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Norddeutschland „Missbrauchtes Vertrauen“
Nachrichten Norddeutschland „Missbrauchtes Vertrauen“
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20:25 20.06.2019
Beginn des Prozesses gegen Detlef H., den ehemaligen Leiter des Weißen Rings Lübeck. Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck

Hat der Ex-Außenstellenleiter des Weißen Rings Lübeck, Detlef H., im April 2016 vor einer 38-jährigen Hilfesuchenden sein Glied entblößt und sie sexuell belästigt? Das Amtsgericht Lübeck verhandelt jetzt über den Fall. Bislang steht Aussage gegen Aussage. Welcher Darstellung wird Richterin Andrea Schulz am Ende mehr glauben?

„Ich bin der Angeklagte“

Saal C 15 des Lübecker Amtsgerichts am frühen Donnerstagmorgen, in der grauen Ausweich-Baracke gelegen, in die das Gericht wegen Umbauarbeiten ziehen musste. Sicherheitsleute kontrollieren den Einlass. Es ist eng. Der Fall schlug Wellen. 13 Journalisten sind gekommen, 20 Zuschauer finden auch noch Platz.

Um 9.48 Uhr kommt H. über den Hof auf das Gebäude zu. Leicht gebückter Gang, grauer Anzug, weißer Haarkranz. Das beige-braune Hemd spannt über dem Bauch. Eine breite Krawatte Ton in Ton. „Ich bin der Angeklagte“, sagt H. zu den Wachleuten. Dann muss er die schwarze Aktentasche mit Doppelverschluss öffnen. Er holt zwei Äpfel und eine kleine Mineralwasserflasche heraus, zeigt die Tasche vor. Dann darf er passieren.

Staatsanwältin: H. hat Dora M.s Vertrauen missbraucht

Um 10.20 Uhr eröffnet Andrea Schulz die Verhandlung. Staatsanwältin Magdalena Salska verliest die Anklage. Am 12. April 2016 sei es im Büro des Weißen Rings zu der exhibitionistischen Handlung gekommen, sagt sie. Dora M. sei das Opfer. Sie habe sich kurz zuvor an den Weißen Ring gewandt. Er habe ihr Vertrauen in besonderem Maße missbraucht. Er habe während des zweiten Beratungsgesprächs plötzlich neben ihr gestanden und seinen Reißverschluss geöffnet, wird Dora M. später dem Gericht noch einmal berichten.

H. widerspricht dieser Darstellung heftig. Es habe keine exhibitionistische Handlung gegeben, keine Annäherung, gar nichts. Er macht schließlich sogar Dora M. zur Täterin: Sie sei es gewesen, die sich in dem Gespräch als Escort-Dame angeboten habe, um schnell zu Geld zu kommen. Auch ihm selber habe sie Gefälligkeiten gegen Geld angeboten. Wieso eine Frau, im fünften Monat schwanger, sich so eine Geschichte ausdenken sollte, wie Dora M. sie erzählt, kann er sich auf Nachfrage der Richterin nicht erklären. Die Frage, ob und wie er als Weißer-Ring-Berater denn auf M.s Escort-Pläne reagiert haben will, blieb am Donnerstag in Saal C 15 ungestellt.

Richterin: „Das ist ja schon eine gewisse Nähe, die sie da herstellen wollten.“

Schnell aber wurde deutlich, wie wenig Distanz H. bei seiner Beratungstätigkeit generell hatte. Gleich nach dem ersten Treffen lud er M. und ihre drei Kinder zu Kaffee und Kuchen in eine Café ein, erzählte aus seiner Jugend, zeigte sein altes Führerscheinbild, berichtete von Urlauben in M.s Heimat Ungarn und erzählte von seiner Mutter, die damals gerade im Sterben lag. „Das ist ja ein recht persönliches Gespräch gewesen“, wunderte sich Richterin Andrea Schulz. Man könne den Eindruck haben, dass es sich um einen Small Talk handelte, „bei dem es mehr drum ging, was bei Herrn H. so los war“. Und das, obwohl doch Dora M. Hilfe suchte, nachdem ihr Partner sie geschlagen und mitsamt ihrer EC-Karte verlassen und der Vermieter ihr auch noch die Wohnung gekündigt hatte. Quasi stündlich habe er bei Dora M. angerufen und neue Ideen präsentiert, wie er ihr helfen könne. „Das ist ja schon eine gewisse Nähe, die sie da herstellen wollten.“

„Eine gestörte Atmosphäre“

H. erklärte dem Gericht, er habe ein Vertrauensverhältnis aufbauen wollen. Das sei üblich bei solchen Beratungen. Ihr sei das zu jenem Zeitpunkt noch nicht komisch vorgekommen, sagt Dora M. später aus. Sie sei einfach froh gewesen, dass sie mit jemandem über ihre Notlage habe reden können. Sie habe doch sonst niemanden gehabt. Auch nach dem Vorfall im Büro habe es daher zunächst noch weitere Kontakte gegeben. Sie sei zwar empört gewesen über H., wütend und habe geweint. H. habe aber noch am Abend angerufen und sich entschuldigt. Er habe gesagt, dass er sich wohl leider nicht im Griff gehabt habe, so schildert es Dora M.

Kurz darauf aber habe H. dann eine Bürgschaft bei einem Vermieter widerrufen, die er nur vier Tage zuvor abgegeben habe, und auch eine entlastende Aussage bei Gericht in einem Miet-Streit. H. gibt das zu. Der Grund sei allerdings gewesen, dass sich Dora M. nicht an Absprachen gehalten habe. Sie habe zum Beispiel Bankunterlagen nicht, wie zugesagt, nachgereicht. Er habe „viele Lügen feststellen müssen“. H. spricht von einer gestörten Atmosphäre.

Dora M. fühlte sich unter Druck gesetzt

Er habe sie immer abwechselnd unter Druck gesetzt, und sei dann wieder nett zu ihr gewesen, habe ihr etwa Umzugskartons vorbeigebracht, sagt hingegen Dora M – „typisch“, sagt eine Frau von einer Frauenberatungsstelle im Publikum. Anfang Mai 2016 forderte er die Kartons aber plötzlich zurück, sagt Dora M. Weil die noch voll waren, habe er den Kaufpreis wiederhaben wollen. Sie habe ihm dann ihre letzten 50 Euro dafür geben müssen. Dabei habe er doch um ihre finanzielle Notlage gewusst. Detlef H. sagt, in Wahrheit habe Dora M. sich nicht an die Absprache gehalten, ihm seine 40 oder 50 Kartons schnell zurückzugeben. „Unanständig“ sei das gewesen. Schließlich habe er damit das Sterbezimmer seiner Mutter im Altenheim leerräumen müssen.

Warum sie nicht sofort am selben Abend Anzeige erstattet habe, will H.s Anwalt Oliver Dedow schließlich noch von Dora M. wissen. „Ich dachte, ich war alleine damit, und ich kann es ja eh nicht beweisen“, sagt Dora M. Zwei Jahre später traute sie sich dann doch. Am Freitag wird weiter verhandelt. Im Juli soll in Saal C 15 ein Urteil fallen.

Wolfram Hammer

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