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Norddeutschland Sexsucht? Nebenklage-Anwalt hält Detlef H. für krank
Nachrichten Norddeutschland Sexsucht? Nebenklage-Anwalt hält Detlef H. für krank
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19:18 23.09.2019
Die Staatsanwaltschaft sieht bei H. ein „sexuell übergriffiges Verhaltensmuster“ und fordert drei Monate Haft. Am Donnerstag fällt das Urteil. Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck

Detlef H., der Ex-Chef des Weißen Rings Lübeck, soll wegen Exhibitionismus für drei Monate in Haft. Das fordert Staatsanwältin Magdalena Salska. Die Strafe soll auf zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden. Der Anwalt der Nebenklägerin, Robert Nieporte, spricht sogar von Sexsucht. Er sagt: „Detlef H. ist psychisch krank.“

Nebenkläger-Anwalt: „Detlef H. ist psychisch krank“

Es wäre der Bevölkerung nicht mehr zu vermitteln, H.s Verfehlungen nur mit einer Geldstrafe zu ahnden, erklärte Staatsanwaltschafts-Sprecherin Ulla Hingst am Montag nach dem neunten Verhandlungstag vor dem Amtsgericht Lübeck. Magdalena Salska hatte zuvor in nichtöffentlicher Sitzung eine Stunde lang ihr Plädoyer gehalten. Die Aussage von Nebenklägerin Dora M., H. habe während einer Opfer-Beratung vor ihr seinen Penis aus der Hose geholt und ihre Brüste anfassen wollen, sei absolut glaubhaft, hieß es darin. Sie habe über dreieinhalb Jahre hinweg die bedrückende Szene immer wieder gleich geschildert.

Staatsanwältin: H. hat Vertrauenssituation ausgenutzt

Dora M. hatte im April 2016 Hilfe beim Weißen Ring suchen wollen. Sie geriet so an Detlef H. Auch mehrere andere Zeuginnen hatten im Prozess von sexuellen Belästigungen durch H. berichtet, von Griffen an den Oberschenkel etwa und Kuss-Versuchen. Die angeklagte Tat sei daher nur „die Spitze des Eisbergs“, H. habe „die besondere Vertrauenssituation einer Frau ausgenutzt, die Hilfe suchte“, sagt Ulla Hingst. Und dieses Verhalten habe er über Jahre hinweg auch in vielen anderen Fällen gegenüber anderen Frauen gezeigt. Damit habe er zudem auch großen Schaden für den Weißen Ring als Opferhilfe-Organisation angerichtet.

Der Ex-Weißer-Ring-Chef, ein „Wolf im Schafspelz“?

Man müsse alle seine Taten gemeinsam betrachten, auch wenn die Fälle, von denen die anderen Zeuginnen berichteten, nicht angeklagt worden seien, sagt auch Nebenkläger-Anwalt Robert Nieporte. H. zeige sexuelles Suchtverhalten. „Es spricht vieles dafür, dass der Angeklagte sein Verhalten nicht mehr unter Kontrolle hat“, so Nieporte.

Er habe sich die Zielpersonen seiner Übergriffe gezielt ausgesucht. Es sei ihm nie um Verliebtheit gegangen, sondern immer nur darum, sein sexuelles Verlangen zu befriedigen. Dabei sei eine klare Steigerung festzustellen: von anfänglichen anzüglichen Komplimenten Anfang der 2000er-Jahre über Berührungen der Oberschenkel bis zum Entblößen des Penis und Zungenkuss-Versuchen.

Seine Opfer seien dabei immer hilflos gewesen, sagt Nieporte. Nach außen sei H. ja als Helfer aufgetreten. „Detlef H. ist ein Wolf im Schafspelz.“ Das Leugnen seiner Taten passe ebenso ins Bild einer Suchterkrankung. Er beantrage daher ein psychiatrisches Gutachten. Das müsse etwa beleuchten, ob H. auch alkoholsüchtig sei, welche Beziehung seine Eltern zueinander und zu ihm hatten, es müsse H.s gestörte Familienverhältnisse, seine Ehe und seine vielen außerehelichen Beziehungen untersuchen.

Die Richterin lehnt ein Psycho-Gutachten ab

Hörte sich H. an den Verhandlungstagen zuvor die Schilderung der oftmals emotional aufgewühlten Zeuginnen regungslos an, zeigte er bei diesen Ausführungen Nieportes erstmals selber Gefühlsregungen: Immer wieder Kopfschütteln, dann Grinsen, wieder Kopfschütteln. Sein Anwalt Oliver Dedow gähnte derweil neben ihm. Richterin Andrea Schulz musste Dedow zudem ermahnen, nicht an seinem Handy zu spielen.

Die Staatsanwältin schloss sich Nieportes Forderung schließlich an. Andrea Schulz allerdings lehnte ein Gutachten ab. Sie wolle die Zeugenaussagen auch ohne ein solches Gutachten in ihrem Urteil würdigen. Am Donnerstag um 14.30 Uhr soll es fallen.

Detlef H.: Habe die Tat nicht begangen

Wie es ausfällt? Dedow plädierte am Ende des Verhandlungstages am Montag auf Freispruch. Die Zeugin Dora M. sei unglaubwürdig. Eine Gutachterin habe ja im Verlaufe des Prozesses erklärt, es sei denkbar, dass sie sich die Geschichte auch einfach nur ausgedacht habe. H. hatte das letzte Wort. Es fiel kurz aus – er habe die Tat nicht begangen.

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Von Wolfram Hammer

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