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Weil Erzieher fehlen: Kita-Gruppen werden geschlossen 

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16:47 13.11.2021
Immer öfter werden Kinder nach Hause geschickt, weil Personal fehlt. Dann müssen sich die Eltern um die Betreuung kümmern.
Immer öfter werden Kinder nach Hause geschickt, weil Personal fehlt. Dann müssen sich die Eltern um die Betreuung kümmern. Quelle: Monika Skolimowska/dpa
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Lübeck

Hohe Belastung und schlechte Vergütung im Erzieherjob: Die Folge sind rückläufige Ausbildungszahlen. In der Kita Kichererbse in Schwarzenbek (Kreis Herzogtum Lauenburg) mussten laut Elternvertreterin Mareike Zimmer Gruppen geschlossen werden, „weil nicht ausreichend Personal zur Verfügung gestellt werden kann und Unfälle wegen mangelnder Aufsicht zunahmen“. Und das trotz Betreuungsanspruches und Kitabeitrag. Das Problem betreffe ganz Schleswig-Holstein, sagt eine Kita-Mitarbeiterin.

Elternvertretung: Wo bleibt das Geld?

Der Co-Vorsitzende der Landeselternvertretung der Kitas, Axel Briege, ist genervt davon, dass mehr gestritten als bewegt wird. Aus Bildung werde zunehmend reine Betreuung. Ihn treibt vor allem um, „wo das Geld bleibt“, das Bund und Land bereitgestellt haben. Es könne nicht sein, dass sich die Kommunen auf dem Rücken von Kindern, Erziehern und Eltern sanierten.

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Problem seit langem bekannt

„Der Fachkräftemangel ist seit langem bekannt“, sagt Dörte Eitel, Geschäftsführerin der Ev.-Luth. Kindertagesstättenwerk Lübeck gGmbH, die zur Gemeindediakonie gehört, einer der Kita-Träger im Land. Bereits 2018 hatte die damalige Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) mit einem Gute-Kita-Gesetz versprochen, dafür zu sorgen, dass das bereitgestellte Geld auch in den Kitas ankomme.

Dienste zunehmend schwerer zu besetzen

Laut Dörte Eitel werde der Fachkräftemangel noch weiter ansteigen, etwa durch Verrentungen und unattraktive Arbeitsbedingungen. „Auch Mitarbeiterinnen in den Kitas sind auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf angewiesen. Dienste am Nachmittag sind zunehmend schwerer zu besetzen.“ Es gebe keinen Puffer bei Personalausfällen. „Die Folge sind die Teilschließungen wie Eltern sie jetzt erleben“, sagt Eitel.

Die Landeselternvertretungder Kitas in Schleswig-Holstein und die Elterninitiative „Eltern für Erzieher*innen, Erzieher*innen für Kinder“ haben für den 18. November zu einer Demo in Kiel aufgerufen. Start ist 11 Uhr an der Uni, Ende 13.15 Uhr am Landtag, das Motto ist Fachkräfteoffensive.

SPD kritisiert Landesregierung

An der prekären Lage gibt die SPD der Regierung die Schuld. „Mit dem neuen Kita-Gesetz für Schleswig-Holstein und dem ab 2026 geltenden Recht auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule steigt der Bedarf an Erziehern im Land“, sagt Martin Habersaat, bildungspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion. Gleichzeitig gehe die Zahl der Schüler im 1. Ausbildungsjahr dramatisch zurück. „Es rächt sich, dass die Landesregierung die eigene Kita-Reform nicht mit einer notwendigen Ausbildungsoffensive begleitet hat. Jetzt laufen wir sehenden Auges in den Betreuungsnotstand.“ Nach Ansicht der SPD wäre eine deutliche Verbesserung der Ausbildungsvergütung erforderlich.

Sozialministerium: Attraktivität steigern

Laut dem Kieler Sozialministerium liegt der Fokus der Kitareform bereits unter anderem auf der Verbesserung der Kitafinanzierung und des Betreuungsschlüssels und damit auf besseren Arbeitsbedingungen. „Dies sind essenzielle Beiträge zur Erhöhung der Attraktivität des Berufes“, sagt Sprecher Christian Kohl.

Ausbildungsplätze erhöht

Zudem habe die Landesregierung die Ausbildungskapazitäten deutlich ausgebaut. „Die Zahl der jungen Menschen, die sich auf den Erzieherberuf vorbereiten, war im Jahr 2020 in den Fachschulen so hoch wie nie zuvor“, sagt Kohl. Ab dem Jahr 2022 solle zudem die Praxisintegrierte Ausbildung (PiA) nach dem Auslaufen der Bundesförderung mit Landesmitteln weitergeführt werden, um die Ausbildung für mehr Menschen dauerhaft zu ermöglichen.

FDP schießt zurück: „Scheinheilig“

„Wie scheinheilig von der SPD, falsche Behauptungen aufzustellen, obwohl man selbst beim Thema Kinderbetreuung auf ganzer Linie versagt hat“, schießt Anita Klahn von der FDP-Landtagsfraktion zurück. Keine Kita müsse aktuell wegen eines höheren Betreuungsschlüssel schließen, denn bis Juli 2025 gelte ein Übergangszeitraum. Es gebe heute über 1600 Schüler mehr in der Erziehungsausbildung als unter der SPD-geführten Vorgängerregierung 2017, „die Interessenten damals lieber auf Wartelisten geparkt hat“, sagt Klahn.

CDU: Genug gesetzlicher Spielraum vorhanden

Katja Rathje-Hoffmann von der CDU-Fraktion sieht das Problem darin, dass sich Kitaträger davor scheuen würden, den Personalschlüssel in Ausnahmefällen abzusenken um „politisch Druck“ zu machen. „Ich sehe schon die angespannte Lage, aber aus meiner Sicht ist genug gesetzlicher Spielraum vorhanden.“

Grüne: Schlechte Bezahlung für Erzieher absurd

Die kitapolitische Sprecherin und Vorsitzende der Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, Eka von Kalben, sieht die hohe und steigende Arbeitsbelastung als Ursache für den Fachkräftemangel. Viele blieben deshalb keine zehn Jahre im Beruf. Der erhöhte Personalschlüssel sei ein wichtiger Grundstein dafür, dass der Beruf attraktiver werde.

Die Landesregierung hätte auch die Möglichkeit geschaffen, Quereinsteiger zu beschäftigen. „Die SPD ruft nach Lösungen, bietet aber keine an.“ Sie hoffe sehr, dass sich die neue Bundesregierung für eine bezahlte Ausbildung einsetzen werde. „Es kann nicht sein, dass junge Menschen mehr Geld bekommen, wenn sie lernen ein Auto zu reparieren, als für eine Ausbildung als Erzieher“, sagt von Kalben.

Verdi: Nachlegen – aber im Schulterschluss

Auch Steffen Kühhirt, Fachbereichsleiter bei Verdi Nord, ist der Meinung, die Regierung müsse „noch einmal nachlegen“. Das Problem sei zudem nicht von heute auf morgen zu beheben. Sein eindringlicher Appel: „Wir müssen aufhören mit dem Finger darauf zu zeigen, wer was nicht richtig macht.“ Er wünsche sich das Zusammenfinden der demokratischen Parteien zu einem Zukunftspakt. „Mal kein Streit sondern Entscheidungen im Sinne der Menschen, Erzieher, Kinder.“

Von Nina Gottschalk