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Norddeutschland Weitere Zeugin belastet Detlef H.
Nachrichten Norddeutschland Weitere Zeugin belastet Detlef H.
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19:17 09.09.2019
Das Amtsgericht Lübeck verhandelt über die Vorwürfe sexueller Belästigung gegen Detlef H. Der 74-Jährige war einst Außenstellenleiter des Weißen Rings in der Hansestadt. Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck

Wieder soll es nach dem gleichen Muster abgelaufen sein, von dem schon andere Zeuginnen vor dem Amtsgericht berichteten. Frauen, die sich zumeist hilfesuchend an den Opferschutz-Verein gewandt hatten. Offenbar hatte Detlef H. einen Blick für Frauen in Notlagen – um ihnen ehrenamtlich zu helfen, wie H. und sein Anwalt Oliver Dedow immer wieder betonen. Sexuelle Belästigungen habe es dabei nie gegeben. Um sie sexuell zu belästigen, sagen hingegen die Frauen.

Detlef H. musste den Saal verlassen

Auf Antrag der beiden Zeuginnen musste H. gestern sogar den Saal verlassen. Die Begegnung mit ihm könnte sie retraumatisieren, hatten Psychologen ihnen attestiert. Eine Zeugin sagte ganz unter Ausschluss der Öffentlichkeit aus.

Die andere ist zwar selber Mitarbeiterin des Weißen Rings, beim Landesverband in Rendsburg. Doch als im März 2016 plötzlich ihr Mann starb, stand auch die 54-Jährige emotional ganz neben sich. Fahr mal zu einem Weißen-Ring-Aufbauseminar, um dich abzulenken, habe der Landesvorsitzende ihr geraten. Vom 20. bis 22. Mai ging’s nach Schwerin. Dass H. schon zur Beerdigung ihres Mannes einen Kranz geschickt hatte, habe sie damals schon etwas gewundert, sagt die 54-Jährige heute. Man habe sich ja nur oberflächlich gekannt, dienstlich. H. habe hin und wieder etwas mit oder in der Landesgeschäftsstelle zu tun gehabt. Jetzt rief er plötzlich sogar an: Ob er sie in Schwerin ins Theater einladen dürfe?

Vielleicht ist es ja nett gemeint, sagte die Kollegin

Woher er das damals mit Schwerin wusste, weiß die 54-Jährige nicht. Eine Kollegin meinte, es sei ja vielleicht nett gemeint. Sie sagte zu. Als sie sich in Schwerin im Seminar-Hotel trafen, wurde ihr aber mulmig. H. war selber gar nicht Teilnehmer des Seminars, reiste extra aus Hamburg an, buchte sich in Schwerin ein Zimmer – und habe sofort gefragt, ob er ihre Zimmernummer haben dürfte, sagt die Zeugin. „Das mache ich ganz bestimmt nicht, habe ich geantwortet.“

Ins Theater fuhr sie trotzdem mit, danach noch in eine Kneipe. Sie habe ja den Rückweg nicht gekannt, H. hatte ein Taxi bestellt. Was dort in der Kneipe geschah, „ekelte mich“, sagt die 54-Jährige. Und das bis heute. „Ich möchte mit ihnen schlafen, hat er plötzlich gesagt. Ich kann sie trösten.“ Und dass er sich gerade vorstelle, wie er spüre, in sie einzudringen. Sie habe zudem so schöne Brüste, die würde er gerne mal berühren. Man könne sich dazu doch einfach im Hotel aufs Bett legen.

Er habe ihre „schönen Brüste“ anfassen wollen

Von diesem Satz, dass er ihre schönen Brüste anfassen wolle, berichteten immer wieder auch andere Zeuginnen. Dora M., die Nebenklägerin, wirft H. zudem vor, vor ihr seinen Penis aus der Hose geholt zu haben. Nur deswegen steht H. überhaupt vor Gericht. Der 54-jährigen Weißer-Ring-Mitarbeiterin beschied das Landgericht Lübeck 2018 bereits, dass H. sich mit seinem Verhalten nicht strafbar gemacht habe.

Dabei habe sie selber die Situation sehr wohl als bedrohlich empfunden, sagt die Zeugin. In ihrer Not habe sie H. während des Fußweges von der Kneipe zum Hotel sogar einen Kuss erlaubt, „weil ich dachte, dass er mich danach in Ruhe lässt“. Als H. die Zunge in ihren Mund stecken wollte, habe sie den Kopf aber weggezogen. Er habe sie dann immer wieder am Arm angefasst und versucht, sie umzustimmen. Erst als sie vor dem Hotel eine Kollegin trafen, sei H. gegangen.

H., der nach der Aussage wieder auf der Anklagebank Platz nehmen durfte, schildert diesen Teil des Abends ganz anders. Sie sei doch sogar noch mit ihm aufs Hotelzimmer gekommen. Er habe ihr 40 Marzipanherzen und einige Flaschen Rotspon überreicht, die sie als Dankeschön an die Kollegen in Rendsburg mitnehmen sollte. Und sie habe sich mit Küsschen verabschiedet. Das wisse er ganz sicher.

Alles zum Prozess gegen Detlef H.

März 2018: Lübecker Nachrichten und „Der Spiegel“ decken auf: Opferhelfer unter Verdacht

März 2018: Was wusste der Weiße Ring? 

März 2018: Weißer Ring-Landesvorsitzender Uwe Döring und -Stellvertreter Rath treten zurück

März 2018:
Führung der Landespolizei war seit Juli 2017 über Vorwürfe unterrichtet; Hinweise schon 2012

April 2018:
Hat die Polizei eine Anzeige gegen Detlef H. verhindert?

September 2018: Staatsanwaltschaft leitet in 20 Fällen Ermittlungsverfahren ein – 16 davon werden eingestellt

September 2018:
Das ist die neue Leiterin des Weißen Rings in Lübeck

Vor dem Prozess: Nur ein Hauptverfahren gegen Detlef H.in drei weiteren fehlt es an einem hinreichenden Tatverdacht

Erster Prozesstag:
Aussage gegen Aussage

Analyse des ersten Prozesstag:
„Ich dachte, ich war alleine damit, und ich kann es ja eh nicht beweisen“

Zweiter Prozesstag: Psychologin: „Ich hatte ein anderes Bild von Detlef H.

Dritter Prozesstag:
Staatsanwältin will weitere Frauen hören

Fünfter Prozesstag:
Jetzt sagen weitere mutmaßliche Opfer aus

Sechster Verhandlungstag:
Zeuginnen belasten Detlef H.: „Es war doch wirklich so, Herr H.

Das sagt der Ex-Chef des Weißen Rings: „Ich kann mir die Vorwürfe nicht erklären.“

Polizeigewerkschaft fordert Aufklärung:
Wurde bewusst weggesehen?

Zeugin: „Ich weiß jetzt, wie sich schutzlose Opfer fühlen“

Die 54-Jährige widersprach heftig: Nein, sie habe H.s Hotelzimmer in Schwerin nie betreten. Albträume habe sie danach gehabt. H. habe ihr seinen Willen aufzwingen wollen. „Was ich wollte, hat ihn gar nicht interessiert.“ Er habe ihre Situation „schamlos ausgenutzt. Ich weiß jetzt, wie sich schutzlose Opfer fühlen.“ Sie spüre nur Wut. Bis heute falle es ihr schwer, Männern, die sie kennenlernt, noch zu vertrauen.

Zurück in Rendsburg vertraute sie sich ihrer Kollegin an, die stellte H. zur Rede, sagt die 54-Jährige. Der habe das alles aber ganz anders geschildert. Sie nahm seine Entschuldigung trotzdem an, versuchte, ihm danach aus dem Weg zu gehen. Als sie anderthalb Jahre später hörte, dass eine Polizei-Mitarbeiterin in Lübeck H. wegen sexueller Belästigung angezeigt hatte, sei aber alles wieder hochgekommen. Sie habe den Vize-Landeschef über den Vorfall informiert. Kurz darauf erstattet der Weiße Ring Anzeige gegen Detlef H.

Am 23. September soll das Urteil fallen

Auch wenn ihr Verfahren eingestellt wurde, wollte Staatsanwältin Magdalena Salska die 54-Jährige jetzt noch einmal als Zeugin hören. In ihrem Plädoyer am 17. September wird Salska, das gilt als sicher, auf eben dieses Muster H.s im Umgang mit Frauen verweisen. Das könnte, so das Kalkül, die Aussagen von Dora M. über ihre bösen Erlebnisse mit H. glaubhafter machen.

Ob der Plan aufgeht, wird sich am 23. September zeigen. Dann will Richterin Andrea Schulz ihr Urteil verkünden.

Von Wolfram Hammer

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