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Norddeutschland „Es wird sein wie im Gefängnis“
Nachrichten Norddeutschland „Es wird sein wie im Gefängnis“
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17:29 16.03.2019
Ein dänischer Arbeiter baut am Wildschweinzaun an der dänischen Grenze bei Jardelund. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
Ellund

Unversehens gelangt man auf dem kleinen Grenzweg in Ellund, nördlich von Flensburg, auf dänisches Gebiet. Ein Schild weist nach Padborg in Dänemark, am Wegrand stehen einzelne Gehöfte. Sind sie noch deutsch oder schon dänisch? „Henrik Hansen“ steht auf einem Klingelschild. Der Mann, der öffnet, ist groß und kräftig, er lächelt freundlich. „Däne“, sagt er. „Mein Haus steht in Dänemark, aber der Weg hier, der ist schon deutsch. Und meine Scheune da drüben“, er weist auf die andere Seite, „ist auch deutsch.“

Der Zaun ist 1,50 Meter hoch

Alles offen, alles frei. Keine sichtbare Grenze. Doch damit soll es nach dem Willen der dänischen Regierung bald vorbei sein. Seit Anfang des Jahres bauen die Dänen einen Zaun – angeblich nur gegen Wildschweine, doch er soll an der gesamten Grenze verlaufen: massive Metallstäbe, 1,50 Meter hoch und 50 Zentimeter tief in der Erde. „Der soll genau um mein Haus führen“, hat Hansen erfahren. Ein roter Wimpel am Weggraben zeigt, wo es losgeht. „Furchtbar“, findet der Landwirt. „Es wird sein wie im Gefängnis.“

Gefragt worden sei er nicht. Die betroffenen Grundbesitzer würden enteignet, erklärt er. „Es geht um einen Streifen von einem Meter Breite, der für den Zaunbau benötigt wird.“ Das sind auf Hansens Land zusammen knapp drei Hektar. Sicher, es werde eine Entschädigung geben. „Um die Summe streite ich mich noch mit denen.“ Er müsse auch unterschreiben, dass in fünf Metern Abstand vom Zaun Wartungs- und Kontrollarbeiten durchgeführt werden dürften. Hansen gefällt das gar nicht. Er hat Land auf deutscher und dänischer Seite – sein Anwesen „Vilmkaergaard“ wird durchschnitten, die Bewirtschaftung erschwert. Wege bleiben zwar frei und werden vom Zaun nicht blockiert. „Mit der Bewässerungsanlage wird es aber nicht einfach sein, durchzukommen“, ahnt der Bauer.

Wer sind die Menschen, die mit dem neuen Wildschweinzaun leben müssen und was denken sie?

Ein Symbol der Trennung

Er sei hier groß geworden zur Zeit, als die Grenze bewacht wurde. „Das war nicht schön.“ Er weiß noch, wo die Häuschen der Grenzer standen, die regelmäßig auf dem Weg patrouillierten. Sie wechselten ständig. Sein Vater sei mehrfach verhaftet worden, weil er den Ausweis nicht dabei hatte. „Unsere deutschen Arbeiter mussten in der Scheune essen, sie durften nicht zu uns ins Haus.“ All das wünscht Hansen sich nicht zurück. Der Zaun weckt ungute Erinnerungen. „Ein Symbol der Trennung. Ein Rückschritt.“

So wird es auch im deutschen Ellund gesehen, einem Ortsteil der Gemeinde Handewitt im Kreis Schleswig-Flensburg. Im „Drugstore Ellund“, einem kleinen Imbiss, stehen Jan Nissen (58) und Uwe Ingwersen (61), vor sich eine Portion Pommes, und blicken nachdenklich aus dem Fenster, auf das der kalte Regen klatscht. Jan hat ein Video auf dem Handy, das zeigt, wie ein Wildschwein eine 1,50 Meter hohe Hecke überspringt. „Das schaffen die locker.“ Der Zaun „gegen die deutschen Schweine“ sei ein Witz. „Geld verbrennen ist das, sonst nichts.“

Der Zaun

Das dänische Parlament hat entschieden, dass der Zaun gebaut wird. Er wird 70 Kilometer lang, 1,50 Meter hoch und reicht 50 Zentimeter tief in die Erde. Er soll Wildschweine daran hindern, von Schleswig-Holstein nach Dänemark zu wandern. Die Afrikanische Schweinepest (ASP) soll so nicht ins Land gelangen. Für Kleintiere werden Löcher gelassen. Baubeginn: Ende Januar (Beschluss: August 2018). Kosten: zehn Millionen Euro.

Rund zwölf Millionen Schweine (ohne Ferkel) werden in Dänemark in mehr als 3000 Betrieben gehalten. Sollte der Schweinepest-Erreger auf dänische Bestände übertragen werden, müssten alle Ausfuhren in Nicht-EU-Länder gestoppt werden. Exporteinnahmen im Wert von rund vier Milliarden Euro (davon 1,5 Milliarden außerhalb der EU) pro Jahr drohten dann wegzufallen, warnt das dänische Umwelt- und Lebensmittelministerium. Im Ranking der wichtigsten Exportgüter liegen Schweinefleisch und der Export von Schweinen (Ferkel) auf Platz zwei der Statistik. Dänemark exportiert 14 Millionen Ferkel in EU-Länder (Deutschland, Polen und Niederlande).

Die Übertragung der Schweinepest geschieht laut Friedrich-Löffler Institut nicht nur durch direkten Kontakt mit infizierten Tieren. Speiseabfällen oder Schweinefleischerzeugnisse sowie andere indirekte Übertragungswege (Fahrzeuge, kontaminierte Ausrüstungsgegenstände einschließlich Jagdausrüstung, landwirtschaftlich genutzte Geräte und Maschinen, Kleidung). Die stark infizierten Gebiete liegen in Osteuropa. Deutschland ist bislang schweinepestfrei, die Ausbreitung gilt jedoch als wahrscheinlich. Für den Menschen ist die ASP ungefährlich.

Das Damwild, das beiderseits der Grenze lebe, werde nicht mehr wechseln können, befürchtet er. Die Nachbarschaft zu den Dänen sei eigentlich gut, sagt Uwe. „Ich hab’ ja jahrelang da gearbeitet.“ Jan schüttelt den Kopf. „Die laufen komplett anders, Uwe“, gibt er zu bedenken. „Deshalb sind es Dänen.“ Er holt sich ein Bier. „Aber das Verhältnis ist gut“, beharrt Uwe. Bei den Dänen werde nicht palavert, gibt Jan zurück. „Was ein Polizist da sagt, das ist Gesetz.“ Deshalb sitze in dänischen Streifenwagen immer nur ein Beamter, nicht zwei, wie in Deutschland. Und so sei es auch mit dem Zaun. „Das wurde beschlossen, und jetzt wird es gemacht.“

Wirtin Christa Doppeck (64) räumt die leeren Pommesteller ab. Von dem Zaun bekomme sie nichts mit, bemerkt sie schulterzuckend. „Ab und zu unterhält einer sich drüber.“ Dänen kämen kaum zu ihr in den Imbiss. Trotz „hausgemachter Frikadellen und Coffee to go“, die auf einem handgeschriebenen Schild auf dem Parkplatz angepriesen werden.

Hindernis beim Pilze suchen

Auch Anwohnerin Gertrud Werner (72) aus Ellund-West ist „nicht so“ für den Zaun. „Der verschandelt die Gegend“, ist ihre Meinung – und nutzlos sei er auch. „Hier gibt es doch fast gar keine Wildschweine.“ Im Herbst, wenn sie und ihr Mann im Grenzwald Pilze suchen, wie jedes Jahr, werde sie der Zaun stören.

Handewitts Bürgermeister Thomas Rasmussen (53) teilt diese Haltung. „Die Wirksamkeit des Zauns gegen die Afrikanische Schweinepest ist zweifelhaft.“ Es gebe zu viele Durchlässe, an Wegen, Straßen und Eisenbahnschienen könnten auch Sauen problemlos auf die dänische Seite wechseln.

Vorigen Sommer, nachdem die dänische Umweltbehörde den Zaunbau genehmigt habe, hätten die Bürger von Handewitt eine Resolution dagegen verabschiedet. Und zwar vor allem deswegen, weil der Zaun für Abschottung stehe, für Separation. „So etwas kennen wir hier im Grenzland eigentlich schon lange nicht mehr.“ Seit Jahrzehnten lebe man mit einer offenen Grenze. Es gebe Kooperationen der Feuerwehren, man helfe sich bei größeren Einsätzen. Er sei kein Däne, ergänzt Rasmussen noch, auch wenn sein Name so klinge, er habe aber dänische Vorfahren, „wie viele hier“.

Fertig gebaut bis November

An der Zaunbaustelle bei Jardelund steht Sven Nicolaysen-Dlubatz (60) mit seinen zwei Jagdhunden und sieht zu, wie orange gekleidete Arbeiter die Zaunteile verschrauben und mit Baggern Erde aufschütten. Wo die Straße über den ehemaligen Grenzkontrollposten von Jardelund nach Sofiedal in Dänemark führt, ist der Zaun unterbrochen. „Wildschweine kommen hier genauso durch wie eventuell Flüchtlinge“, stellt der Jäger und Hegeringleiter fest.

Dass der Zaun in Wahrheit Flüchtlinge aufhalten solle, werde immer wieder diskutiert. Aber wer den Zaun sehe, der könne beides nicht mehr ernsthaft behaupten. So wenig der Zaun gegen irgendetwas helfe, so sehr störe er doch. „Das macht was in den Köpfen.“ Die alte Grenze sei plötzlich wieder da.

Bis November solle alles fertig sein, verrät ein Arbeiter, der seinen Namen nicht nennen will. Er verschraubt die Zaunelemente mit Metallklammern. „50 000 Stück davon muss ich setzen. “ Nur vier Arbeiter seien beschäftigt, von unterschiedlichen Firmen. Bis an die Nordsee soll der Zaun führen.

Auch dort, im Rickelsbüller Koog bei Rodenäs, sind schon 1800 Meter Schweinezaun errichtet. Wolfgang Stapelfeld (57), Vorsitzender des Kreisbauernverbands Südtondern in Nordfriesland, hat es sich angesehen. Er habe Verständnis für Dänemark, wo es gelte, große Schweinemastanlagen zu schützen. „Auch wir hier in Nordfriesland haben ja große Schweinemastbetriebe mit bis zu 1000 oder mehr Tieren.“

Doch die Dänen exportierten nach Asien, unter anderem nach China, diese Märkte seien sehr sensibel. „Die Dänen wollen ein Signal setzen, dass sie etwas tun.“ Dennoch sehe er das Bauwerk, das auf die Initiative der dänischen Rechtspopulisten von der Dansk Folkeparti zurückgehe, kritisch. „Als Bewohner der Grenzregion gefällt uns die Symbolkraft des Zaunes nicht.“ Aus Sicht des Bauernverbandes könne die Investition in den Grenzzaun sinnvoller da verwendet werden, wo die Schweinepest aktiv bekämpft werden müsse, vor allem in Polen und anderen osteuropäischen Staaten. Dort fehle oft das Geld für effektive Maßnahmen.

Naturschützer lehnen den Zaun ebenso ab, bestätigt Fritz Laß (75) von der Umweltorganisation BUND in Schleswig. Die Barriere bringe die Lebensgewohnheiten der Wildtiere durcheinander, weil er ihre Reviere durchschneide.

Landesregierung hat Zweifel am Sinn des Zauns

Selbst die Kieler Landesregierung kann das Geschehen nur beobachten. Über Einzelheiten des Zaunbaus, wie etwa beteiligte Firmen, sei man nicht informiert, sagt Joschka Touré, Pressesprecher des Umweltministeriums. „An der Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit eines Zauns zwischen Dänemark und Schleswig-Holstein haben wir erhebliche Zweifel“, erklärt Minister Jan-Philipp Albrecht (Grüne).

Das ASP-Virus breite sich vor allem über Menschen aus: durch Tiertransporte, Jagdreisen, infizierte Lebensmittel. Er würde so auch weiterhin in die dänische Wildschweinpopulation gelangen können. Im bislang ASP-freien Schleswig-Holstein würden Zäune vorgehalten, um im Falle eines Ausbruchs einzelne Gebiete einzugrenzen, in denen der Wildschweinbestand getilgt werden müsse. „Prophylaktisch werden wir das jedoch nicht tun“, sagt Albrecht.

In Jardelund erlebt Anwohner Martin Krüger (51) derweil seit Tagen die Arbeiten, er wohnt unmittelbar am Zaun. Und findet die Idee gut. „Das bringt was.“ Die Schweinepest dürfe nicht nach Dänemark gelangen, betont er. Das betreffe auch ihn selbst: Er arbeite als Lohnunternehmer – in Dänemark.

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