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Panorama Baumbach holte letzte Medaille für die DDR – und das erst 1991!
Nachrichten Panorama Baumbach holte letzte Medaille für die DDR – und das erst 1991!
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12:29 28.10.2019
Fernschach-Weltmeister Fritz Baumbach notiert sich jeden Zug. Quelle: Jacqueline Schulz

Als die Mauer fiel, hatte Fritz Baumbach noch fünf offene Partien. Als die DDR von der Landkarte verschwand, kämpfte der amtierende Fernschachweltmeister aus Ost-Berlin noch ein letztes, zähes Duell in der Mannschaftsolympiade. Sein Gegner war ausgerechnet der westdeutsche Champion. So vertrackt ist die Beziehung zwischen Weltgeschichte und Nischensportart.

Im Fernschach siegte die DDR, als es sie schon lange nicht mehr gab. Am Tag der Einheit schrieb Baumbach an seinen Gegner Karl-Heinz Maeder: „Wir sind nun Landsleute!“ Und dennoch traten sie weiter für gegnerische Mannschaften an. Am 23. Februar 1991 schickte Baumbach seinen letzten Zug gen Westen. Sein Läufer zog von d6 nach b8. Maeder gab auf. Er schrieb zurück: „Sie können stolz sein, es ist meine erste Niederlage seit Sommer 1982.“ Und es war der letzte Sieg von Fritz Baumbach für die DDR.

30 Tage Bedenkzeit für zehn Züge

Im Fernschach spielt die Zeit eine andere Rolle als im Alltag oder der Weltpolitik. Es ist eine Disziplin aus dem analogen Zeitalter. Ein Spiel für Grübler und für jene, die sich von Zeitdruck und Öffentlichkeit fernhalten wollen. Der Spieler schreibt seinen Zug auf eine Postkarte, wirft sie ein und wartet auf die Antwort. Für zehn Züge gibt es 30 Tage Bedenkzeit – plus die Postlaufzeit. Und die kann dauern. Im Ostblock nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, aber auch in Italien und Argentinien war die Post berüchtigt für Verspätungen.

Skurrile, unbekannte und witzige Fakten aus DDR-Zeiten.

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Fritz Baumbach ist heute 83 Jahre alt, zum Ende des Jahres will er seine Praxis als Patentanwalt endgültig aufgeben. Der Übergang vom Sozialismus zur Marktwirtschaft vollzog sich für ihn vergleichsweise sanft. Baumbach, studierter Chemiker und Patentingenieur, hatte beim Zentralinstitut für Molekularbiologie der Akademie der Wissenschaften der DDR gearbeitet. Auf dieser Stelle hatte er die nötigen Freiräume fürs Schachspiel. Er fuhr auch im Brettschach zu Turnieren, wurde 1970 DDR-Meister und fuhr im gleichen Jahr mit der DDR-Mannschaft ins westdeutsche Siegen zur Olympiade. Die Abteilung hängte seine Ergebnisse am Schwarzen Brett aus, man war stolz auf seinen Schachmeister.

Westler können sich bis heute nicht vorstellen, wie es bei uns lief.

Fritz Baumbach

Nach der Wende wurde die Patentabteilung zentralisiert, Baumbach landete in einer Auffanggesellschaft, machte sich 1999 als Patentanwalt selbstständig. „Es ist ein Privileg, dass ich zwei verschiedene Gesellschaftsordnungen erlebt habe“, sagt er. „Wir konnten uns damals nicht vorstellen, wie der Westen funktioniert. Und viele Westler können sich bis heute nicht vorstellen, wie es bei uns lief.“

Die Spiele eines Fernschachturniers beginnen gleichzeitig – zehn Nationen nehmen teil, jeder Spieler hat neun Gegner. Nun ist es keineswegs so, dass Fernschachspieler neun Bretter im Wohnzimmer stehen haben, auf denen sie stets dann wieder einen Zug machen, wenn eine neue Postkarte hereinkommt. „Fernschachspieler haben ihre Partien im Kopf“, sagt Baumbach. „Wir können immer an Schach denken, in jedem Moment. Wir sind darin Fanatiker.“

Baumbach schwärmt von Millionen Menschen auf den Straßen

Vielleicht hat Baumbach auch auf der großen Demonstration auf dem Berliner Alexanderplatz am 4. November 1989 daran gedacht, wie er den 32. oder 33. Zug gegen den Beamten Maeder aus der Stadtverwaltung Frankfurt am Main spielen soll, oder den letzten Zug gegen den polnischen Ökonomen Brzoszka, dem er im Januar 1990 ein Remis abtrotzte. Oder er dachte an die Partien gegen den italienischen Rechtsanwalt Venturino, den finnischen Taxifahrer Palmo oder die gegen den sowjetischen Vertreter Sagorowski, Professor für russische Geschichte.

Alle Partien hat er fein säuberlich in DIN-A5-Heften eingetragen, samt Analysen. Fernschachspieler haben ihre Partien nicht nur im Kopf, sondern auch auf Papier. Heute nutzen sie Analysecomputer, die Zahl der Remisparteien steigt deshalb seit einigen Jahren rasant an. Baumbach, der von 1993 bis 2000 Präsident des Deutschen Fernschachbundes war, glaubt, dass seine Disziplin daran bald zugrunde gehen wird.

Der Fernschachspieler notierte sich jedern seiner Züge.

Von der Million Menschen auf den Straßen Ost-Berlins am 4. November 1989 schwärmt Baumbach immer noch. Von der Unruhe, von der Vielfalt der Meinungen, die dort vertreten war. Beim Mauerfall fünf Tage später war er dann in Thüringen in der Sportschule und unterrichtete gehörlose Schachspieler. Nach seiner Rückkehr nach Berlin fuhr er sofort rüber nach Reinickendorf. In West-Berlin war eine seiner vier Töchter gelandet.

Im Sommer 1989 hatte sie ihrem Vater gesagt, dass sie nach Ungarn fahren würde, sie hatte sich sein Zelt ausgeliehen. Dass sie über die geöffnete Grenze gehen würde, sagte sie ihm nicht. „Ich hätte gedacht, dass ich sie zehn Jahre nicht wiedersehe“, sagt Baumbach, und das ist selbst für einen Fernschachspieler eine lange Zeit.

Wo Druck ist, versucht man auszuweichen. Das haben wir gelernt.

Fritz Baumbach

Bald zog seine Tochter wieder rüber nach Ost-Berlin, damals gab es in Prenzlauer Berg die billigsten Wohnungen. Dafür schmiss der Sohn das Studium und ging auf die Suche nach dem großen Geld im Westen. „Der dachte, das sind alles reiche Leute.“ Nach einem Monat war er wieder da. Job verloren, Illusion zerstört. Er ging zurück an die Uni.

1995 war die Fernschacholympiade dann wirklich zu Ende. Von den vier besten Ländern gab es drei nicht mehr. 1988, als die Olympiade begann, waren die Sowjetunion, die DDR und die Tschechoslowakei als Favoriten in den Wettbewerb eingestiegen. Die DDR wurde Dritter. In Magdeburg gab es eine Siegerehrung für die Presse, aber ohne Fahne und Hymne. So etwas macht man im Fernschach nicht.

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Im Schach muss man vorausberechnen können, muss erahnen können, wie es weitergeht, und ausweichen, wenn der Druck zu groß ist. Im Sozialismus funktionierte es ähnlich. „Wo Druck ist, versucht man auszuweichen. Das haben wir gelernt.“

Bald spielt Baumbach auf der griechischen Insel Rhodos bei der Senioren-Schach-WM. Seine Mannschaft besteht aus vier Leipzigern und ihm. Sie haben in der DDR schon gegeneinander gespielt. Was sind schon 30 Jahre?

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Von Jan Sternberg/RND

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