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Panorama Erster christlicher Sexshop: „Gott hat Sex nicht nur fürs Kinderkriegen gemacht“
Nachrichten Panorama Erster christlicher Sexshop: „Gott hat Sex nicht nur fürs Kinderkriegen gemacht“
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20:58 16.06.2019
Ein Messschieber für Kondomgrößen wird von den Firmengründern Gerhard Peters (l-r) und Timon Rahn gezeigt. Er ist einer der Artikel, die im Sexshop "Schöner Lieben" erhältlich ist. „Schöner lieben“ ist, nach Angabe der Gründer, der erste Erotikonlineshop in Deutschland mit christlichen Werten. Quelle: Friso Gentsch/dpa
Bielefeld 

Gott hat den Sex schön gemacht - davon sind drei junge Männer aus Bielefeld so überzeugt, dass sie die Botschaft zum Geschäftsmodell gemacht haben. Wellington Estevo (31), Timon Rahn (29) und Gerhard Peters (29) haben einen Online-Sexshop gegründet, der ausdrücklich die christliche Zielgruppe umwirbt. „Schoenerlieben.de“ heißt die Seite. Genauso wollen die gläubigen Gründer auch das Programm von „Deutschlands erstem Erotikshop mit christlichen Werten“ verstanden wissen.

„Unsere Zielgruppe soll über den Tellerrand gucken“, sagt Rahn. Das Sortiment sei daher nur ein Angebot. Knapp 500 Produkte werden feilgeboten vom Gleitgel bis zum Hightech-Partnervibrator. Extremes oder Fetisch-Lastiges: Fehlanzeige. Viele angebotene Produkte wie Massageöle oder verführerische Düfte setzen bewusst beim atmosphärischen Drumherum an. All das ist präsentiert wie die Produktpalette eines Wellness-Shops. Weder Pornografisches noch nackte Haut sollen vom Wesentlichen ablenken: Freude am Sex in der Ehe oder Partnerschaft.

Online-Shop-Gründer: „Gott hat den Sex doch nicht nur fürs Kinderkriegen gemacht

„Ich habe mich selbst zuvor schon in anderen Shops umgeschaut, fühlte mich aber nie abgeholt“ sagt Wellington Estevo. Auch wenn einige Wettbewerber längst auch auf Hochglanz und diskrete Präsentation setzen, gibt es viele, die mit dem Gegenteil locken: Nackte Schönheiten oder Porno, der mit der ehelichen Realität nichts zu tun habe und eher verunsichere als ermuntere, wie Estevo erklärt. „Wenn es um Sex geht, dann geht es um mich und meine Frau - und um nichts anderes“, sagt er.

Wie seine beiden Mitstreiter ist er sehr gläubig, geprägt durch eine freikirchliche Gemeinde. „Da wird entweder ganz wenig oder gar nicht über Sex geredet“, sagt Timon Rahn. Eine vertane Chance, wie er findet. „Gott hat den Sex doch nicht nur fürs Kinderkriegen gemacht. Er hat den Sex auch gemacht, damit wir uns fallen lassen können.“

Junge, gläubige Generation wendet sich gegen angestaubte Weltbilder

Dass in kirchlichen Gemeinden über Sexualität zu viel geschwiegen werde, teilt Werner Kahl, Theologe und Studienleiter der Missionsakademie an der Universität Hamburg, eher nicht. Selbst in tendenziell konservativeren, freikirchlichen Gemeinden wende sich eine junge Generation zunehmend gegen angestaubte Weltbilder. „Diese jungen Leute wollen sich in unserer Welt bewegen und dazu gehört auch eine offene Auseinandersetzung mit den Themen Sex und Partnerschaft“, sagt er. „Immer wieder versuchen sie auszutarieren, was möglich ist, ohne die Botschaft der Bibel zu negieren“, sagt der Theologe.

Und das sei bei offener Auslegung mehr, als mancher denke: „Die Bibel tabuisiert Sexualität nicht, sondern ist manchmal durchaus drastisch“, erläutert Kahl, wenngleich sie Sex eher als Mittel der Fortpflanzung denn als Weg der lustvollen Entfaltung betone. In Europa seien erst mit dem 18. Jahrhundert Textstellen zunehmend umgedeutet worden. Es hielten Leibfeindlichkeit und ein moralisierendes Verständnis Einzug in das christliche Denken.

Sammlung erotischer Liebeslieder im Alten Testament

Ein Beispiel für diese Uminterpretationen findet sich etwa im Hohelied Salomos - einer Sammlung erotischer Liebeslieder im Alten Testament. „Dieser Text ist später enterotisiert worden, in dem man ihn etwa als Allegorie für die Beziehung zwischen Jesus und der Kirche ausgelegt hat“. Wörtlich genommen, könnten die biblischen Zeilen durchaus als Programm für „Schöner lieben“ verstanden werden.

Sexualität sei eine gute Gabe Gottes, derer sich Christen erfreuen dürften, teilt auch die Evangelische Kirche Deutschland auf Anfrage mit. „Aber dort, wo Menschen intim miteinander sind, zeigen sie sich gleichzeitig auch besonders verletzlich“, sagt eine EKD-Sprecherin diplomatisch-mahnend. Sexualität müsse daher verantwortungsvoll gelebt werden: „Wir hoffen, dass sich die Gründer diesem Ethos verpflichtet wissen.“

Umfeld hat gelegentlich mit Irritation auf die Geschäftsidee reagiert

Die Idee zum Start-up „Schoenerlieben.de“ entstand vor mehr als zwei Jahren - in den Räumen der eigenen Werbeagentur, die noch immer den Lebensunterhalt der drei Männer sichert. Wieviel Arbeit hinter einem Webshop steckt, wie erbittert der Preiskampf der Branche und wie mühsam der Markteinstieg - das hätten sie unterschätzt, räumen sie ein.

Auch habe das Umfeld gelegentlich mit Irritation auf die Geschäftsidee reagiert. Bei Gerhard Peters zog die Arbeit für das Portal schließlich gar den Bruch mit seiner Gemeinde mit sich: Die Gemeindeführung sorgte sich, dass das Business ihres Mitglieds unvereinbar mit seinem ehrenamtlichen Engagement in der Gemeinde sei. „Es gab die Sorge vor zu vielen unangenehmen Fragen“, sagt er.

Verklemmtheit etwas entgegensetzen

Die drei sind jedoch weiterhin überzeugt, Verklemmtheit etwas entgegensetzen zu können. Mehr und mehr verstehen sie sich auch als Berater, berichten sie: Die Produktbeschreibungen seien bewusst so detailliert, dass man verstehen könne, wie man das Sexspielzeug lustgewinnbringend einsetze. Außerdem arbeiten sie an einem Blog mit Wissenswertem rund um Sex und Lust. Weitere Aufmerksamkeit erhoffen sie sich durch den Kirchentag in Dortmund: Dort präsentieren sie sich und ihre Idee an einem Stand.

Von RND/dpa