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Norddeutschland Wieder Anschlag auf ein Flüchtlingsheim
Nachrichten Norddeutschland Wieder Anschlag auf ein Flüchtlingsheim
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22:06 12.10.2015
Stefan Urbanek.
Boizenburg

Die Serie von Übergriffen auf Flüchtlingsheime reißt auch im Norden nicht ab: In der Nacht zu gestern brannte eine für Flüchtlinge vorgesehene Unterkunft in Boizenburg (Kreis Ludwigslust-Parchim) bei Lauenburg fast vollständig nieder. Brandstiftung gilt als sicher. Verletzt wurde zum Glück niemand.

In das historische Fachwerkhaus gegenüber der früheren Elbe-Werft sollten erst in einigen Tagen 40 syrische Flüchtlinge einquartiert werden. Angesichts der Zerstörung ist das nun nicht mehr möglich.

Das Gebäude ist nahezu vollständig ausgebrannt, die Polizei schätzt den Schaden auf mindestens 360000 Euro.

„Ich bin einfach nur geschockt“, sagte Boizenburgs Bürgermeister Harald Jäschke (parteilos) am Montag nach dem Feuer. 16 Zimmer sollten in dem Fachwerkhaus vom Landkreis Ludwigslust-Parchim eingerichtet werden. Offenbar waren aber nicht alle der 10 000 Einwohner der Elbestadt, in dessen Kommunalparlament die NPD mit einem Sitzt vertreten ist, damit einverstanden: „Bisher haben wir von der Flüchtlingswelle in der Stadt nicht viel mitbekommen“, sagte Jäschke. Doch jetzt, wo die ersten Flüchtlinge nach Boizenburg kommen sollten, „ist die Stimmung schon schlecht, die Menschen haben Angst vor dem Unbekannten und Fremden“, räumte er ein.

Fremdenfeindliche Schmierereien habe es im Umfeld des Feuers nicht gegeben, sagte Polizeisprecherin Isabel Wenzel in Rostock. Und auch von Drohungen gegen Flüchtlinge oder die Unterkunft im Vorfeld des Anschlags sei bisher nichts bekannt geworden. Dass es sich um Brandstiftung gehandelt hat, gilt nach den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft in Schwerin aber als sicher. Zu diesem Schluss sei ein Sachverständiger vor Ort gekommen, sagte Oberstaatsanwalt Stefan Urbanek. Aber auch „äußere Anzeichen“ deuteten auf eine vorsätzliche Tat hin. „Die Fenster des Gebäudes waren geöffnet, obwohl der Träger der Einrichtung versichert hat, dass sie am Vorabend geschlossen waren.“ Möglicherweise haben der oder die Täter damit für Luftzug sorgen wollen, um das Feuer anzufachen. „Wir ermitteln jetzt mit Hochdruck.“

Mecklenburg-Vorpommern hat in den vergangenen Wochen bereits mehrere Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte erlebt. In Trassenheide auf Usedom schleuderten Unbekannte am Sonntag einen Molotow-Cocktail gegen eine geplante Unterkunft. Größerer Schaden entstand nicht. In Laage bei Rostock brannte im September der Dachstuhl eines Asylbewerberheims aus.

In Schleswig-Holstein wurden bislang zwei Brandstiftungen in Unterkünften gezählt: am 29. Juni in Lübeck-Kücknitz und am 9. Februar im lauenburgischen Escheburg. Dort handelte es sich bei dem Täter um einen Anwohner. Der 39-jährige Finanzbeamte war im Mai zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren verurteilt worden. Er hatte als Motiv „Angst“ vor den Flüchtlingen angegeben. Dagegen ist die Brandstiftung von Kücknitz weiterhin nicht aufgeklärt. Die Staatsanwaltschaft hat 10 000 Euro Belohnung ausgesetzt.

Fremdenfeindliche Taten
21 politisch motivierte Übergriffe in Zusammenhang mit Flüchtlingsunterkünften hat es seit Anfang des Jahres in Schleswig-Holstein gegeben. Nach Angaben des Landeskriminalamtes handelte es sich in den meisten Fällen (8) um Sachbeschädigung. Ermittelt wird aber auch wegen Körperverletzung, Volksverhetzung, Landfriedensbruch, Brandstiftung sowie Androhung von Straftaten. Ein neues Phänomen: 2013 und 2014 gab es keinen solchen Fall im Norden.

Oliver Vogt und Timo Jann