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Norddeutschland Wolfshund in Rostocker Innenstadt erschossen: So reagiert die Halterin von „Mr. Blue“
Nachrichten Norddeutschland Wolfshund in Rostocker Innenstadt erschossen: So reagiert die Halterin von „Mr. Blue“
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09:20 29.10.2019
"Mr. Blue", hier mit seiner Halterin Nadin Ruck (38), war ein dreijähriger Wolfshund-Mischling aus Dierhagen. Quelle: privat
Dierhagen/Rostock

„Mr. Blue“ ist tot – erschossen in Rostock, weil der Hund für einen Wolf gehalten wurde. Die Anwohner von Dierhagen am Fischland sind bestürzt. Denn „Mr. Blue“ war wegen seines wolfsähnlichen Aussehens und seines friedlichen Gemüts im Dorf bekannt wie ein bunter Hund.

Torsten Lehmann, Nachbar der Halterin Nadin Ruck, sagt gegenüber der Ostsee-Zeitung: „Der war nicht gefährlich. Das ist totaler Blödsinn. Das war ein ganz lieber Hund, der hier oft durchs Dorf lief oder in der Einfahrt lag.“

Im Rostocker Stadthafen riss Mr. Blue sich von der Leine los

In der Nacht zu Samstag jedoch ist „Mr. Blue“ ausgebüxt und durch die Rostocker Innenstadt geirrt. Als Nadin Ruck mit ihm an der Leine im Stadthafen unterwegs gewesen ist, hat in ihrer Nähe jemand einen Böller gezündet, der Hund hat sich erschrocken, ist aus dem Halsband raus und über die Straße abgehauen. Kurz nach Mitternacht sahen Passanten den Hund in der Kröpi und riefen die Polizei. Sie hielten „Mr. Blue“ für einen Wolf.

In der Tat sieht das Tier aus wie ein Wolf. 30 Kilogramm schwer, mehr als einen halben Meter hoch, sogar die bernsteinfarbenen Augen eines Wolfs stimmten. Auch die Beamten von Polizei und Feuerwehr, die das Tier im Klostergarten stellen konnten, hielten „Mr. Blue“ für einen Wolf. Rostocks Pressesprecher Ulrich Kunze sagt: „Den Beamten ist kein Vorwurf zu machen, da sie von Anfang an davon ausgegangen sind, einen Wolf vor sich zu haben.“

Da sich das Tier aggressiv verhalten habe, sei gar keine andere Wahl geblieben, als „Mr. Blue“ zu erschießen. Kunz: „Erschossen wurde das Tier übrigens in der Kröpi auf Höhe von C & A und nicht im Klostergarten.“ Das hatte die Feuerwehr zuvor fälschlicherweise mitgeteilt.

"Mr. Blue", war ein dreijähriger Wolfshund-Mischling aus Dierhagen. Quelle: privat

„Ich weiß nicht, ob man gleich schießen musste.“

Halterin Nadin Ruck, die in Rostock wegen ihrer Stände auf dem historischen Weihnachtsmarkt bekannt ist, steht noch unter Schock, zeigt aber Verständnis: „Natürlich bin ich stocksauer und bestürzt. Aber ich mache niemandem einen Vorwurf. Da muss man neutral sein. Letztlich ist die Entscheidung zur Sicherheit von Rostock getroffen worden, aber ich weiß nicht, ob man da gleich schießen musste.“

Mr. Blue sei oft mit auf den Märkten gewesen und habe neben ihren Ständen gelegen und nie jemandem Angst gemacht. „Dieser Hund war nie aggressiv. Die haben in der Situation alle überreagiert, weil sie gedacht haben, dass das ein Wolf ist“, sagt sie.

Selbst Feuerwehrleute, die den Kadaver des Tieres am Samstag in der Kühlung liegen gesehen haben, sprachen von einem toten Wolf, der in der Innenstadt erschossen wurde. Kunz sagt: „Bis die Halterin sich Samstag bei der Feuerwehr gemeldet hat, sind alle davon ausgegangen, dass das ein Wolf gewesen ist.“ Nadin Ruck hat das tote Tier bereits abgeholt, nachdem es vom Amtsveterinär als Wolfshund identifiziert, wurde und zu Hause beerdigt. „Mr. Blue“, so Nadin Ruck, war ein Mischling aus einem Tschechoslowakischen Wolfhund und einem Saarlooswolfhund aus den Niederlanden.

Mix aus Tschechoslowakischem Wolfshund und Saarlooswolfhund

Der Hund, der in der Nacht zu Samstag in der Rostocker Fußgängerzone erschossen wurde, war ein Mix aus Tschechoslowakischem Wolfshund und Saarlooswolfhund. Beide Rassen wurden in der Tschechoslowakei und den Niederlanden seit den 50er-Jahren gezüchtet. Damals hoffte man, bessere Polizei- und Hütehunde zu bekommen, was nicht gelang, da sich die Wesensmerkmale des Wolfes (scheu, vorsichtig, kaum an den Menschen zu sozialisieren) ebenso durchsetzten wie die des Schäferhundes (sozial, intelligent, gelehrsam). Den ersten bekannten Mix aus Wolf und Schäferhund gab es 1958 in den Karpaten. Die Tiere sind bis zu 65 Zentimeter hoch und 20 (Weibchen) bis 35 Kilogramm (Rüde) schwer und haben in Fell, Statur und sogar den Bernsteinfarbenen Augen das Äußere eines Wolfes.

Wolfshunde fallen nicht unter Kampfhunde-Verordnung

Da das Tier ohne Halsband unterwegs gewesen ist und es auch schon dunkel war, sei es von den Beamten von der „Gefahrenabwehr Tier“ der Feuerwehr auch nicht als Hund zu erkennen gewesen. Daher sei die Entscheidung das Tier, das mitten in der Fußgängerzone unterwegs war und von dem Gefahr ausging, zu erschießen, richtig gewesen, sagt Kunze.

"Mr. Blue" am Strand. Quelle: privat

Laut Innenministerium fällt die Rasse nicht unter die Kampfhunde-Verordnung und somit sei der Halterin auch kein Vorwurf zu machen. Die Verordnung verlangt von Haltern von American Pitbull Terriern, American Staffordshire Terriern, Staffordshire Bull Terriern, Bull Terriern und Mischlingen aus diesen Rassen eine u.a. Hundeführer-Bescheinigung. Der Wolfshund-Mix sieht einem Wolf zwar sehr ähnlich, gilt aber weder als gefährliches noch als wildes Tier.

Shitstorm wie beim Tod von Zebra „Pumba“

Es kommt in MV immer wieder zu Begegnungen mit wilden Tieren – von Nandus über Elche bis zu Wildschweinen – die tödlich enden. Anfang Oktober hatten Feuerwehrleute aus Rostock nahe Tessin das Zebra „Pumba“ erschossen, das aus einem Zirkus ausgebrochen war. „Pumbas“ Tod löste vor allem in sozialen Medien einen Shitstorm aus. Auch der Tod von „Mr. Blue“ hat auf Facebook Proteste ausgelöst. Dort ist von „Sauerei“ die Rede oder einem Vorgehen der Beamten, das „unfassbar dämlich“ sei.

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Von Michael Meyer