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Norddeutschland 19 gesunde Zähne bei Frau gezogen?
Nachrichten Norddeutschland 19 gesunde Zähne bei Frau gezogen?
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15:28 01.02.2019
Fast niemand ist gerne beim Zahnarzt in Behandlung. Aber der Fall, der jetzt vor Gericht verhandelt wird, ist außergewöhnlich. Quelle: dpa
Hamburg

Für 10 000 Euro in bar wollte sich eine Hamburgerin zu Weihnachten 2009 ein „Hollywood-Lächeln“ in ihren Mund zaubern lassen. Zu Heiligabend habe sie starke Zahnschmerzen gehabt, berichtete die 58-Jährige am Freitag als Zeugin in einem Prozess gegen einen Zahnarzt. Auf Empfehlung eines Bekannten sei sie zu dessen Praxis gefahren. Gleich bei dem ersten Termin wurde nach Angaben der kaufmännischen Angestellten ein großer Eingriff verabredet – für den ersten Weihnachtstag. „Er hat gesagt, meine Zähne sind alle Schrott, er könnte mir schöne Zähne machen, gleich am nächsten Tag.“

Implantate sollten 18 000 Euro kosten

Sie sei wie verabredet mit dem Bargeld als Anzahlung wiedergekommen und habe sich einer achtstündigen Operation in Vollnarkose unterzogen. Die Implantate sollten insgesamt 18 000 Euro kosten. Neben drei schlechten seien ihr zwölf gesunde Zähne gezogen worden. Danach habe sie starke Schmerzen bekommen. Trotzdem habe sie in einer zweiten Operation mehrere Monate später weitere sieben gesunde Zähne ziehen lassen. Nach längerem Leiden habe sie ihr gesamtes Gebiss von einem anderen Zahnarzt neu machen lassen müssen.

Der 54 Jahre alte Zahnarzt ist wegen Körperverletzung in vier Fällen vor dem Amtsgericht angeklagt. Er soll zwischen Anfang 2009 und November 2010 insgesamt vier Patienten falsch behandelt oder vor den Eingriffen unzureichend aufgeklärt haben. 2015 hatte das Gericht einen Strafbefehl erlassen, nach dem der Medizinier mit zehn Monaten Haft auf Bewährung und einer Geldauflage von 2000 Euro bestraft werden sollte. Dagegen hatte der Zahnarzt Einspruch eingelegt.

Klägerin berichtet von Depressionen und Schlaganfall

Wie es von der beabsichtigten Schmerzbehandlung so plötzlich zu dem großen Eingriff kam, konnte die Zeugin nicht erklären. „Er hat mir Implantate empfohlen. Dass er alle Zähne zieht, das wusste ich nicht“, sagte die 58-Jährige. Ihre Vorderzähne waren bereits nach einem früheren Unfall überkront worden. Die neuen provisorischen Prothesen hätten nie gepasst. „Die erste Operation war die allerschlimmste. Als ich danach zugebissen habe, habe ich gedacht, ich sterbe“, sagte die Zeugin.

Sie habe nicht nur starke Schmerzen gehabt, sondern sei auch in Depressionen gefallen und habe sich in eine Klinik begeben müssen. In Folge der Fehlbehandlung habe sie sogar einen Schlaganfall erlitten. Ein Jahr lang habe sie nicht arbeiten können. Eine weitere umfassende Zahnoperation stehe ihr noch bevor.

Ehemalige Assistentin verteidigt in ihrer Aussage den Arzt

Als zweite Zeugin hörte das Gericht die ehemalige Assistentin des Angeklagten. Sie erklärte, die Patientin sei Heiligabend ziemlich verzweifelt in die Praxis gekommen. Wegen einer Parodontose seinen mehrere Zähne locker gewesen und hätten geschmerzt. Der Arzt habe ihr geraten, nur die betroffenen Zähne ziehen zu lassen, nicht die gesunden. Doch die Frau habe unbedingt gewollt, dass alle Zähne so schnell wie möglich rauskommen. „Da haben wir alle Hebel in Bewegung gesetzt“, berichtete die 31 Jahre alte Zahnarzthelferin. Nach der Operation habe die Patientin gemerkt, dass die gesunden Zähne noch im Mund waren. „Das fand sie richtig blöd.“ Es habe Ärger gegeben, die Frau habe in der Praxis herumgeschrien.

Die Zahnarzthelferin berichtete noch von einer zweiten Patientin, die ebenfalls ein „Hollywoold-Smile“ wollte. Die Frau habe ihr gesamtes Gebiss überkront haben wollen. Nach dem Abschleifen der Zähne und dem Einsetzen provisorischer Kronen sei sie total begeistert gewesen und habe ihr zum Dank eine Flasche Champagner geschenkt, erinnerte sich die Zeugin. Doch die endgültigen Kronen seien der Patientin nicht hell genug gewesen. „Sie wollte sie weißer als weiß“, sagte die Assistentin.

Das Gericht wollte noch einen Sachverständigen und eventuell weitere Zeugen hören. Wann das Urteil verkündet wird, war noch unklar.

dpa