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Norddeutschland Wie gravierend ist der Lehrermangel wirklich?
Nachrichten Norddeutschland Wie gravierend ist der Lehrermangel wirklich?
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21:10 24.05.2018
Das Kieler Bildungsministerium sucht händeringend Lehrer-Nachwuchs.
Das Kieler Bildungsministerium sucht händeringend Lehrer-Nachwuchs. Quelle: dpa
Lübeck/Kiel

Derweil wird bekannt, dass schon jetzt offenbar immer mehr Lehrer ohne Lehrerausbildung an den Schulen unterrichten, um die schlimmsten Löcher zu stopfen. Die LN erfuhren: Allein an Lübecks Grundschulen sind aktuell 30 Vertretungskräfte eingesetzt, von denen nur drei ein zweites Staatsexamen aufweisen. Die Eignung solcher Bewerber werde lediglich von den Schulleitungen geprüft.

Schnellkurse, um diese Lehrer für den Unterricht fit zu machen, bietet das Land bislang nicht an. Schulen selbst würden sich ungern über die Zahl ihrer Vertretungskräfte auslassen, weil das schnell dem Ruf der Schule bei den Eltern schaden würde. Sie würden ihre Kinder dann anderswo anmelden, so die Befürchtung der Schulleiter.

Und so erwecken die offiziellen Statistiken des Bildungsministeriums bislang den Eindruck einer heilen Schulwelt. Nur 43 der 23.000 Lehrerstellen im Land seien nicht besetzt, sagt CDU-Bildungsministerin Karin Prien. Der SPD-Bildungspolitiker Martin Habersaat macht eine ganz andere Rechnung auf. Auf seine Anfrage hin musste das Bildungsministerium zugeben, dass schon 822 Stellen an allen Schularten mit Lehrern besetzt sind, die keine vollständige pädagogische Ausbildung besitzen. Gut 670 Stellen seien sogar mit Menschen ohne jede Lehramtsausbildung besetzt. Das Bildungsministerium ziehe zudem zunehmend Referendare für regulären Unterricht heran, sagt die Landeschefin der Lehrergewerkschaft GEW, Astrid Henke. Sie gehe davon aus, dass bald 1000 Stellen mit Lehrern ohne vollständige Lehrerausbildung besetzt sein werden.

Bildungsministerin stellt Fünf-Punkte-Programm vor

Regierung und Opposition schieben sich derweil gegenseitig den Schwarzen Peter zu. Nach einem Jahr im Amt müsse die Jamaika-Regierung das Problem nun endlich angehen, sagt Martin Habersaat. Die Jamaika-Koalitionäre kontern: Es sei doch die SPD gewesen, die bis 2017 regiert und das Problem nicht gelöst habe. Die Bildungsministerin immerhin erklärt: „Wir gehen davon aus, dass der Bedarf an Lehrkräften höher sein wird, als wir ihn heute decken können.“ Und so legte sie gestern im Landtag ein Fünf-Punkte-Programm zur Lehrernachwuchs-Gewinnung vor.

Künftig soll etwa auf Job-Messen und bei Oberstufenschülern für den Beruf geworben werden. Es soll an Schulen mehr Stellen fürs Freiwillige Soziale Jahr geben, weil Absolventen vielleicht ein Lehramtsstudium anschließen. Es soll eine Zusatzqualifizierung für Lehrkräfte mit ausländischem Studium geben, für Flüchtlinge etwa. Quereinsteiger wie Studenten technischer Fächer an den Fachhochschulen könnten sich künftig auch an allen weiterführenden Schulen als Lehrer für die Klassen 1 bis 10 bewerben. Außerdem sollen Lehrer, die ihren Ruhestand hinausschieben, mehr Gehalt bekommen. Die Zahl der Studienplätze für Sonderpädagogen werde erhöht, an der Uni Flensburg dazu eine Extra-Professur geschaffen.

Ministerium erarbeitet Bedarfsanalyse

Ob das alles ausreicht, ist offen. Im Bildungsministerium kann man nicht einmal sagen, wie viele Lehrer welcher Schulart mit welche Fächerkombination in den nächsten Jahren überhaupt gebraucht werden, um Pensionäre zu ersetzen und steigende Schülerzahlen – von derzeit 280.600 auf 287.000 im Schuljahr 2026/27 – aufzufangen. Das Computerprogramm gebe eine solche Auswertung noch nicht her, heißt es im Ministerium. Man arbeite erst an einer „Lehrkräftebedarfs-Analyse“. Der Auftrag für eine Machbarkeitsstudie sei bereits erteilt. Im Spätsommer könnte es womöglich erste Ergebnisse geben, sagt Karin Prien.

 Von Wolfram Hammer