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Norddeutschland Zehn Euro für Beratung? Händler-Vorstoß stößt auf Skepsis
Nachrichten Norddeutschland Zehn Euro für Beratung? Händler-Vorstoß stößt auf Skepsis
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08:00 31.10.2019
Jürgen Weferling geht mit einer Gebühr gegen Beratungsdiebstahl vor. Quelle: dpa
Braunschweig/Lübeck

Das wird einige Kunden verwirren: Im Eingangsbereich des Baumarktes von Jürgen Weferling in Braunschweig hängt ein Hinweisschild, auf dem steht: „Wegen erhöhtem Beratungsdiebstahl sehen wir uns gezwungen, ab sofort eine Beratungsgebühr von zehn Euro zu erheben.“

Im Laden beraten, im Internet kaufen: „Irgendwann reichte es uns.“

Bedeutet: Wer sich in dem Fachgeschäft zu Produkten beraten lässt, muss zehn Euro zahlen. Kauft der Kunde am Ende der Beratung das Produkt, wird die Gebühr mit dem Kaufpreis verrechnet. Geschuldet ist diese ungewöhnliche Maßnahme dem Preiskampf mit Online-Anbietern. „Seit Jahren gibt es das Problem, dass sich einige Kunden im Laden eine maßgeschneiderte Beratung abholen und dann im Internet kaufen“, sagt der 65-Jährige. „Irgendwann reichte es uns.“

Das Hinweisschild hängt im Baumarkt von Jürgen Weferling. Bisher habe er meist nur positive Rückmeldungen erhalten. Quelle: dpa

Verbraucherzentrale: Probleme nicht auf Kunden abwälzen

Bei der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein kennt man das Problem. „Ich habe großes Verständnis für die Aktion des Einzelhändlers. Wir stellen häufig fest, dass Kunden sich in einem Geschäft beraten lassen und dann die Ware im Internet zu vielleicht günstigeren Preisen kaufen “, sagt Dr. Boris Wita, Jurist bei der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein. „Aber ich frage mich, was die Gebühr bringen wird. Meine Vermutung ist, dass sich besonders jüngere Kunden davon abschrecken lassen werden.“

Außerdem hält es Wita für falsch, die Probleme des Einzelhandels auf die Kunden abzuwälzen. „Ich denke, dass Einzelhändler auf die Konkurrenz im Online-Handel nur mit einer Antwort reagieren können: Service, Service, Service. Denn was wäre der nächste Schritt? Eine Eintrittsgebühr, um den Laden zu betreten?“

Außerdem hat Wita juristische Bedenken. „Wie wollen die Einzelhändler das durchsetzen? Wenn der Kunde, obwohl er im Vorwege informiert wurde, die Beratungsgebühr nicht zahlen will, dann wird es juristisch ganz schwierig.“

Handelsverband: Internet bietet auch Chance für Einzelhandel

Auch Dierk Böckenholt, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Nord, kann Jürgen Weferling verstehen. „Besonders in Fotofachgeschäften kommt so etwas häufig vor. Das ist sehr ärgerlich für die Händler“, sagt Böckenholt. „Aber es bleiben meiner Meinung nach Einzelfälle. Besonders bei höherpreisigen Produkten schätzen die Verbraucher den Service von stationären Geschäften.“

Außerdem sieht Böckenholt im Internet auch eine Chance für die Einzelhändler. „Das Internet ist nicht nur der Teufel. 45 Prozent aller Käufe im stationären Einzelhandel geht eine Information im Internet voraus. Bei Jüngeren Kunden sind es sogar 55 Prozent. Diese Wechselwirkung darf man nicht vergessen.“

Beratungsgebühr soll Kunden sensibilisieren

Bisher haben die meisten Kunden von Weferling die Maßnahme verständnisvoll aufgenommen. „Zu 99 Prozent sind die Rückmeldungen positiv“, berichtet der 65-Jährige. Also bleibt der Geschäftsmann bei der Gebühr, die er aber eher als Hinweis für die Kunden versteht, mit dem Thema sensibler umzugehen. Lange sei die Gebühr auch gar nicht kassiert worden. Weferling: „Inzwischen gab es aber Kunden, die an den Tresen kamen und die zehn Euro von sich aus bezahlt haben, bevor sie nach Beratung fragten.“

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Von Hannes Lintschnig

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