholt. „Nehmen Sie doch Ihre Brüste heraus“, solle H., der sie jedoch niemals angefasst habe, sie aufgefordert haben. Sie sei geflüchtet und weinend zusammengebrochen. H. bestreitet ihre Darstellung in Gänze. Er habe niemandem geraten, als Prostituierte zu arbeiten. Es habe auch gegenüber Diana M. keine sexuellen Anzüglichkeiten oder Aufforderungen und auch kein Entblößen gegeben.

Diana M. hingegen erklärte weiter, H. habe sich später bei ihr entschuldigt. „Es sei nicht so gemeint gewesen, wie es ausgesehen habe“, habe der Außenstellenleiter des Weißen Rings erklärt. In ihrer Not habe sie dies zunächst akzeptiert.

Im November 2016 schließlich habe sie sich an den Frauennotruf Lübeck gewandt, so Diana M. „Wir sind der Meinung, das muss verfolgt werden, wir hatten schon ähnliche Fälle mit Herrn H.“, sei ihr dort gesagt worden – mit dem Rat, sich einen Anwalt in der Sache zu nehmen. Am 20. Juni 2017 ließ sie ihre Aussage beim Frauennotruf protokollieren.

Auch Wiebke R. (50) wirft H. vor, ihre Notlage ausgenutzt zu haben. Sie hatte H. um Hilfe bei einem Zivilverfahren gebeten. Er würde ihr gern helfen, habe H. erklärt. Aber vorher wolle er mit ihr in ein Hotel, berichtet R. in ihrer eidesstattlichen Versicherung. Später, so Wiebke R., habe H. sie gefragt, ob sie sich vorstellen können, „etwas lieb zu älteren Männern zu sein“. Damit könne sie Geld verdienen. Die 50-Jährige lehnte ab. Bei einem Treffen im Sommer 2017 habe H. ihr schließlich gesagt, „wenn ich lieb und nett bin, mit Anfassen, dann würde er mir helfen“. Er habe gefragt, „ob er meine Brüste anfassen darf“. Beim Weißen Ring habe sie danach um einen anderen Betreuer gebeten. H. bestreitet auch diesen Verdacht entschieden. Ein Vorfall, dass er seine Hilfestellung von sexuellen Gegenleistungen abhängig gemacht habe, sei ihm nicht bekannt, ein solches Verhalten bei ihm nie erfolgt.

Frauennotruf verweist auf seine Schweigepflicht

Das Unglaubliche: Beim Weißen Ring in Lübeck wusste man nach Aussage der beiden Frauen offenbar schon lange von solchen und ähnlichen Vorwürfen gegen den Chef des Opferhilfevereins. Auch in der Stadt kursierten Gerüchte. Als Wiebke R. kurz vor Weihnachten 2017 zu Hause Besuch von einer Mitarbeiterin des Weißen Rings bekam, habe diese geäußert: „Sie sind nicht die Einzige.“

Als H. Ende November sein Amt beim Weißen Ring abgab, habe sie feststellen müssen, dass der Frauennotruf, der bereits im Sommer 2017 ihre Schilderung zur Weiterleitung an die Zentrale des Weißen Rings protokollierte, bisher in ihrem Fall noch nichts unternommen hatte, berichtet Diana M. von ihrer Enttäuschung.

„Ich fühlte mich von denen verraten“, sagt die 40-Jährige. Sollte alles vertuscht werden, damit beide Vereine sauber dastehen? Diana M., der der Frauennotruf erklärt haben soll, man habe vor einer Weiterleitung des Protokolls vergeblich versucht, sie wegen ihres Einverständnisses zu erreichen, hatte diesen Eindruck. „Erst machte mich H. vom Weißen Ring als Opfer noch mal zum Opfer, und jetzt sollte ich als Problem entsorgt werden.“ Tatsächlich arbeiten Weißer Ring und Frauennotruf eng zusammen.

Der Frauennotruf Lübeck beteuert auf konkrete Nachfrage unter Verweis auf die Schweigepflicht derweil, gar nicht verpflichtet zu sein, „eine Anzeige zu erstatten, wenn wir von einer Straftat erfahren“. Als Kriseneinrichtung dürfe man nichts über den Kopf der Frauen hinweg veranlassen oder an Dritte weitergeben. Die Zusicherung der Schweigepflicht sei „Grundlage unserer Arbeit“, heißt es in einer Stellungnahme. Und dann noch: „Falls sich Frauen nicht ausreichend unterstützt gefühlt haben, bedauern wir das sehr.“

Nach Recherchen von Lübecker Nachrichten und „Spiegel“ haben schon im Jahr 2012 mehrere Frauen beim Frauennotruf Lübeck e.V. über sexuelle Anzüglichkeiten und Belästigungen durch H. im Rahmen seiner Beratungsgespräche berichtet. Deshalb baten Verantwortliche des Frauennotrufs den Ex-Polizisten im September 2012 schriftlich zu einem Gespräch in die eigenen Räume. Begründet wurde die Einladung mit dem Hinweis, es handele sich „nicht um Einzelfälle“, Frauen äußerten „zunehmend Bedenken“, sich überhaupt noch dem Weißen Ring anzuvertrauen.

Neben H. nahmen eine weitere Mitarbeiterin des Weißen Rings Lübeck und drei Vertreterinnen des Frauennotrufs an diesem Gespräch teil. Hielten sie die Vorwürfe gegen H. danach jahrelang unter dem Deckel? H., der von bereits seit dem Jahr 2010 aufgetretenen Missverständnissen und Störungen zwischen ihm und dem Frauennotruf berichtet, bestätigt jedenfalls, dass sein Landesvorstand über das Gespräch 2012 nicht informiert worden sei. Aufgrund von „nebulösen Beschwerden“ – auf mehrfache Nachfragen nach Fakten seien keine näheren Angaben gemacht worden – sei eine Information für entbehrlich gehalten worden, so H.

Sechs Jahre später wundert man sich beim Frauennotruf dann doch, dass immer noch nichts passiert ist. Immer mehr Frauen würden sich mit Beschwerden über H. melden, bestätigt Hanna Falk, Sozialpädagogin beim Frauennotruf, im Januar 2018 dem Landesvorsitzenden des Weißen Rings, Uwe Döring. Man habe H. doch schon im Jahre 2012 mit anonymisierten Beschwerden von Frauen konfrontiert. Der Weiße Ring müsse sich H. gegenüber klar positionieren.

Erst am 23. Januar 2018 schreibt die Bundesvorsitzende des Weißen Rings, Roswitha Müller-Piepenkötter, an H., fordert den 73-Jährigen auf, den Verein zu verlassen. Nachfolgend zu bereits im Sommer 2017 bekannt gewordenen Beschwerden „über Ihr Verhalten“ liege durch ein Anwaltsschreiben ein „besonders gravierender Vorwurf“ einer Verknüpfung der Opferhilfe mit der „Einforderung sexueller Handlungen“ vor. Die alleinige Tatsache mehrerer verschiedener und voneinander unabhängiger Beschwerden sei dazu geeignet, „dem Verein erheblichen Schaden zuzufügen“.

Weißer Ring trifft 2016 Vereinbarung mit H.

Landesvorsitzender Uwe Döring, eben erst als Chef der Opferhilfe bestätigt, erklärt auf Anfrage, von den Vorwürfen gegen H. selbst erst im November 2016 erfahren zu haben. Dass der Weiße Ring in Lübeck bereits im Herbst 2012 ein Gespräch mit H. über Vorwürfe von Frauen geführt habe, sei ihm erst am 18. Januar 2018 zu Ohren gekommen. Nach den 2016 bekanntgewordenen Beschwerden habe man sofort gehandelt und mit H. am 12. November 2016 „verbindlich vereinbart“, dass er keine „weiblichen Opferfälle“ mehr bearbeiten dürfe. Für Ausnahmefälle, in denen eine Betreuung durch H. explizit vom Opfer gewünscht sein sollte, sei das Sechs-Augen- Prinzip festgeschrieben worden. H. habe schriftlich zugestimmt. Eine Kontrolle, ob H. sich überhaupt an diese Vereinbarung hielt, habe es nicht gegeben, räumt Döring ein. „Nach weiteren Beschwerden“ habe man dann im Herbst 2017 mit der Trennung von H. reagiert, schließlich Anfang 2018 eine Hotline für mögliche weitere Opfer geschaltet. Daraus hätten sich bis heute zehn neue Verdachtsfälle ergeben, teilt Döring mit. Alle zeigten „ein ähnliches Verhaltensmuster“ von H. auf.

Staatsanwaltschaft: Wir hatten Kenntnis von Vorwürfen

Derweil bestätigt die Staatsanwaltschaft Lübeck, dass sie in den letzten Jahren bereits mehrfach Kenntnis von Vorwürfen gegen Detlef H. bekommen hat. So hätten ihr von 2006 bis 2017 drei einschlägige Vorgänge vorgelegen, die jedoch alle mangels Tatverdachts oder Strafantrags nicht verfolgt wurden. Über eine Anzeigensache aus dem Jahr 2016 sei demnach auch der Weiße Ring im Rahmen eines Auskunftsersuchens informiert worden.

Im Jahr 2017 schließlich habe eine Mitarbeiterin der Polizei gegenüber einer Kollegin geäußert, dass H. sie mehrfach darum gebeten habe, Fotos von ihrem Dekolleté machen zu dürfen, was sie abgelehnt habe. Strafanzeige aber habe sie nicht stellen wollen. Das Verhalten habe auch noch nicht den Straftatbestand der sexuellen Belästigung erfüllt. Norbert Trabs, Chef der Polizeidirektion Lübeck, bestätigt, dass von diesem Sachverhalt seinerzeit ein entsprechender Vermerk gefertigt worden sei. Diesen habe er am selben Tag als Anzeige gewertet und der Staatsanwaltschaft übermittelt.

„Habe die Frau tröstend in den Arm genommen“

Auch den Vorwurf, eine Polizistin belästigt zu haben, weist H. zurück. Richtig sei lediglich, dass er diese Frau in ihrer persönlichen Verzweiflung „tröstend in den Arm genommen“ habe, bis sich diese aufgrund seiner Worte wieder beruhigte. Er wehrt sich mit dem Hinweis, eine Polizeiangestellte „hätte selbstverständlich sofort eine Anzeige erstattet“, wenn der von ihr geschilderte Ablauf tatsächlich passiert wäre. Wie immer gilt auch für H. die Unschuldsvermutung. Er kann sich dies alles nicht erklären, alles werde ihm „aus nicht nachvollziehbaren Gründen“ unterstellt. Er habe sich beim Frauennotruf um Aufklärung bemüht, habe jedoch keine konkreten Angaben bekommen. Nunmehr habe er Strafanzeige gegen Unbekannt unter anderem wegen Verleumdung erstattet.

Für das gemeinsame Recherche-Team von Lübecker Nachrichten und „Spiegel“ arbeiteten Wolfram Hammer und Curd Tönnemann (LN) sowie Rafael Buschmann, Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch und Jörg Schmitt („Der Spiegel“).

 

Bericht im "Spiegel"

Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ berichtet in seiner am Sonnabend erscheinenden Ausgabe ebenfalls über die Vorwürfe gegen den ehemaligen Lübecker Außenstellenleiter des Opferhilfevereins
Weißer Ring.