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Norddeutschland Zwischen Hausmeisterei und Weltrevolution – 30 Jahre Rote Flora
Nachrichten Norddeutschland Zwischen Hausmeisterei und Weltrevolution – 30 Jahre Rote Flora
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16:39 30.10.2019
Andreas Blechschmidt steht während einer Pressekonferenz vor der Roten Flora. Blechschmidt ist Rotflorist der ersten Stunde und Sprecher des Kollektivs. Quelle: Daniel Bockwoldt/dpa
Hamburg

Das linksautonome Kulturzentrum Rote Flora im Hamburger Schanzenviertel ist über die Stadtgrenzen hinaus bekannt und nicht erst seit den Krawallen rund um den G20-Gipfel berüchtigt. Seit 30 Jahren verwirklichen in dem historischen Theaterbau linksradikale Besetzer ihre Vorstellung von einer Gegenkultur zum kapitalistischen Mainstream - immer mehr oder weniger geduldet von Politik und Stadtgesellschaft. Andreas Blechschmidt ist Rotflorist der ersten Stunde und Sprecher des Kollektivs. Im Interview räumt er ein, nicht alle Ziele erreicht zu haben.

Die Flora wurde am 1. November 1989 besetzt, um die soziale Struktur im Viertel gegen drohende Kommerzialisierung zu verteidigen. Mittlerweile ist das Schulterblatt eine angesagte Party-Location, die Gentrifizierung längst im Gange. War alles vergebens?

„Die Flora hat ironischerweise als subkultureller Standortfaktor ganz ohne Frage einen unfreiwilligen Beitrag dazu beigetragen. Wir wollten einen Stadtteil mit nachbarschaftlichen Bezügen und bezahlbarem Wohnraum erhalten. Und an diesem sehr großen politischen Ziel sind wir, würde ich sagen, gescheitert.“

Welchen Stellenwert hat die Rote Flora dann heute?

„Der thematische Fokus hat sich in den letzten 30 Jahren zum Glück verschoben. Mittlerweile geht er mit politischen Fragen und Problemstellungen weit über das Schanzenviertel hinaus. Gerade auch aktuell mit Themen wie Rassismus und Antisemitismus in der Gesellschaft, der Problematik der weltweiten Migration - das sind die Themen, die wir jetzt für politisch relevant und wichtig halten.“

Gefordert wird vom Senat ein Gewaltverzicht der Rotfloristen. Wie steht es damit?

„Die Rote Flora ist seit 30 Jahren ein Teil der radikalen Linken. Und sie ist so friedlich und sie ist so militant, wie es die politischen Verhältnisse gerade nötig machen (...) Wenn die politische Konfrontation und die Gemengelage es nötig machen, dann ist die Militanz für uns eine Option. Und die werden wir uns auch nicht von der Hamburger SPD ausreden lassen.“

Aus der Politik wird immer wieder eine Öffnung der Flora für die Stadtgesellschaft gefordert. Wie stehen sie dazu?

„Das spielt auf derselben Ebene als würde man von der Staatsoper fordern, sie solle sich für alle Hamburgerinnen und Hamburger öffnen. Das sagt auch niemand ernsthaft. Insofern ist diese Forderung gegenüber der Flora Polemik. Die Nutzer der Flora sind ja überwiegend Bewohner des Stadtteils. So zu tun, als seien wir linksradikale Aliens, die von irgendwoher kommen, zeigt ein ideologisches Bild.“

Die Entscheidungen in der Roten Flora trifft ein Kollektiv. Wer ist das und wie ist dieses Kollektiv strukturiert?

„Das Delegierten-Plenum der Nutzerinnen und Nutzer hier im Hause besteht im Schnitt aus 20 bis 30 Leuten. Und natürlich ist der Altersdurchschnitt mittlerweile deutlich über 30. Wobei es Aktivistinnen und Aktivisten gibt, die Anfang 20 sind, aber auch solche über 70 (...) In den ersten Jahren war der Kreis derjenigen, die sich aktiv beteiligt haben, wesentlich größer. Im Ergebnis ändert das aber nichts daran, dass wir als Ort der radikalen Linken auch im 30. Jahr unabhängig von jeder staatlichen Förderung, von jeder staatlichen Einflussnahme funktionieren. Das ist eine kollektive Leistung, die vor 30 Jahren, als wir hier besetzt haben, so wohl niemand erwartet hat.“

Seit 2014 ist die Flora im Besitz der städtischen Lawaetz-Stiftung. Trifft der Besetztstaus überhaupt noch zu?

„Die Stiftung trägt gar nichts. Die Betriebskosten erwirtschaften wir nach wie vor selber, auch alle organisatorischen, alle baulichen Instandsetzungsmaßnahmen (...) Der Besetztstatus ist deshalb besonders wichtig für uns, weil wir frei sind von jeglicher staatlicher Einflussnahme. Hier kann sich kein CDU-Parlamentarier aufregen und fordern, dass man uns die Mittel kürzen müsse, wenn wir Blockade-Trainings durchführen. (...) Das ist eine Form der politischen Unabhängigkeit, die wir nur deshalb garantieren können, weil wir nicht erpressbar sind.“

Auf Ihrer Homepage ist von Rotfloristen die Rede, die sich in 30 Jahren „zwischen Hausmeisterei und Weltrevolution“ aufgerieben hätten. Wie ist das zu verstehen?

„Natürlich hat in den vergangenen 30 Jahren auch alles Federn gelassen. Es ist mühseliger geworden. Es ist wie eine Großraum-WG, wo man sich über Putzpläne und schlecht aufgeräumte Partys ärgert. Und natürlich gibt es hier Leute, die den Laden einfach nur konsumieren, was nervt. Aber in der Gesamtschau überwiegt ein deutliches Plus, weil dieser Ort sich die ganze Zeit kollektiv verwaltet und über die Jahre auch immer wieder neu erfunden hat - und das alles ohne staatliche Förderung und bezahlte Stellen.“

Zur Person: Andreas Blechschmidt ist Sprecher der Roten Flora. Der 54-Jährige ist seit den 80er-Jahren in der autonomen Hausbesetzer-Szene aktiv. Er war auch Anmelder der „Welcome to Hell“-Demo, bei der es 2017 während des G20-Gipfels zu schweren Krawallen kam. Ein deshalb gegen ihn eingeleitetes Ermittlungsverfahren wurde eingestellt.

Von RND/dpa

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