Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Norddeutschland Weißer Ring: Frauennotruf soll von Anzeige abgeraten haben
Nachrichten Norddeutschland Weißer Ring: Frauennotruf soll von Anzeige abgeraten haben
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:20 23.03.2018
Inzwischen liegen Polizei und Staatsanwaltschaft elf Strafanzeigen gegen Detlef H. vor. Quelle: Martin Schutt/dpa-Zentralbild/dpa
Lübeck

Es geht um Inge B. (Name geändert). 2011 habe sie sich beim Weißen Ring gemeldet, weil sie einen Anwalt suchte. Sie sei zuvor sexuell missbraucht worden. Detlef H., ein pensionierter Hauptkommissar und damals Außenstellenleiter beim Weißen Ring, habe sich um sie gekümmert. Als er erfahren habe, dass sie gerne reitet, habe er ihr angeboten, sie zu einem Reiterhof zu bringen. Auf der Fahrt soll er, so schildert Inge B. es in einer eidesstattlichen Versicherung, plötzlich seine rechte Hand auf ihren Oberschenkel gelegt haben, nur wenige Zentimeter unterhalb des Schritts. Er habe „richtig zugedrückt. Ich war völlig geschockt“. Später habe er sie auch am Telefon bedrängt.

Lübecker Frauennotruf soll schon 2011 von einem entsprechenden Fall gewusst haben

Zum Thema

23. März: Beschluss: Frauen werden im Erstgespräch nicht mehr mit einem männlichen Mitarbeiter allein gelassen

22. März: Präventions-Expertin fordert Frauen auf: Seid lauter!

21. März: Viele offene Fragen an den Frauennotruf

20. März: Vier neue Strafanzeigen gegen Detlef H.

18. März: Kommentar: Das Versagen der Opferhelfer

18. März: Reaktionen: Entsetzen über Opferhilfe-Skandal

17. März: Nach LN-Bericht: Chaos beim Weißen Ring

16. März: Opferhelfer unter Verdacht

Inge B. ging zum Frauennotruf Lübeck. Dort habe sie alles erzählt, schreibt der „Spiegel“. Und sie habe darauf bestanden, sofort Anzeige zu erstatten. Der Frauennotruf sollte mit zur Polizei gehen.

Das habe man ihr aber ausgeredet: Aussage stehe gegen Aussage, außerdem sei sie wegen des sexuellen Missbrauchs vorbelastet, deshalb vielleicht ja übersensibel. Schließlich habe sie aufgegeben und keine Anzeige erstattet.

Der Verein Frauennotruf habe auf Nachfrage nur erwidert, dass man keine Frauen beeinflusst habe – und H.s Anwalt habe dazu nichts sagen wollen, so der „Spiegel“.

Auch alle anderen Vorwürfe weist H. von sich. Zwei Frauen hatten ihn in der vergangenen Woche wegen sexueller Belästigung und Nötigung angezeigt – im Frühjahr 2016 soll es dazu gekommen sein. Nach den Berichten von „Spiegel“ und Lübecker Nachrichten darüber liegen bei Polizei und Staatsanwaltschaft in Lübeck jetzt allerdings schon elf Strafanzeigen gegen Detlef H. vor. Das Landeskriminalamt ermittelt.

Was aber tat damals der Frauennotruf? Er bestellte H. im Jahr 2012 ein, hielt ihm angeblich B.s Geschichte und die Vorwürfe anderer Frauen vor, die sich ebenfalls gemeldet hatten. Offenbar gab sich der Notruf dann aber mit dem Versprechen zufrieden, H. werde betreute Frauen nicht mehr allein treffen. Über dieses Gespräch will der Frauennotruf auch die Lübecker Polizei informiert haben. Der damalige Polizeichef Heiko Hüttmann hat ausweislich der Darstellung der Polizeidirektion dann den Landeschef des Weißen Rings, Uwe Döring, zum Gespräch gebeten und darauf gepocht, dass „Herr H. künftig unbedingt die notwendige Distanz“ zu Opfern einhält.

Von sexuellen Vorwürfen sei aber keine Rede gewesen, behauptet Döring heute. Von solchen Vorwürfen habe er erst Ende 2016 erfahren. Auch dann aber: noch immer keine scharfe Reaktion. Erst ein Jahr später, Ende 2017, nachdem auch noch eine Polizeimitarbeiterin Vorwürfe gegen H. erhoben hatte, drängte Döring den Außenstellenleiter endlich aus dem Amt. Über die Hintergründe erfuhr die Öffentlichkeit allerdings nichts.

Hätten Frauennotruf, Polizei und Weißer Ring damals schon durchgegriffen, wäre auch Renate Sch. (Name geändert) erspart geblieben, was sie angeblich mit H. erlebte, schreibt der „Spiegel“. Auch sie hatte nach einer brutalen Vergewaltigung Hilfe beim Weißen Ring gesucht. Auf einer Fahrt zu einem Erholungsheim an der Ostsee im Oktober 2014 soll er auch ihr die Hand auf den Oberschenkel gelegt haben. „Ich war durch die Vergewaltigung gebrochen, verängstigt, ich zog mein Bein weg und sagte ihm, dass ich das nicht will“, wird sie vom „Spiegel“ zitiert. Später habe sie überlegt, was sie tun solle, aber nichts gemacht, weil man „gegen ihn nicht ankommt“.

H. bestreite auch diesen Verdachtsfall. Sein Anwalt spricht in einer Stellungnahme von „Unterstellungen gegenüber meinem Mandanten“. H. hat bei der Staatsanwaltschaft Lübeck Strafanzeige wegen Verleumdung gegen Unbekannt erstattet.

Von Wolfram Hammer