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Norddeutschland Wie gefährlich ist der Wolf?
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18:05 23.05.2015
„Achtung, Wolf“: Brauchen wir bald dieses neue Verkehrszeichen? In Schleswig-Holstein steigt die Zahl der Autounfälle mit dem Raubtier. Quelle: fotolia
Kiel

Hauke Göttsch (CDU) zum Beispiel warf Grünen-Umweltminister Robert Habeck Untätigkeit vor: „Sie haben den Wolf verpennt.“ 38 ehrenamtliche Wolfsbetreuer, die Spuren des Tieres sichern, Schäden bei Schaf- und anderen Tierhaltern aufnehmen und sorgenvolle Bürger vor Ort beraten, seien einfach zu wenig. Der bislang mit der Koordinierung betraute Wildpark Eekholt habe schon vor einem halben Jahr gewarnt, er könne die Arbeit angesichts der steigenden Zahl von Fällen nicht mehr leisten. Habeck müsse das Netz dezentraler Ansprechpartner jetzt schnell verdichten. Er solle dazu die Jäger mit ins Boot holen, es könnten neben den Wolfsbetreuern aber auch speziell geschulte Polizeibeamte sein.

Kommentar zum Thema: Faszination und Furcht

In der Tat übertrifft die Zahl der Wolfs-Sichtungen alle Erwartungen der Experten an die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Tieres. Auch Göttsch selber hatte Habeck im Frühjahr 2013, als noch vor allem Hinterlassenschaften des Tieres gefunden wurden, vorgeworfen, das Thema aufzubauschen. „35 Betreuer für einen Haufen Wolfskot“, hatte Göttsch damals angesichts der 10000 Euro Ausbildungskosten für die Ehrenamtlichen gestöhnt. Habeck jedenfalls verteidigte sich gestern: Er stelle das Wolfs-Management ja gerade schon neu auf. Das Umwelt-Landesamt übernimmt die Koordinierung. Man müsse auch debattieren, ob und wann Wölfe mit allzu zutraulichem Verhalten erschossen werden. Wenn die Tierhalter-Verbände im Land es wünschten, werde er bei der EU zudem beantragen, die bisherige 15 000-Euro-Deckelung des Schadensersatzes bei Wolfs-Attacken zu kippen, damit das Land den tatsächlich entstandenen Schaden ersetzen kann.

Das forderte auch der CDU-Politiker Heiner Rickers. Reiße ein Wolf — wie in Niedersachsen geschehen — ein Fohlen oder treibe eine Kuhherde auf eine befahrene Straße, drohten Pferde-Haltern, Pensionsställen und Landwirten schließlich schnell deutlich höhere Schadenssummen. Eine Neuregelung hätte nach EU-Recht allerdings zur Folge, dass es Schadensersatz nur noch gibt, wenn die Tiere mit speziellen Zäunen geschützt gewesen sind, gab Habeck zu bedenken. Für die SPD wies Sandra Redmann darauf hin, dass in den letzten Jahren zwei Drittel aller Beißattacken auf Schafe von streunenden Hunden verübt worden seien. „Ja, aber die haben Besitzer, die in der Regel dafür haftbar gemacht werden können“, konterte Heiner Rickers.

Für die FDP schließlich warf ihr Umweltpolitiker Oliver Kumbartzky noch einmal die grundsätzliche Frage auf, ob Schleswig-Holstein denn überhaupt ein geeigneter Lebensraum für Wölfe sein könne.

Geringe Walddichte oder der hohe Anteil an Naturtourismus könnten Zweifel wecken, so der Liberale. In jedem Fall müsse sich das Land besser auf den Wolf vorbereiten und eine bessere Informationspolitik betreiben. Außerdem sollte der Wolf ins Jagdrecht aufgenommen werden, damit Jäger zum Beispiel von Autos angefahrene, schwerverletzte Wölfe schnell erlösen könnten.

Habeck lehnt das, wohl nicht zuletzt mit Rücksicht auf die Naturschutzverbände, ab. „Das Jagdrecht ist nicht die Lösung“, betonte der Minister. Allerdings würde ein solcher Schritt auch für viele Autofahrer mehr Rechtssicherheit bedeuten. Denn: Ist das Auto nicht voll-, sondern nur teilkaskoversichert, zahlt die Versicherung in der Regel nur für Schäden nach Unfällen mit Tieren, die im Jagdrecht als „Haarwild“ ausgewiesen sind. Autofahrer sollten in ihren Vertragsunterlagen nachsehen, ob ihr Tarif auch Unfälle mit anderen Tieren abdeckt, rät Diana Sprung von der Münchener ADAC-Zentrale. Im Normal-Teilkaskotarif seiner Versicherung seien Wolfs-Unfälle bislang nicht mit abgedeckt, sagt auch Tim Conrads aus der Marketingzentrale der Itzehoer Versicherungen. Das Phänomen sei ja aber auch noch sehr neu.

Erste Nachweise seit 1820
2007 wurde in Schleswig-Holstein zum ersten Mal seit 1820 wieder ein Wolf nachgewiesen. Seither zogen viele Tiere aus Rudeln in Sachsen und Niedersachsen kommend durchs Land bis nach Dänemark. Über zwanzigmal tappten sie in Fotofallen, hinterließen Kotspuren — oder rissen Schafe. Vier Wölfe wurden bei Verkehrsunfällen getötet, auf der A 1 zum Beispiel, aber zuletzt im März auch ein Tier in der Nähe von Bordesholm. Sorge bereitet vielen Bürgern und auch den Naturschützern die Gefahr, die von Wölfen ausgeht, die, wie zuletzt in der Nähe von Mölln, die Scheu vor dem Menschen verloren haben. Diese Tiere müssten notfalls erschossen werden, betont Umweltminister Robert Habeck. Anderenfalls würde die Akzeptanz des Artenschutzes gefährdet werden.

Wolfram Hammer

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