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Panorama Ex-Chef des Weißen Rings Lübeck: Kann mir Vorwürfe nicht erklären
Nachrichten Panorama Ex-Chef des Weißen Rings Lübeck: Kann mir Vorwürfe nicht erklären
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18:48 20.06.2019
Der 74-Jährige steht aktuell wegen Exhibitionismus vor Gericht. Quelle: Daniel Bockwoldt/dpa
Lübeck

Großer Andrang am Lübecker Amtsgericht: Dort hat am Donnerstag der Prozess gegen Detlef H., den früheren Leiter der Lübecker Außenstelle der Opferschutzorganisation Weißer Ring, begonnen. Dem heute 74-Jährigen wird eine mehr als drei Jahre zurückliegende exhibitionistische Handlung vorgeworfen.

Im April 2016 soll H. während eines Beratungsgesprächs mit einer Frau, die Opfer häuslicher Gewalt geworden war, sein Geschlechtsteil entblößt haben, heißt es in der Anklage, „Das stimmt nicht. Ich kann mir nicht erklären, wie sie zu diesen Vorwürfen kommt“, sagte der Angeklagte zum Prozessauftakt.

Nebenklägerin bleibt bei ihren Vorwürfen

Doch die heute 41-Jährige bleibt dabei. „Er stand plötzlich links neben meinem Stuhl, öffnete seine Hose und holte seinen Penis heraus“, sagte sie. Er habe sie auch aufgefordert, sich selbst zu entblößen und ihn zu berühren, sagte die Zeugin, die in dem Prozess auch Nebenklägerin ist. „Das habe ich natürlich nicht getan, und das habe ich ihm auch klar zu verstehen gegeben“, sagte die mehrfache Mutter. Sie sei einfach schockiert gewesen.

Anzeige habe sie nicht erstattet, weil sie keine Zeugen gehabt habe, sagte sie auf eine Frage der Staatsanwaltschaft. Diese hat eine Sachverständige damit beauftragt, ein Glaubwürdigkeitsgutachten zu erstellen. 2018 war es der Weiße Ring selbst, der Anzeige gegen seinen ehemaligen Mitarbeiter erstattet hat.

Frau war damals mit dem vierten Kind schwanger

Detlef H. – grauer Anzug, hellgraues Hemd, gestreifte Krawatte – gab sich gelassen. Die Zeugin sei ihm durchaus sympathisch gewesen, sagte er. „Doch es ist das Prinzip des Weißen Rings, allen Hilfesuchenden bestmöglich zu helfen, unabhängig von persönlicher Sympathie oder Antipathie“, sagte er.

Im Fall der damals mit dem vierten Kind schwangeren Nebenklägerin habe er ihr beim ersten Kontakt eine Soforthilfe in Höhe von 250 Euro sowie Serviceschecks für anwaltliche und psychologische Hilfe gegeben. Auch bei der Suche nach einer neuen Wohnung habe er geholfen.

Wer machte einen Vorschlag, für einen Escort-Service zu arbeiten?

Die Frau war nach eigenen Angaben Anfang April von ihrem Mann verlassen worden, der Geld und EC-Karte mitgenommen habe. Zudem habe sie mit ihrem Arbeitgeber im Clinch gelegen, und ihr sei die Wohnung gekündigt worden. „Mir ging es damals ziemlich schlecht“, sagte sie am Donnerstag.

Umso mehr habe es sie geärgert, dass H. ihr vorgeschlagen habe, sie könne doch für einen Escort-Service in Hamburg arbeiten. „Das habe ich natürlich zurückgewiesen.“ Nach Erinnerung von H. kam die Idee mit dem Escort-Service allerdings von der Nebenklägerin. „Sie hat immer wieder betont, dass sie dringend Geld braucht. Dann hat sie mich gefragt, ob ich nicht reiche Männer kennen würde, die ich ihr vorstellen könnte“, sagte er vor Gericht.

29 Frauen warfen dem Mann sexuelle Übergriffe vor

Zunächst hatte die Staatsanwaltschaft im September 2018 Anklage gegen H. in insgesamt vier Fällen, unter anderem auch wegen Körperverletzung und sexueller Nötigung, erhoben. Das Gericht hatte jedoch nur die Anklage wegen der exhibitionistischen Handlung zur Verhandlung zugelassen. In den übrigen drei Fällen bestehe kein hinreichender Tatverdacht, hieß es zur Begründung.

Ursprünglich hatten 29 Frauen dem pensionierten Polizisten sexuelle Übergriffe vorgeworfen. Der Prozess wird an diesem Freitag fortgesetzt. Dann soll zunächst darüber entscheiden werden, ob die Öffentlichkeit ausgeschlossen wird, wenn es um das Vorleben der Zeugin geht.

Von RND/dpa