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Panorama Mietwucher: So wohnen andere Menschen
Nachrichten Panorama Mietwucher: So wohnen andere Menschen
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10:00 03.08.2019
Ole und Jill Grigoleit und ihre Töchter Line und Morlin leben auf dem Wasser. Sie sind nicht die einzigen, die alternative Wohnformen ausprobieren – und damit glücklich sind. Quelle: Alena Zielinski
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Hannover

Die Begrüßung ist laut, aber nicht unfreundlich. Nähert man sich dem Jachthafen Ilmenau, kommt Yola angerannt und bellt übermütig. Die zottelige Mischlingshündin – die Mutter ist ein Australian Shepherd, der Vater unbekannt – wirkt dabei nicht abschreckend, sondern eher neugierig.

Seit knapp zehn Jahren leben Jill und Ole Grigoleit mit dem Hund. „Yola war unser erstes gemeinsames Projekt“, sagt die 34-Jährige. Damals hatten sie und ihr späterer Mann sich gerade erst kennengelernt, sie studierten beide in Bremen und lebten in Wohngemeinschaften.

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Jetzt, ein Jahrzehnt und mehrere Umzüge später, sind die beiden verheiratet, haben zwei Töchter – und ihnen gehört ein kleiner Hafen in der Nähe von Winsen/Luhe in Niedersachsen. Dort, auf einem Nebenarm der Elbe, lebt die Familie auf einem Hausboot.

Ein schmaler Steg führt zu dem ochsenblutfarbenen Hausboot der Grigoleits. Quelle: Alena Zielinski

Hausboot – das klingt romantisch, nach Freiheit oder zumindest nach einem Urlaub auf dem Wasser oder Wochenende in Amsterdam. Wenn man die junge Familie besucht, zumal an einem Sommertag, fühlt man sich tatsächlich etwas wie in den Ferien.

Über einen kleinen Steg geht es vom Hafengelände zum Boot, das mit dem ochsenblutroten Anstrich Bullerbü-Charme ausstrahlt. Rund 100 Qua­dratmeter Wohnfläche hat das Boot. Unten befinden sich der offene Koch-Ess-Wohn-Bereich und das Badezimmer. Über eine Holztreppe gelangt man in das Elternschlafzimmer und das Zimmer der Töchter.

Dass die Familie dort lebt, ist das Ergebnis von vielen Zufällen, großem Ideenreichtum und noch mehr Arbeit. Vor allem aber liegt es an der schwierigen Wohnungssituation in einer Stadt wie Hamburg. Als Jill und Ole Grigoleit 2011 in der Hansestadt eine gemeinsame Wohnung suchen, machen sie die Erfahrung, die viele andere – egal, ob junge oder ältere Paare, Singles oder größere Patchworkfamilien – nur zu gut kennen: Es gelingt ihnen nicht, eine Mietwohnung zu finden, die ihnen gefällt, groß genug und zudem noch bezahlbar ist.

„Ich bau uns einfach was“

Später haben die beiden die Idee, mit Unterstützung der Eltern eine Wohnung zu kaufen. Doch auch das zerschlägt sich in der Stadt, in der sich die Immobilienpreise in den vergangenen zehn Jahren nahezu verdoppelt haben.

Dann sagt Ole Grigoleit irgendwann den entscheidenden Satz: „Weißt du was? Ich bau uns einfach was.“ Dazu muss man wissen, dass der gelernte Schiffsmechaniker ein Handwerker par excellence ist – und jemand, der immer wieder neue Ideen entwickelt. Das Ergebnis lässt sich am Liegeplatz auf der Ilmenau betrachten.

Das namenlose Hausboot, in dem die Familie lebt, hat er nahezu komplett alleine errichtet. Für 6000 Euro hat er den Stahlrumpf – 20 mal fünf Meter – eines alten Schiffs gekauft und darauf das Zuhause gebaut. Vom Aufbau über die Innenräume, Elektrik, Abwasserleitung und vieles mehr. Die Materialkosten, schätzt das Ehepaar, lagen bei 50 000 bis 60 000 Euro. Dazu kommen ungezählte Arbeitsstunden.

Vom Aufbau über die Innenräume bis zu Elektrik und Abwasserleitung: Das Hausboot hat Ole Grigoleit nahezu komplett alleine errichtet. Quelle: Alena Zielinski

Jill und Ole Grigoleit suchten nach einer neuen Wohnung – und fanden ein neues Leben. Aus der Idee „Ich bau uns was“ ist ein Lebensprojekt geworden. 2013 zogen die beiden auf das – damals noch ziemlich unfertige – Boot, 2014 haben sie den Hafen mit den rund 40 Liegeplätzen gekauft.

Der 34-Jährige ist dort für alles zuständig, hat nebenbei ein Ferienhausboot gebaut, das ebenfalls in dem Hafen liegt und neuerdings vermietet wird. „Vom Lebensgefühl kann man es nicht besser treffen“, meint Ole Grigoleit. Allerdings muss man wohl gleichermaßen unerschrocken und handwerklich versiert sein, um das alles zu schaffen.

An der Ilmenau haben die beiden ihren Heimathafen gefunden. Genau so heißt auch das Buch, das Jill Grigoleit, die mehrere Jahre als Redakteurin bei einer Fernsehproduktionsfirma gearbeitet hat und jetzt freiberuflich tätig ist, über ihre Jahre als Bootsbesitzerin geschrieben hat. Die Töchter – die zweijährige Morlin ist bei einer Hausgeburt auf dem Schiff zur Welt gekommen – kennen keinen anderen Wohnort als das Boot.

Die Töchter kennen keinen anderen Wohnort als das Boot – auch wenn das Leben mit Kindern dort mitunter auch anstrengend ist. Quelle: Alena Zielinski

Allerdings ist das Leben mit zwei Kindern dort mitunter auch anstrengend. „Ich habe schon öfter davon geträumt, dass eines der Mädchen ins Wasser fällt“, sagt der Vater. Die fünfjährige Line macht in diesem Sommer einen Schwimmkurs. Manchmal tragen die beiden Schwestern Schwimmwesten, wenn sie auf dem Hafengrundstück herumlaufen, auf dem auch eine Schaukel für die Mädchen steht.

„Ihr habt euch euren Traum verwirklicht“ – diesen Satz haben Jill und Ole Grigoleit oft von Freunden und Bekannten gehört. Da schwingt wohl viel mit: Bewunderung für den Mut, Anerkennung für die viele Arbeit, aber möglicherweise auch Unzufriedenheit der Städter mit der eigenen Wohnsituation. Es ist unübersehbar, dass die Frage, wie, wo und wie teuer man wohnt, eines der ganz großen gesellschaftlichen Themen ist, die nahezu jeden berühren.

Fast jede Woche wird in einer deutschen Stadt gegen Wohnungsknappheit und Mietwucher und manchmal sogar für Enteignung demonstriert. Politiker, Städteplaner und Investoren diskutieren über Für und Wider von Mietpreisbremse und Mietendeckel; Bund und Länder kündigen an, wieder in den sozialen Wohnungsbau investieren zu wollen, nachdem sie das jahrelang vernachlässigt hatten.

Es gibt ein Recht auf Wohnen

Es gibt ein Recht auf Wohnen; der Deutsche Mieterbund forderte vor Kurzem sogar, das Recht auf bezahlbares Wohnen im Grundgesetz zu verankern. Schon in der Weimarer Verfassung hieß es 1919, dass der Staat „dem Ziele zustrebt, jedem Deutschen eine gesunde Wohnung und allen deutschen Familien, besonders den kinderreichen, eine ihren Bedürfnissen entsprechende Wohn- und Wirtschaftsheimstätte zu sichern“.

Dies war auch eine Reaktion auf die drastische Wohnungsnot, die in den rasant wachsenden Groß- und Industriestädten entstanden war. Seit den Zwanzigerjahren wuchsen deshalb zahlreiche Siedlungen für Familien mit geringem Einkommen.

Allerdings sind Wohnungen, die im sozialen Wohnungsbau der Weimarer Republik und auch in den Bauboomjahren nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet wurden, nach heutigen Maßstäben recht klein. So bewohnte jeder Deutsche 1966 laut Statistik 22 Qua­dratmeter – heute sind es 46,5 Qua­dratmeter.

Demonstranten halten auf einer Demonstration im April 2019 in München Plakate mit der Aufschrift "Wir bleiben Alle" und "Keine Rendite mit der Miete" und protestieren damit gegen steigende Mieten. Quelle: Sven Hoppe/dpa

Manch einer wäre wohl mit einer kleineren, bezahlbaren Wohnung zufrieden, aber auch die ist in vielen Städten schwer zu finden. Nach Angaben der Hans-Böckler-Stiftung fehlen in deutschen Großstädten rund 1,9 Millionen bezahlbare Wohnungen.

Der Markt mit seinen 21,7 Millionen Mieterhaushalten und insgesamt 17 Millionen Eigenheimen und Eigentumswohnungen ist überhitzt. Diese vom Bundesinnenministerium verbreiteten Zahlen beruhen auf dem 2014 erhobenen Mikrozensus. Im Laufe dieses Jahres sollen die Angaben aktualisiert werden.

Die Suche nach einer Wohnung als „Buch der Stunde“

Die Suche nach einer Wohnung ist auch das Thema des aktuellen Romans „Ein Haus auf dem Land/Eine Wohnung in der Stadt“, der als „Buch der Stunde“ („Süddeutsche Zeitung“) gilt.

Darin erzählt der 1974 in Ostfriesland geborene Schriftsteller Jan Brandt, der Ende der Neunzigerjahre nach Berlin gezogen ist und froh war, die Provinz hinter sich zu lassen, warum er seine Berliner Wohnung verlassen und sich auf Wohnungssuche begeben musste: Ihm war wegen Eigenbedarf gekündigt worden.

Brandt, der sich in dieser Situation heimatlos fühlte, überlegte, ob er nicht in das Dorf seiner Kindheit zurückkehren soll. Er wollte den alten Hof seines Urgroßvaters kaufen und vor dem Abriss retten. Doch das Projekt erwies sich als viel zu teuer.

Nicole und Carsten Dau haben der Stadt den Rücken gekehrt. Seit gut eineinhalb Jahren leben sie im Wendland, dort haben sie auf dem Grundstück einer Hofgemeinschaft ein sogenanntes Tiny House, ein Minihaus, gebaut. Quelle: privat

Zurück aufs Dorf – oder ganz in die Natur? Nicole und Carsten Dau haben der Stadt den Rücken gekehrt. Ihre Erfahrungen sind typisch für die Generation der Anfang- bis Mitte-Dreißigjährigen. Nach mehreren Umzügen haben die beiden zuletzt in Hamburg-Altona gelebt und waren mit der Situation unzufrieden. Es war ihnen dort zu hektisch und zu teuer, und das Angebot an Kinos, Kneipen und Restaurants hätten sie kaum noch genutzt, erzählt Nicole Dau.

„Wir haben viel gearbeitet und hatten wenig Freizeit.“ Eine preiswerte Wohnung in einem anderen Stadtteil oder in einem Vorort war für die 33-Jährigen keine erstrebenswerte Alternative. „Ich habe gedacht: Wenn ich mich schon verändere, dann will ich ein anderes Leben ausprobieren, etwas Abenteuer erleben“, sagt sie. Und spricht von einem „180-Grad-Kehrtwende-Leben“.

Es dauerte eine Weile, bis das junge Ehepaar sich entschlossen hat, wie es künftig wohnen wolle. Seit gut eineinhalb Jahren leben die Daus jetzt im Wendland, dort haben sie auf dem Grundstück einer Hofgemeinschaft ein sogenanntes Tiny House, ein Minihaus, gebaut.

Ein Bauwagen und Handwerkererfahrung

Über Kleinanzeigen haben sie einen 30 Jahre alten Bauwagen, der die Maße acht mal 2,50 Meter hat, gefunden und nach und nach selbst ausgebaut. Darauf haben sie ein kleines Schlafloft gesetzt. Handwerkererfahrung hatten die PR-Beraterin und der Heilpraktiker vorher gesammelt, als sie einen alten VW-Bus T4 ausschließlich mit recycelten Materialien neu gestalteten.

Vor dem Einzug in ihr 25 Quadratmeter großes Tiny House haben sie sich von vielen Dingen ihres alten Lebens getrennt. „Am Anfang war das ganz kurz schwierig“, erzählt Nicole Dau, „dann ging das immer schneller, und irgendwann hat es richtig Spaß gemacht.“ Sie vermisse nichts von ihren alten Besitztümern, sagt sie, und fühle sich auch keineswegs minimalistisch.

Klein, aber effizient: Der Office-Bereich im Minihaus. Quelle: privat

Die 33-Jährige, die ihre Erfahrungen in dem Buch „Glück ist in der kleinsten Hütte“ schildert, meint aber auch, dass man „für dieses Leben gern im Grünen sein“ müsse. Wenn man sie fragt, was sie an ihrem neuen Leben am meisten mag, kommt prompt die Antwort: „die Natur.“ Und nach einem Moment sagt sie dann: „Wir können hier an dem Haus basteln und bauen, wie es uns gefällt. Und wir gehen anders mit unserer Zeit um: Wir müssen nicht mehr nur für die Miete arbeiten.“

Die beiden sind keine romantischen Zivilisationsflüchtlinge, vielmehr versuchen sie, die zwei Welten – Land und Stadt – zu verbinden. PR-Fachfrau Dau arbeitet, dank einer guten Internetverbindung, hauptsächlich von zu Hause aus. Ihr Mann ist teilweise in Hamburg beschäftigt, teilweise im Wendland. Da er keinen Führerschein hat, legt er viele Strecken mit dem Fahrrad zurück.

Es gibt manches, was Nicole und Carsten Dau mit Jill und Ole Grigoleit auf ihrem Hausboot verbindet: Bei beiden Paaren hat sich viel mehr als nur die Adresse geändert. Die Entscheidung für ihr Minihaus und für den Ausbau mit recyceltem Material ist auch eine Entscheidung für den Versuch, nachhaltig mit Ressourcen umzugehen.

„Das Interesse an dieser Wohnform wächst“

Ihren Lebensentwurf stellen die Daus auf dem Tiny Living Festival vor‚ das sie mit Freunden ehrenamtlich vom 29. August bis 1. September im wendländischen Clenze organisieren. Bei dem Event geht es nicht nur um ein paar Tage mit Musik und um eine hippe Wohnform.

Sondern die Themen dort sind auch: Wie wohnen wir zukünftig? Wie können wir den Ansprüchen der Menschen und der Umwelt gerecht werden? Welche Entwicklungen und welche Technik gibt es? „Das Interesse an dieser Wohnform wächst“, hat Nicole Dau beobachtet. Das zeigen auch verschiedene Tiny-House-Projekte, die in Berlin, Hannover und Stuttgart gebaut wurden oder geplant werden.

Nicole und Carsten Dau haben einen 30 Jahre alten Bauwagen mit recycelten Materialien ausgebaut und ihren „Vorgarten“ gestaltet. Quelle: dau

Dennoch ist – natürlich – nicht alles ungetrübt, wenn man auf dem Land lebt. Es gibt Dinge des Großstadtlebens, die Nicole Dau durchaus vermisst. Es ist aber nicht etwa mehr Platz für sich oder ein komfortableres Badezimmer. Sie sagt: „Das Angebot an interessanten Restaurants in der Umgebung ist schon ziemlich eingeschränkt. Manchmal vermisse ich es, mir beim Lieferservice einfach mal ein leckeres Essen zu bestellen.“

Fragt man Jill Grigoleit auf ihrem Hausboot, was sie an ihrem Leben schwierig findet, spricht sie offen über die enge Verzahnung von Arbeit und Familie. „Gefühlt klingelt bei meinem Mann alle fünf Minuten das Handy, und dann muss wieder irgendetwas im Hafen erledigt werden“, sagt die 34-Jährige. „Dass sich Job und Familie so vermischen, finde ich manchmal schon schwierig.“

Die junge Frau macht mit einer Hand eine Bewegung, die einen Halbkreis andeutet und die alles einschließt: Kinder, Mann, Hund, Hausboot, Hafen. „Aber all das ist eben unser Leben“, sagt sie. Und für Jill und Ole Grigoleit ist klar. „Wir können uns nicht mehr vorstellen, in einer Wohnung in der Stadt zu wohnen.“

Neue Bücher übers Wohnen

Jan Brandt: „Ein Haus auf dem Land/Eine Wohnung in der Stadt“. Dumont Verlag. 424 Seiten, 24 Euro. Der Schriftsteller erzählt vom Verlieren und Finden einer Wohnung und der Suche nach Heimat.

Nicole Dau: „Glück ist in der kleinsten Hütte. Unser Traum vom Tiny House.“ Piper Verlag. 224 Seiten, 15 Euro. Persönliche Schilderung über den manchmal steinigen Weg von gefrusteten Mietern zu entspannten Minihausbesitzern.

Klaus Englert: „Wie wir wohnen werden. Die Entwicklung der Wohnung und die Architektur von morgen“. Reclam Verlag. 216 Seiten, 18 Euro. Zahlreiche Beispiele für soziales und klimagerechtes modernes Wohnen (siehe auch Leiste).

Jill und Ole Grigoleit: „Heimathafen. Wie wir in unserem Hausboot das Glück auf dem Wasser fanden.“ Ullstein Verlag. 207 Seiten, 15 Euro. Offener und spannender Bericht, wie das Paar sich aus einem rostigen Stahlrumpf ein neues Zuhause baut.

„Wir müssen sozial und klimagerecht bauen“

Klaus Englert ist Journalist und arbeitet als Architekturkritiker für unterschiedliche Zeitungen. Zudem war er Dozent für Philosophie an der Kunstakademie Düsseldorf. In seinem Buch „Wie wir wohnen werden“ beschäftigt er sich mit neuen Wohnkonzepten. Quelle: privat

Herr Englert, welche Modelle des Wohnens finden Sie für die Zukunft vielversprechend?

Grundsätzlich geht es bei der Wohnungsfrage um zwei Gesichtspunkte: um klimagerechtes und um soziales Wohnen. Manche Modelle dafür sind gar nicht mal neu, müssen aber vielleicht neu erfunden oder interpretiert werden – etwa ein vernünftiges Konzept für betreutes Wohnen oder Seniorenwohnungen im städtischen Umfeld. Wichtig sind aber auch vermehrt Angebote für Mehrgenerationenwohnungen und vor allem genossenschaftliche Wohnformen.

Was ist denn der Vorteil des genossenschaftlichen Bauens?

Das kann man etwa an dem großen Projekt Kalkbreite in Zürich gut erkennen, das 2014 bezogen wurde. Man kauft sich in die Genossenschaft durch eine bestimmte Rate ein und ist dadurch Miteigentümer. Mit den genossenschaftlichen Anteilen wird der Kredit abgezahlt, der für den Bau nötig war. Da die Kalkbreite extrem nachhaltig gebaut ist, fällt letztlich weniger Miete an. Die Bewohner haben für ihren Privatbereich zwar weniger Quadratmeter zur Verfügung als sonst in Zürich üblich. Dafür aber bietet das Projekt zahlreiche gemeinschaftlich genutzte Flächen – etwa einen großen Innenhof mit Spielplatz, Gemeinschaftsküchen oder Räume, die man für Freizeitaktivitäten nutzen kann. Es ist eine Insel mitten im teuren Zürich.

Und ein europaweit beachtetes Vorzeigeprojekt …

Modelle, neu und anders zu wohnen, gibt es mittlerweile in vielen europäischen Städten. Von Barcelona bis Köln, wo in einem umgebauten Kloster syrische und irakische Flüchtlinge mit Kölner Familien zusammenleben. Und in Kopenhagen hat die Stadt am Nordhafen große kommunale Flächen zur Verfügung gestellt, auf denen alternative Wohnmodelle am Wasser entwickelt werden.

Aber sind Genossenschaftsprojekte, das Wohnen am Wasser oder auch in Minihäusern letztlich nicht nur eine Lösung für wenige Menschen?

Es sind auf jeden Fall Optionen für die Zukunft, weil es immer auch darum geht, den Energieverbrauch zu reduzieren. In den Niederlanden haben gerade die Minihäuser einen viel besseren Leumund als in Deutschland.

Man hat schon den Eindruck, dass die Niederlande viel fortschrittlicher sind und Wien seinen zahlreiche Genossenschaftsbauten wertschätzt.

Gerade die skandinavischen Länder und vor allem die Niederlande haben uns einiges voraus. Die Niederländer sind allerdings auch seit Hunderten von Jahren vertraut damit, mit dem Wasser zu kämpfen und ihm Land abzutrotzen. Rotterdam und Amsterdam liegen zu großen Teilen unterhalb des Meeresspiegels. Man ist dort gewohnt, mit dem Wasser zu leben – das bedeutet in moderner Terminologie: Man ist gewohnt, mit der Klimakatastrophe zu leben. Und ist sich bewusst, dafür Wohntechniken entwickeln zu müssen.

Heutzutage beansprucht jeder Deutsche 46,5 Quadratmeter für sich. Ist ein zentrales Problem nicht schlicht, dass wir zu viel Platz wollen?

Der Wunsch nach viel Wohnraum ist ja nichts Schlechtes. Meine Frau und ich sind vor einem Jahr in ein 1902 gebautes Haus gezogen, das wir komplett renoviert haben. Vor 100 Jahren lebten dort eng eingepfercht bis zu 16 Menschen, jetzt sind wir dort zu zweit. Das Problem ist eher, dass heutige Wohnungen kaum umzugestalten sind, wenn sich Ansprüche ändern.

Was meinen Sie konkret?

Stirbt zum Beispiel der Ehemann, möchte die Witwe vielleicht den Wohnraum verkleinern. Das geht aber nicht. Also muss sie ausziehen – oder in der eigentlich zu großen Wohnung bleiben. Ein anderes Beispiel: Wer den alten, pflegebedürftigen Vater in seiner Wohnung aufnehmen möchte, kann nur selten vergrößern. Das Beste wären flexible Wohnungen, die sich je nach Lebenssituation vergrößern oder verkleinern lassen. In der Züricher Kalkbreite ist das übrigens möglich.

Die Bewohner der Kalkbreite in Zürich haben für ihren Privatbereich zwar weniger Quadratmeter zur Verfügung als sonst in Zürich üblich. Dafür aber bietet das Projekt zahlreiche gemeinschaftlich genutzte Flächen – etwa einen großen Innenhof mit Spielplatz oder Gemeinschaftsküchen. Quelle: Georg Aerni

Von Martina Sulner