Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Norddeutschland Prozess gegen Detlef H.: Ehefrau soll aussagen
Nachrichten Norddeutschland Prozess gegen Detlef H.: Ehefrau soll aussagen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:45 20.06.2019
Detlef H. (74, l.), ehemaliger Leiter des Weißen Rings in Lübeck, vor dem Amtsgericht, neben ihm sein Anwalt Oliver Dedow. Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck

Hat der Ex-Außenstellenleiter des Weißen Rings Lübeck, Detlef H., im April 2016 vor einer 38-jährigen Hilfesuchenden seinen Penis entblößt und die Frau sexuell belästigt? Seit Donnerstag verhandelt das Amtsgericht Lübeck über den Fall. Am Freitag soll nun womöglich auch H.s Ehefrau aussagen – um zu klären, welche Unterwäsche H. trägt.

H.s Anwalt will die Ehefrau befragen

Oliver Dedow, H.s Anwalt, hat das beantragt. Er will das mutmaßliche Opfer Dora M. offenbar einer Falschaussage überführen. Die heute 41-Jährige konnte sich am ersten Tag der Verhandlung nicht mehr an die Farbe von H.s Unterhose erinnern, als er seinen Penis vor ihr „aus dem Hosenstall“ geholt haben soll. Nur so viel: sie sei nicht kariert oder gestreift gewesen. In einer früheren Vernehmung bei der Polizei hatte sie noch von einer weißen Feinripp-Unterhose gesprochen, hielt Dedow ihr nun vor. So eine habe H. aber nie besessen, das könne dessen Ehefrau bezeugen, so der Anwalt. Sie mache schließlich H.s Wäsche.

Erstaunen bei Richterin Andrea Schulz und Staatsanwältin Magdalena Salska. „Ich höre mir ja alles an, wenn es sein muss“, sagte Schulz. Na, wenn es denn unbedingt sein solle, erklärte auch Salska. Sie halte die Frage der Unterhosen-Farbe in diesem Verfahren allerdings für völlig irrelevant angesichts der sonstigen detaillierten Schilderungen der Zeugin und Nebenklägerin Dora M.

Eine Hochschwangere als Escort-Dame?

Tatsächlich hatte die 41-Jährige erneut genau beschrieben, wie sie H. am 12. April 2016 im Büro des Weißen Rings im Lübecker Gewerkschaftshaus traf. Kurz zuvor hatte sie den Kontakt gesucht. Ihr Partner hatte sie geschlagen und war mit ihrer EC-Karte abgetaucht. Der Vermieter hatte ihre Wohnung gekündigt. Drei Kinder waren zu versorgen, sie war im fünften Monat schwanger. H. habe ihr von Anfang an Komplimente gemacht. In dem Gespräch am 12. April habe er ihr dann plötzlich vorgeschlagen, als Prostituierte zu arbeiten, als Escort-Dame. Sie habe empört abgelehnt. Kurz darauf habe er neben ihr gestanden und seine Hose geöffnet. Sie solle ihm im Gegenzug ihre Brüste und ihre Scham zeigen, habe H. gefordert.

H. erzählt die Geschichte ganz anders. Es sei Dora M. gewesen, die ihn während des Beratungsgesprächs gefragt habe, ob er ihr nicht wohlhabende Männer vermitteln könne. Er kenne doch so viele wichtige Leute. Sie wäre bereit, sich mit ihnen als Escort-Dame zu treffen. Sie brauche dringend Geld. Auch H. könne ihr doch Geld leihen, sie wäre dann auch sehr entgegenkommend. Die „Exhibitionistische Handlung“, die ihm Dora M. und die Staatsanwältin vorwerfen, habe es hingegen nie gegeben, betont Detlef H. Er sei die ganze Zeit auf seinem Stuhl sitzen geblieben. Am Ende habe man sich dann verabschiedet – „normal“.

Dora M. kämpft um ihre Glaubwürdigkeit

Am Freitag wird der Prozess fortgesetzt. Zunächst soll es in nicht-öffentlicher Sitzung um die Glaubwürdigkeit von Dora M. gehen. Dedow will die offenbar angreifen, führte am Donnerstag bereits ins Feld, M. sei eine Mietnomadin gewesen und habe gerichtlichen Ärger wegen Betrugs gehabt. Die Staatsanwaltschaft will dagegenhalten, hat schon eine Psychologin als Gutachterin beauftragt, den Prozess zu beobachten und die Glaubwürdigkeit von M.s Aussagen zu überprüfen.

Der Fall Dora M. ist der einzige aus einem ganzen Konvolut von Anschuldigungen von Frauen gegen H., der jetzt zur Verhandlung kommt. Zunächst hatten zwei Frauen Anzeige erstattet. Nach Berichten der Lübecker Nachrichten und des Magazins „Spiegel“ über sexuelle Übergriffe durch H. wurden bei der Staatsanwaltschaft 29 Vorgänge bearbeitet. Die Vorwürfe stammten ebenfalls von Frauen, die sich hilfesuchend an den Opferhilfeverein gewandt hatten, darunter auch Opfer von Sexualstraftaten. In 20 Fällen wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet. 16 Verfahren wurden eingestellt – teils weil die festgestellten Sachverhalte keinen Straftatbestand erfüllten, in einigen Fällen aber auch, weil das angezeigte Geschehen vor dem Inkrafttreten des Tatbestandes der sexuellen Belästigung stattgefunden habe, heißt es von der Staatsanwaltschaft. Teilweise seien die Fälle auch bereits verjährt gewesen.

Bundesweite Konsequenzen beim Weißen Ring

In Beratungen des Weißen Rings gilt inzwischen das Sechs-Augen-Prinzip. Mindestens zwei Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen jetzt dabei sein, oder der oder die Hilfesuchende bringt eine Vertrauensperson mit.

Lesen Sie hier eine Analyse des ersten Prozesstages.

Mehr zum Thema

März 2018: Opferhelfer unter Verdacht

Was wusste der Weiße Ring?

Weißer Ring: Landesvorsitzender Uwe Döring und Stellvertreter Rath zurückgetreten

Entsetzen über Opferhilfe-Skandal

Leitartikel: Das Versagen der Opferhelfer

Präventions-Expertin fordert Frauen auf: Seid lauter!

Der Weiße Ring zieht Konsequenzen

Frauennotruf soll von Anzeige abgeraten haben

Hinweise bereits im Jahr 2012

April 2018: Warum hat niemand früher gehandelt?

Weißer Ring: Mitarbeiter in Sorge

Lübecks Polizeidirektor schildert Vorgehen gegen Detlef H.

Hat die Polizei eine Anzeige verhindert?

Anmache im Streifenwagen?

Opfer-Betreuer durfte Polizeiwagen nutzen

Weißer Ring: Kritik an Polizeispitze

Juli 2018: Belästigungsvorwürfe beim Weißen Ring: Ermittlungen in 22 von 29 Fällen eingestellt

September 2018: Weißer Ring hat eine neue Leiterin

Anklage wegen Exhibitionismus zugelassen

Juristisches Tauziehen im Fall Detlef H.

Dezember 2018: Weißer Ring: Wiebke Riegels Kampf um Gerechtigkeit

Weißer Ring in Lübeck: Nur ein Hauptverfahren im Fall Detlef H.

Februar 2019: Weißer-Ring-Skandal:Prozess gegen Detlef H. verzögert sich

Imageschaden belastet Arbeit des Weißen Rings

Jahresbilanz: Weißer Ring half 2018 wieder 1593 Mal

Juni 2019: Fall Detlef H.: Wurde bewusst weggesehen?

Prozess gegen Detlef H. beginnt

Für die Berichterstattung über den Fall Detlef H. waren zwei LN- und drei Spiegel-Redakteure gemeinsam für den Henri-Nannen-Preis in der Kategorie „Investigative Leistung“ nominiert:

Mai 2019: Nannen-Preis für herausragenden Journalismus – auch zwei LN-Redakteure nominiert

Wolfram Hammer

Die Bundesautobahn 21 in Fahrtrichtung Hamburg ist wegen Bergungsarbeiten nach einem Unfall voll gesperrt. Ein Lkw war von der Straße abgekommen. Eine Umleitung ist eingerichtet.

19.06.2019

Hamburg schneidet bei ADAC-Studie schlecht ab. Hamburger Verkehrsverbund spricht von „schlechter Recherche“

19.06.2019

Vorreiter oder Versager? Die Leistungen des nördlichen Bundeslandes bei der Energiewende werden im Kieler Landtag ganz unterschiedlich bewertet.

19.06.2019