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Norddeutschland Angst vor dem bösen Wolf
Nachrichten Norddeutschland Angst vor dem bösen Wolf
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17:48 23.02.2019
Falco Jeske (15) aus Heidmoor mit einem Lamm. Quelle: Wolfgang Maxwitat
Rethwisch/Westerhorn/Heidmoor

Wenn man Bauer Klaus Otto Magnussen (52) aus Rethwisch (Kreis Steinburg) dieser Tage fragte, wo der Problemwolf gerade ist, brauchte er nicht lange nachzudenken. „Gestern war er da. Vorgestern auch. Und den Tag davor.“ Jedes Mal hat Wolf GW 924m ein Schaf gerissen. Insgesamt seien es zwölf Besuche des Räubers gewesen, sagt Magnussen.

HanseTalk über den Wolf

Reden wir über den Wolf: Am Montag, 1. April, laden die LN zu einem HanseTalk ins Europäische Hansemuseum.

In Schleswig-Holstein siedeln sich wieder Wölfe an. Was Artenschützer begrüßen, wird von Schafzüchtern scharf kritisiert. In beinahe 100 Fällen hat es Attacken auf Schafe oder andere Nutztiere gegeben. Darüber wollen wir beim HanseTalk sprechen: Was ist der richtige Umgang mit dem umstrittenen Tier? Wie müssen Nutztiere geschützt werden? Zu der Podiumsdiskussion haben wir kompetente Gäste eingeladen, darunter Schleswig-Holsteins Umweltminister Jan Philipp Albrecht (Grüne). Auch das Publikum kommt zu Wort.

Möchten Sie diese Debatte miterleben und am Montag, 1. April 2019 um 18.30 Uhr (Einlass 18 Uhr) im Hansemuseum dabei sein? Dann melden Sie sich bitte hier an.

Problemwolf 924m hinterließ bislang eine blutige Spur,. Der Rüde stammt aus Dänemark. Seit Juni 2018 hält er sich nachweislich in Schleswig-Holstein auf. Weil er sich auf Nutztiere spezialisierte und selbst wolfssichere Zäune übersprang, wurde er vom Land vor drei Wochen zum Abschuss freigegeben.

Warum er so lange nicht geschossen worden ist und weiter zuschlagen konnte, versteht Magnussen nicht. „Ich habe hier keinen Jäger gesehen. Dabei sei es doch sinnvoll, ein gerissenes Schaf liegenzulassen und dort abzuwarten, bis Meister Isegrim wiederkommt. „Da hätte ich sofort mitgemacht“, meint der Landwirt.

Sie haben Tiere verloren und leiden unter ständig neuen Attacken: Die Landwirte, bei denen der Problemwolf herumstreicht.

Geheime Jäger „Task-Force“

Doch um die vom Land beauftragte Jägergruppe wird ein großes Geheimnis gemacht. „Wir sind nicht beteiligt worden“, bedauert Wolfgang Heins (62), Präsident des Landesjagdverbandes (LJV) und Kreisjägermeister von Pinneberg, wo der Wolf ebenfalls aktiv ist. Entgegen dem Vorschlag des Jagdverbandes, die in den betroffenen Revieren jagenden Jäger einzubeziehen, sei eine „Task-Force“ aus Wolfsbetreuern mit Jagdschein gebildet worden. Angeblich sei dies rechtlich nicht anders möglich. Immerhin sei ein Verbindungsmann installiert worden, um die Revierinhaber zu informieren, falls in ihrem Bereich dem Wolf nachgestelllt werden sollte.

Die Informationspolitik des Landes ist für die meisten betroffenen schwer nachvollziehbar. „Meine E-Mails werden nicht beantwortet“, ärgert sich Klaus Otto Magnussen, der für 40 Hektar Weideland über das Ministerium einen wolfssicheren Zaun bestellt hat. Die Lieferung aber lasse auf sich warten. Dabei drängt die Zeit, denn ab dem 15. März werden die Kreise Steinburg, Pinneberg. Segeberg und Dithmarschen Wolfs-Präventionsgebiet. Das bedeutet, dass die Herden wie bisher schon im Kreis Herzogtum Lauenburg eingefriedet sein müssen – wolfssicher.

„Das Ministerium übernimmt die Kosten“, bestätigt Joschka Touré (27), Sprecher des Kieler Umweltministeriums. Tatsächlich aber sei das Zaunmaterial begrenzt. „Wir haben nicht für alle Betroffenen sofort Zäune“, bestätigt Touré. Zunächst würden die größten Schafhalter bedient. Wem dadurch weitere Verluste durch Wolfsrisse entstünden, der könne vorerst nur Entschädigung beantragen. „Es werden auf Hochtouren Zäune angekauft.“

Bauer nervlich am Ende

Für Magnussen, der 200 Schafe hat, und andere kleinere Nutztierhalter eine äußerst unbefriedigende Situation. Er sei frustriert, sagt der Landwirt, die vielen Risse und fast täglich der Anblick neuer toter Tiere nagten an seinem Nervenkostüm. „Es begann Anfang letzten Jahres“, erinnert er sich. „Anfangs hieß es noch, das wären wildernde Hunde gewesen.“ Dann sei ein Kalb angefressen worden. „Ein 300-Kilo-Rind. Es hatte ein großes Loch in der Keule, auch ein Ohr war angebissen.“ Oft seien die verletzten Tiere noch am Leben, müssten eingeschläfert werden. Trächtige Schafe würden nach einem Wolfsangriff oft verlammen, also ihren Nachwuchs verlieren, auch wenn sie äußerlich unverletzt seien. Einige der getöteten Lämmer habe er gemeinsam mit seiner Tochter Jette (8) mit der Flasche aufgezogen. Für die Tochter sei es besonders schlimm gewesen. Seit Oktober hätten die Vorfälle sich gehäuft. „Irgendwann ist man am Ende.“

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Timm Glöyer (44), ein Nachbar von Klaus Otto Magnussen aus Rethwisch, hat zwei Kälber verloren. „Die Kuh hatte im Juni auf der Weide gekalbt, es waren zwei Kälber, Zwillinge“, erzählt er. Der Wolfsmanager sei gekommen, um den Riss zu untersuchen. „Ein Ergebnis haben wir bis heute nicht bekommen. Obwohl ich zig Mal angerufen habe.“ Dann seien die Risse immer mehr geworden. „Ich habe die Fährte gesehen“, sagt der Landwirt und Jäger. Eine Pranke von der Größe einer Männerhand. „Man mag seine Tiere nicht mehr grasen lassen.“ Die Schafe seien hinter dem Hof, die Rinder im Stall.

Kinder dürfen abends nicht alleine raus

Gerade jetzt, wo die Lammzeit beginnt, ist die Angst groß. Das geht auch Nicole Kruse (34) aus Westerhorn im Kreis Pinneberg so. 400 Schafe hat sie, viele haben schon Lämmer. Und in ein bis zwei Wochen sollen die ersten auf die Weide zurück. Derzeit sind sie im Stall. Draußen auf der Wiese wäre es der Schafhalterin, die durch den Wolf fünf Mal Tiere verloren hat, zu gefährlich. „Das gilt auch für unsere Kälber.“ Auch um ihre drei Kinder Max (3), Finn (6) und Kimberly (11) macht sie sich Sorgen. „Ich möchte nicht mehr, dass sie im Dunkeln alleine draußen sind. Wenn sie abends bei Freunden sind, hole ich sie lieber ab.“

Zahl der Wölfe

Die Zahl der Wölfe in Deutschland steigt weiter an. Der Deutsche Jagdverband (DJV) schätzt, dass rund 1000 Wölfe in Deutschland leben, vor einigen Jahren seien es noch einige hundert gewesen. Offizielle Zahlen des Bundesamtes für Naturschutz gehen von über 200 Wölfen aus. Eine Gesamtzahl könne nicht seriös angegeben werden. In Schleswig-Holstein sind drei residente Wölfe bekannt, möglicherweise gibt es einen vierten, weiß das Umweltministerium. Ein Rudel gibt es bisher nicht. Bundesweit seien nach jüngsten Daten 73 Rudel und damit 13 mehr als im Vorjahreszeitraum bestätigt. In der Roten Liste der gefährdeten Tiere Deutschlands (2009) wird der Wolf als eine vom Aussterben bedrohte Art eingestuft. Nach Angaben der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) haben Wölfe 2017 genau 1667 Nutztiere getötet oder verletzt. Das sind 55 Prozent mehr als im Jahr davor, die Zahl der offiziell erfassten Angriffe stieg sogar um zwei Drittel.

Die Landwirte sind sich einig: „Der Wolf ist ein schönes Tier“, gibt Nicole Kruse zu. „Aber hier gehört er nicht hin.“ „Es wäre doch viel einfacher, den Wolf in einem eingezäunten Bereich zu halten, anstatt alle Nutztiere auf der Weide einzuzäunen“, schimpft auch Landwirt Udo Jeske (52) aus Heidmoor im Kreis Segeberg. Er erinnert sich noch genau an den 14. Juli, als der Wolf drei Schafe holte. „Wir haben nur 40 Tiere, sie sind das Hobby meines Sohnes.“ Falco Jeske (15) sei am Morgen kurz nach sechs Uhr durch den Lärm der Schafe wach geworden, einige Tiere waren ausgebrochen und auf den Hof gelaufen. Er setzte sich sofort auf sein Fahrrad und fuhr zur Weide. Dort fand er die blutigen Tiere. Zwei waren tot, eins lebte noch. „Er ist weinend zurückgekommen“, berichtet der Vater. Der Tierarzt habe das verletzte Lamm einschläfern müssen, der Wolfsbetreuer sei gekommen. Der habe erst infrage gestellt, dass es wirklich ein Wolf gewesen sei, und dann geprüft, ob es einen wolfssicheren Zaun gab. „Das geht doch einen Schritt zu weit“, findet Udo Jeske. Jetzt hat er die Schafe dicht am Haus, er hofft, dass sie dort sicher sind. „Wir trauen uns nicht, sie auf die Flächen zu bringen, die sie eigentlich beweiden sollen.“

Bauern wollen wolfsfreie Gebiete

Schaf-, Rinder und Pferdehalter seien gleichermaßen betroffen, weiß Hans Heinrich von Maydell (58), Rechtsexperte des Landesbauernverbandes. Die Stimmung bei den Haltern sei „tatsächlich schlecht“. „Die Landwirte sind in einer emotionalen Ausnahmesituation“, hat er auf Versammlungen erfahren. „Sie fühlen sich nicht richtig gehört. Das kann ich nachvollziehen.“ Auch für ihn ist klar: „Die Entnahme eines Wolfes löst das Problem nicht.“ Anders als Naturschützer, die wolfsfreie Gebiete für nicht mehr für möglich halten, spricht er sich für solche Zonen aus, in denen Wölfe nicht geduldet werden dürften. Dies müsse durch „regelmäßiges Entnehmen“ sichergestellt werden. „Das Land muss sich überlegen, ob und wie viele Wölfe es vertragen kann.“ Derzeit wachse der Bestand deutschlandweit kontinuierlich an. In ein paar Jahren, so der Jurist, werde man auch in Schleswig-Holstein über die Aufnahme des Wolfes in das Jagdrecht nachdenken müssen.

Ein Ende des Wolfs-Liedes ist für Udo Jeske und andere Landwirte jedenfalls noch lange nicht in Sicht. „Die Bestände werden weiter wachsen“, vermutet er. „Das ist so gewollt.“ Für ihn und die anderen Betroffenen ist klar: Selbst wenn der eine Problemwolf geschossen sei, werde dies das Problem nicht lösen, formuliert Magnussen. „Dann kommt irgendwann der nächste.“

Der Problemwolf

Nicht nur dem Problemwolf in Schleswig-Holstein soll es an den Kragen gehen, auch in Niedersachsen soll ein Tier geschossen werden. Der Wolf hat im Landkreis Nienburg zahlreiche Nutztiere getötet, darunter sogar Pferde und Rinder. Die zuständigen Behörden haben eine Ausnahmegenehmigung für den Abschuss der Tiere erteilt. In Schleswig-Holstein soll Rüde GW924m getötet werden.

Wann darf ein Wolf geschossen werden?

Wölfe sind in Deutschland streng geschützt. Außer dem Bundesnaturschutzgesetz ist das auch in EU-Vorgaben geregelt. Die Tiere dürfen in Deutschland nicht gejagt werden. Eine Abschussgenehmigung kann aber im Ausnahmefall nach Paragraf 45 des Bundesnaturschutzgesetzes erteilt werden. Bestimmte Tiere dürfen dann getötet werden, wenn von ihnen eine Gefahr für den Menschen ausgeht oder erheblicher wirtschaftlicher Schaden durch sie zu erwarten ist.

Was ist die juristische Grundlage bei GW924m in Schleswig-Holstein?

Die Genehmigung zum Abschuss hat das dem Umweltministerium in Kiel zugeordnete Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume Ende Januar erteilt. Der aus Dänemark nach Schleswig-Holstein gekommene Rüde ist für mehrere Schafsrisse hinter vermeintlich wolfssicheren Zäunen im Kreis Pinneberg verantwortlich.

Wurden in Deutschland schon Problemwölfe geschossen?

Ja. Seit der Rückkehr von Canis lupus nach der Wiedervereinigung wurden in Deutschland bereits zwei Wölfe legal getötet. Der bundesweit erste war der im Internet „Kurti“ genannte MT6. Er wurde im April 2016 in der Lüneburger Heide geschossen. Dieses Schicksal ereilte im Februar vergangenen Jahres auch einen Wolf in Sachsen.

Wer soll GW924m töten?

„Eine Gruppe ausgewiesener Fachleute unter intensiver Einbeziehung des Landesjagdverbandes Schleswig-Holstein wird nun mit der schwierigen Aufgabe betraut, den Wolf zu erlegen“, sagte Umweltminister Jan Philipp Albrecht (Grüne) Ende Januar. Näheres soll derzeit nicht öffentlich gemacht werden.

Wie lange dauert es normalerweise?

Über einen Zeitrahmen kann niemand verlässliche Angaben machen. GW924m in Schleswig-Holstein trägt kein Halsband, die Gefahr einer Verwechslung ist aber gering. In Niedersachsen soll es nach Angaben der Landesjägerschaft rund 250 Wölfe geben, im nördlichsten Bundesland dagegen nur 4. In Niedersachsen sind 22 Rudel nachgewiesen, in Schleswig-Holstein noch keine.

Warum heißt der Wolf GW924m?

„GW“ steht für einen Grauwolf (engl.: Grey Wolf). Danach kommt die Codenummer des Senckenberg-Institutes, beim Schleswig-Holsteiner Rüden ist es 924. Das kleine „m“ am Ende zeigt, dass es sich um ein männliches Tier handelt (engl.: male).

Welche extremen Haltungen gibt es beim Thema Wolf?

Einige Wolfsgegner wollen den Tieren in Deutschland keinerlei Raum geben. Andere fordern eine Obergrenze oder wolfsfreie Zonen, um vor allem Nutztiere zu schützen. Auf der anderen Seite stehen Tierschützer, die den Abschuss auch von Problemwölfen strikt ablehnen.

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